Ludwig Wittgenstein: Allround-Genie

Philosoph und Lehrer in Trattenbach
Ausgabe Nr. 21
  • Spiritualität
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Autor folgenreicher Thesen über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Welt.
Autor folgenreicher Thesen über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Welt. ©wikicommons/Anonymous/public domain

Kaum ein Denker des 20. Jahrhunderts hat die Philosophie so nachhaltig verändert wie Ludwig Wittgenstein. Weltweit kennt man ihn und seine berühmten Ansichten wie etwa „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“.

Es gibt Sätze von Philosophen, die sind für die Ewigkeit – und sie erreichen auch Menschen, die nie Philosophie studiert haben. Der „Tractatus logico-philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein (1889–1951) enthält gleich zwei davon. Der eine lautet: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Ein zweiter, ganz am Schluss der kurzen Schrift, ist ähnlich fundamental: „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

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75. Todestag von Ludwig Wittgenstein

Als Wittgenstein das 1918 schrieb, kannten den einsamen Denker aus Österreich nur einige Spezialisten in Cambridge, die sich mit Spezialproblemen der Logik befassten. Andere in dieser Blase, wie der britische Philosoph Bertrand Russell oder der deutsche Mathematiker Gottlob Frege, waren damals schon Stars. Doch Wittgensteins Stern fing erst zu leuchten an, nachdem der „Tractatus“ 1922 mit Russells Hilfe auch auf Englisch erschien.

Denken der Zeitgenossen erschüttert

Wie kaum ein anderes Werk des 20. Jahrhunderts warf das schmale Bändchen mit seinen sieben Kapiteln die Theorien und Gedankengebäude ganzer philosophischer Schulen und Denkrichtungen über den Haufen. Seit David Hume und Immanuel Kant im 18. Jahrhundert hat es niemand mehr geschafft, das Denken der Zeitgenossen so sehr zu erschüttern und das der Nachkommen so lange zu beeinflussen wie der junge Mann aus Wien mit dem ungebändigten Haarschopf. 

„Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

Ludwig Wittgenstein

Im englischsprachigen Raum wird die jüngere Philosophie in eine Zeit vor und eine Zeit nach Wittgenstein und seinem „linguistic turn“ – der sprachphilosophischen Wende – eingeteilt. Vorher befassten sich die Denker mit Grundfragen des Seins und des Erkennens, bauten hochfliegende Welterklärungstheorien. Nachher war zumindest vielen nüchternen Angelsachsen klar, dass es sich mitunter um Scheindebatten handelte: Sie lösten sich in beinahe nichts auf, wenn man die sprachlichen Missverständnisse klärte und sich an den letzten Satz des „Tractatus“ hielt.
 

Ludwig Wittgenstein: Unkonventionelle Persönlichkeit

Der Autor der folgenreichen Thesen über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Welt war als Persönlichkeit ähnlich unkonventionell und schwer einzuordnen wie sein frühes Hauptwerk. Nach dessen Veröffentlichung publizierte er lange nichts mehr. Das war nur konsequent – glaubte er doch, die wesentlichen Probleme der Philosophie bereits gelöst zu haben.

Nach 1918 wandte er sich – unstet – anderen Tätigkeiten zu. Als Sohn wohlhabender Industrieller geboren, hatte er sein beträchtliches Vermögen verschenkt. In seinem Privatleben gab es einige homosexuelle Geliebte. Dem ersten, dem 1918 verstorbenen David Pinsent, widmete er den „Tractatus“. Nach dessen Tod wurde er Volksschullehrer, wechselte zweimal die Stelle und quittierte den Dienst, nachdem er einen Schüler im Zorn bewusstlos geschlagen hatte.
 

Gärtner im Kloster

Nach einem Intermezzo als Hilfsgärtner in einem Kloster betätigte er sich als Architekt und Bildhauer. Unter anderem entwarf er für seine Schwester ein modernes Stadtpalais in Wien, das bis heute als Haus Wittgenstein bekannt ist. Erst nach etwa zehn Jahren Unterbrechung wandte sich Ludwig Wittgenstein wieder der Philosophie zu. Er reichte seinen „Tractatus“, der ohne jegliche Quellenangaben auskam, als akademische Qualifikationsschrift in Cambridge ein und wurde 1929 bei Russell und George Edward Moore promoviert. Nach einigen Lehraufträgen übernahm er Moores Professorenstelle und wurde britischer Staatsbürger.

In seinen Vorlesungen und Debatten mit Studenten und Lehrenden entwickelte er sein Denken weiter. Er blieb seinem Grundansatz treu, dass philosophisches Denken eine Analyse von Sprache und Begriffen voraussetzte. Doch hatte er realisiert, dass Sprache mehr kann als bloß Sachverhalte und Vorgänge abzubilden. Er begann, die unterschiedlichen „Sprachspiele“ der Menschen und ihre Regeln zu untersuchen. So entstand sein deutlich längeres und facettenreicheres Spätwerk, das unter dem Titel „Philosophische Untersuchungen“ erst nach seinem Tod publiziert wurde.
 

Das Problem der Gewissheit

Die Untersuchungen hatten auf die philosophische Fachwelt noch mehr Einfluss als das Frühwerk, doch enthielten sie keine Sätze von der monumentalen Wucht des „Tractatus“ mehr. Stattdessen analysierte Wittgenstein den Zusammenhang von Sprache, Denken und Welt anhand einzelner Problemfelder; immer wieder kreiste er um das Problem der Gewissheit und versuchte zu begreifen, wie Kommunikation unter Menschen funktioniert.

„Der Tod ist kein Ereignis des Lebens.“

Ludwig Wittgenstein

In dieser Zeit verfeinerte er auch sein Nachdenken über Religion. Schon im „Tractatus“ ließ er erkennen, dass ihn das Mystische faszinierte. Er schrieb damals: „Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles, wie es ist, und geschieht alles, wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert – und gäbe es einen, so hätte er keinen Wert. Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muss er außerhalb alles Geschehens und So-Seins liegen. Denn alles Geschehen und So-Sein ist zufällig.“
 

„Sprachspiel“ der Religion und der Glaubenden

In seiner zweiten Phase als Denker analysierte er eingehend auch das „Sprachspiel“ der Religion und der Glaubenden und kam zu Erkenntnissen, die bis heute anregend für die Theologie sein können. Einmal untersuchte er, was es bedeutet, wenn jemand an das Jüngste Gericht glaubt. Er begann mit einer typisch Wittgensteinschen Frage: „Wie können wir wissen, ob wir sagen sollen, er glaubt, dass das Jüngste Gericht stattfinden wird, oder er glaubt es nicht? Ihn zu fragen, ist nicht genug. Er wird vermutlich sagen, dass er Beweise hat. Er hat jedoch vielmehr das, was man einen unerschütterlichen Glauben nennt. Und der wird sich nicht beim Argumentieren oder beim Appell an die gewöhnliche Art von Gründen für den Glauben an die Richtigkeit von Annahmen zeigen, sondern vielmehr dadurch, dass er sein ganzes Leben regelt.“

Ludwig Wittgenstein und der Tod

Im Zweiten Weltkrieg engagierte sich Wittenstein, der noch im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger für Österreich-Ungarn gekämpft hatte, als britischer Zivilist auf der Seite der Alliierten: als Pfleger in einem Londoner Krankenhaus und als Laborassistent. Dort entwarf das Allround-Genie Geräte zur Messung von Atmungsfrequenz und Atemvolumen.
1947 gab  Ludwig Wittgenstein die Philosophie-Professur in Cambridge auf, widmete sich aber weiter philosophischen Fragen, insbesondere der Philosophie der Psychologie. Als er an Krebs erkrankte, lehnte er eine Krankenhaus-Behandlung ab. Er starb am 29. April 1951 in Cambridge, wo er auch beerdigt wurde. Über den Tod hatte er einst geschrieben: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.“

Autor:
  • Ludwig Ring-Eifel
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