„Das Lesen kommt zurück“
Welttag des Buches
Manuel Herder, Verleger in sechster Generation und Leiter des gleichnamigen Verlags, ist im Gespräch mit dem SONNTAG von der Zukunft des gedruckten Buches überzeugt. Und er erklärt, warum er den Geruch einer Buchhandlung liebt.
Das Buch als spiritueller Begleiter
Eine simple Rechnung: Es gibt im deutschen Sprachraum immer weniger Katholiken, damit auch immer weniger Menschen, die christlich geprägte Bücher kaufen. Wie gehen Sie damit um?
MANUEL HERDER: Diese Entwicklung ist so, das ist bedauerlich. Und die Frage ist, ob das eigentlich so sein muss oder ob eine andere Form des missionarischen Tätigseins auf dem eigenen Kontinent, in Europa, im eigenen deutschen Sprachraum, ob die nicht dringend notwendig wäre. Aber im Augenblick ist es so und es ist für uns problematisch, weil die klassischen religiösen Bücher, spirituelle Begleiter, rückläufig sind, und das merken wir natürlich.
"Das Lesen kommt zurück"
Welchen Wert besitzt für Sie das Lesen in einer Zeit, in der das Wischen auf dem Handy Alltag geworden ist?
Das Lesen kommt zurück, ich verspreche es Ihnen. Das Leseverhalten der jungen Generation zwischen 18 und 29 Jahren wurde 2024 in einer Studie mit dem etwas frechen Namen „Bock auf Buch“ untersucht. Man hat festgestellt, dass diese jungen Menschen mehr Geld für Bücher ausgeben als die vorhergehenden gleichaltrigen Generationen. Da ist zum einen die ganze Manga-Entwicklung gewesen. Das mag in unseren Kreisen keine Rolle spielen, aber es ist eine japanische Comic-Kultur, die einfach lesenswert ist für junge Leute. Und da haben sie sehr, sehr viele Bücher gekauft, obwohl man das am Handy wunderbar hätte wischen können. Und was jetzt hinzukommt, zum anderen, ist New Adult, so nennen wir das im Buchhandel, also sehr viele Romane von jungen Leuten für junge Leute. Jetzt wird man vielleicht sagen, aber das ist doch gar nicht literarisch wertvoll. Na ja, schauen Sie mal, was die Zeitgenossen über Goethes Werther gesagt haben.
Das Besondere am gedruckten Buch
Was ist für Sie das Besondere des gedruckten Buches?
Das gedruckte Buch hat etwas Faszinierendes, weil es etwas Authentisches hat. Wir haben ein wunderschönes Wort in der deutschen Sprache, nämlich das Wort „sich etwas aneignen“. Wenn ich mir einen Text aneigne, wenn ich ihn gelesen und verstanden habe, dann ist er plötzlich meiner. Sie können ihn mir nie wieder klauen. Und wenn ich das Buch dazu auch noch habe, dann habe ich mir den Text und das Buch angeeignet. Das ist ein ganz anderes Gefühl, als wenn ich jetzt am Lesegerät etwas lese. Leute, die Vielleser sind, die gerne viel Belletristik, viele Romane, viel Unterhaltungsliteratur lesen, die sind gerne bereit, das auf einem Lesegerät wie dem Tolino zu lesen. Bei einem Sachbuch, wo man einen Text verstehen will, da bleiben die Leute eher beim physischen Buch.
„Ich liebe den Geruch einer Buchhandlung. Gedruckte Bücher riechen anders als E-Books.“
Dr. Manuel Herder
Der Geruch einer Buchhandlung
Was macht für Sie das Geheimnis einer Buchhandlung aus?
Ich liebe den Geruch einer Buchhandlung, weil gedruckte Bücher anders riechen als E-Books. Niemand muss in eine Buchhandlung gehen, wenn er ein Buch braucht, das kann er online erledigen. In die Buchhandlung zu gehen, das hat mit Freizeitgestaltung zu tun. Das hat ein Stück weit auch mit Selbstverwirklichung zu tun. Für unsereins, die wir gerne lesen, ist ein Gang durch die Buchhandlung ein geistiger Spaziergang durch die Weltgeschichte und durch die ganze Welt. Ich glaube, das ist der Teil, der fasziniert.
Sie haben in Ihrer Verlagsreihe auch anerkannte theologische Klassiker wie die Werke von Walter Kasper und Joseph Ratzinger, Dorothee Sölle und Hans Küng. Warum?
Gesamtausgaben sind für uns aus vielerlei Gründen wichtig. Zum einen sind sie geschäftlich gesprochen ein schönes, langfristiges Projekt: Sie haben planerisch pro Halbjahr ein, zwei Bände, von denen Sie wissen, dass sie erscheinen. Zum anderen binden Gesamtausgaben natürlich auch eine Leserschaft an einen Verlag. Sie verleihen damit einem Programm Stabilität.
Der Wiener Dom-Verlag
Welche Buchbereiche umfasst das Sortiment des Wiener Dom-Verlags?
Barbara Kornherr: Der Wiener Dom-Verlag ist kein breiter Publikumsverlag, sondern ein kleiner, individueller katholischer Verlag mit einem fokussierten Sachbuch-Sortiment rund um die Themen Spiritualität, Theologie und Glaubensfragen, Bibelwissen, Ethik und Philosophie, kirchliches Leben und Kirchengeschichte, Religion im Kontext von Gesellschaft und Kultur sowie Biographien. Ein weiteres Segment umfasst den großen Bereich „Liturgische Bücher“ sowie alle Ausgaben des „Gotteslob“.
Neuerscheinungen im Wiener Dom-Verlag
Welche aktuellen Neuerscheinungen gibt es bei den Sachbüchern?
Im Herbst 2026 erscheint das erste umfassende Porträt des neuen Wiener Erzbischofs Josef Grünwidl, einfühlsam aufgezeichnet vom renommierten Autor und Publizisten Andreas R. Batlogg unter dem Titel „Für euch Bischof, mit euch Christ“. Zahlreiche Texte und Predigten des Erzbischofs sowie Fotostrecken ergänzen das umfassende Werk. Ein Schwerpunkt des Herbstprogramms widmet sich Matthias Beck, bekannt als Mediziner, Moraltheologe, Universitätsprofessor, Autor zahlreicher Bücher und katholischer Priester, der heuer seinen 70. Geburtstag feiert. In seiner Neuerscheinung „Die Welt beginnt in dir“ betrachtet er die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen, die als Auftrag, als Zumutung oder als Chance interpretiert werden kann. Beck zeigt auf, dass die eigene Bestimmung kein Zufall ist, sondern ein Echo unserer Seele. In einem weiteren Buch stellt sich Matthias Beck den Fragen der Kulturpublizistin Michaela Schlögl nach dem spirituellen Kern unserer christlichen Feiertage. Was ist eigentlich mit den freien Tagen von Allerheiligen bis Christi Himmelfahrt gemeint? Machen uns freie Tage wirklich frei? Unter dem Titel „Du hast frei – bist du frei?“ antwortet Beck auf seine typische Weise: menschlich, unkonventionell und erfrischend.
Buch zur Bibel
Auffallend sind die vielen Bücher mit biblischem Inhalt. Warum?
Bibellektüre zum Vergnügen zu machen und Bibelwissen in pointierter Sprache, klar, fundiert und verständlich zu vermitteln, ist ein Schwerpunkt des Wiener Dom-Verlags. Bibelwerksdirektorin Elisabeth Birnbaum bringt als Autorin diesen Anspruch mit ihrer erfolgreichen CRASHKURS-Reihe auf den Punkt. Unterhaltsam und lehrreich stellt sie darin die Bücher des Alten und Neuen Testaments sowie die 50 wichtigsten Personen der Bibel vor. In ihrem neuesten Werk lädt sie ein, sich auf die verschlungenen Wege des Bibelwalds zu begeben. Sowohl Bibel-Neulingen als auch Bibel-Fans bieten die Bücher überraschende Zusammenhänge und neue Einblicke.
"Lesen ist ein Kulturgut"
Warum ist das Lesen von Büchern ein Kulturgut? Wird heute noch gelesen?
Lesen ist ein Kulturgut, weil es weit mehr ist als Unterhaltung. Es ist ein zentraler Bestandteil dessen, wie wir als Gesellschaft denken, lernen und uns entwickeln. Lesen öffnet den Zugang zu anderen Welten und Perspektiven und ist die Grundlage für kritisches Denken, für eine funktionierende Gesellschaft. Es wird immer noch gelesen. Lesen könnte man als kulturelle Gegenbewegung zur digitalen Schnelllebigkeit bezeichnen: Konzentration statt ständiger Ablenkung, Tiefe statt oberflächlicher Informationen, eigenes Denken statt vorgegebener Algorithmen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Bücher des Wiener Dom-Verlags, die einladen, sich Zeit zu nehmen und thematisch in die Tiefe zu gehen. Zudem werden sie aufgrund ihrer hochwertigen Haptik und individuellen graphischen Gestaltung immer wieder gerne zur Hand genommen.
Sie leiten den Wiener Dom-Verlag seit 2014.
Ich sehe es als große Freude und Herausforderung, das „Kernprogramm“, bestehend aus dem Gotteslob, religiösen Schulbüchern und liturgischen Büchern, mit dem Anspruch zu erweitern, Glaubensfragen und spirituelle Themen lebensnah und in einer heutigen Sprache an unsere Leserinnen und Leser zu vermitteln.
Tipp
Das ganze Programm des Wiener Dom-Verlags ▶ domverlag.at
Radio-Tipp: Lebenswege
Ein Porträt von Verleger Manuel Herder hören Sie in der Reihe Lebenswege im Podcast auf ▶ radioklassik.at