Erika Mitterer – die stille Rebellin

120. Geburtstag
Ausgabe Nr. 22
  • Kunst und Kultur
Autor:
Zum 120. Geburtstag: Erika Mitterer wurde 95 Jahre alt.
Zum 120. Geburtstag: Erika Mitterer wurde 95 Jahre alt. ©privat

Ihr Roman „Der Fürst der Welt“ täuschte die NS-Zensur und beschreibt die Verführbarkeit des Menschen. Anlässlich Erika Mitterers 120. Geburtstags und eines Wiener Symposiums: Ein Blick auf eine österreichische Autorin, deren Werk vom Ringen mit dem Glauben geprägt ist.

Eine junge Adelige, für das Klosterleben bestimmt. Zunächst fügt sie sich ihrem Schicksal – doch dann gerät ihr Inneres ins Wanken. Sie lässt sich auf eine verbotene Beziehung mit einem Priester ein, steigt zur Priorin auf, verstrickt sich immer tiefer in Schuld. Und schließlich tritt die Inquisition auf den Plan – und verfolgt nicht nur sie, sondern auch ihre unschuldige Schwester. So ein Teil der Handlung in „Der Fürst der Welt“, dem großen Roman von Erika Mitterer. Doch wer glaubt, dass es hier um eine abenteuerliche Klostergeschichte geht, irrt.

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Erika Mitterer: Ein Roman als Tarnung

Als das Buch 1940 erschien – mitten im Dritten Reich –, erkannte die NS-Zensur darin eine Kritik am Katholizismus. Eine Fehleinschätzung. Denn in Wirklichkeit hatte Mitterer etwas ganz anderes im Sinn: Ihr Roman ist eine verschlüsselte Abrechnung mit dem Nationalsozialismus selbst. Mit den Mechanismen von Angst und Anpassung, von Verführung und ideologischer Enge. Das mittelalterliche Kloster ist nur die Bühne – das eigentliche Stück spielt in der Gegenwart der Autorin. Das Buch begründete Mitterers Rang als eigenständige Stimme der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

„Ohne die tiefe Verankerung in der christlichen Religion hätte sie diesen Roman nicht schreiben können, hat sie bekannt“

Herwig Gottwald

„Ohne die tiefe Verankerung in der christlichen Religion hätte sie diesen Roman nicht schreiben können, hat sie bekannt“, berichtete der österreichische Germanist Herwig Gottwald (Universität Salzburg) bei einem Symposium anlässlich des 120. Geburtstages der Autorin Anfang Mai in Wien. Der Roman übe „auf versteckte Weise mit den Mitteln der Camouflage Kritik an Faschismus, an Nationalsozialismus, an Antisemitismus“. Dass diese Kritik so lange unerkannt blieb, sei kein Zufall – sondern Teil der literarischen Strategie.
 

Das Wirken des Bösen?

Das eigentliche Thema sei das Wirken des Bösen selbst: nicht spektakulär, sondern schleichend. Genau darin liegt die Stärke des Buches: Es zeigt, wie leicht Angst in Anpassung umschlagen kann, wie ein System Menschen korrumpiert, ohne dass sie es zunächst merken.

In einem zweiten Schritt rückte der Germanist Herwig Gottwald Erika Mitterers religiöse Entwicklung in den Mittelpunkt. Schon die junge Autorin sei „dem christlichen Glauben, vor allem dem christlichen Ethos, sehr verbunden“ gewesen – und diese Bindung ziehe sich durch ihr gesamtes Werk. Zugleich sei dieser Glaube nie einfach selbstverständlich gewesen, sondern immer auch ein Suchprozess – wie es auch in zahlreichen Gedichten Mitteres ausgedrückt wird.
 

Erika Mitterer konvertierte zum Katholizismus

Einen Wendepunkt bildet ihre Konversion vom Protestantismus zum Katholizismus 1965. Dieser Schritt habe sich, so Herwig Gottwald, „offenbar lange angekündigt“.  Die geistigen Wurzeln reichen dabei tief zurück. „Die Ursprünge der Konversion liegen vielleicht schon – Hypothese – im Studium der mittelalterlichen Quellen zu ihrem Hauptwerk ,Der Fürst der Welt‘“, so der Literaturwissenschaftler.

Auch die Beschäftigung mit Thomas von Aquin habe eine Rolle gespielt. Im Katholischen habe Mitterer schließlich eine Form von Halt gefunden, die ihrem Denken entsprach. Gottwald spricht von einer „Sehnsucht nach dem Gebotskanon der katholischen Kirche als einer erwünschten Stütze, einem Geländer“, das Orientierung in einer unübersichtlichen Welt gebe. 
 

Katholisch und voller Spannung

Sie blieb dabei einer vorkonziliaren, eher konservativen Frömmigkeit verbunden. Und dennoch: Ihr Werk kennt keine einfachen Antworten. Immer wieder brechen Zweifel auf, immer wieder ringt sie mit Gott, mit der Kirche, mit der Theologie. Belegt ist dieses Ringen auch in Briefwechseln etwa mit Josef Ratzinger und Franz König – zwei der bedeutendsten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts.

Diese Entscheidung, katholisch zu werden, bedeutete keinen ruhigen Endpunkt. Im Gegenteil: Erika Mitterers Werk zeigt immer wieder Brüche und Spannungen. Gottwald fasst dies in knapper Form zusammen als einen „Kampf um den echten Glauben“, der ihr Schreiben bis zuletzt geprägt habe. Gerade in dieser Spannung liegt die anhaltende Aktualität Mitterers. Ihr Werk zeigt, wie anfällig der Mensch für Verführung bleibt – und wie leicht sich Angst in Anpassung verwandeln kann. Es macht deutlich, dass Glaube kein statischer Besitz ist, sondern ein Weg, der immer neu errungen werden muss. Ihr Schreiben zeigt, dass Glaube nicht zuerst Gewissheit bedeutet, sondern Entscheidung – und manchmal auch Widerstand. 

©Martin Petrowsky, Erika Mitterer Gesellschaft

Erika Mitterer (1906–2001)

 

Geboren wurde Erika Mitterer als Tochter eines Architekten und einer aus Norddeutschland stammenden Malerin 1906 in Wien. Nach der Matura arbeitete sie als Fürsorgerin und später als Sekretärin des „Kulturbundes“ in Wien. Als knapp 20-Jährige korrespondierte sie mit Rainer Maria Rilke, dessen Einfluss in ihrem ersten Gedichtband „Dank des Lebens“ (1930) spürbar ist. 
 

Erika Mitterers Hauptwerk ist „Der Fürst der Welt“, dazu kommen als wichtige Werke vor allem „Wir sind allein“, „Die nackte Wahrheit“ und ihre Lyrik, mit der sie als eigenständige Stimme der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts hervortrat. 1965 konvertierte sie vom evangelischen zum katholischen Glauben. Umfangreiche Informationen bietet die Erika-Mitterer-Gesellschaft unter: ▶ erika-mitterer.org

Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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