Über die Kunst der Diplomatie

Sommergespräch: Emil Brix
Ausgabe Nr. 28
  • Politik
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Stefan Hauser im Gespräch mit Botschafter Emil Brix. Aufgrund einer Erkrankung ist der Rollstuhl ein wichtiges Fortbewegungsmittel.
Stefan Hauser im Gespräch mit Botschafter Emil Brix. Aufgrund einer Erkrankung ist der Rollstuhl ein wichtiges Fortbewegungsmittel. ©Markus Langer

Emil Brix war jahrelang Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien, davor österreichischer Botschafter in Moskau und in London. Er erzählt, worauf es in der Diplomatie ankommt und welche Funktion Päpste innehaben bei der Bewahrung des Friedens.

Emil Brix, geboren 1956, war ab 1982 im Diplomatischen Dienst der ­Republik Österreich. Stationen als Generalkonsul in Krakau, Direktor des Österreichischen Kulturinstituts in London und Leiter der Kulturpolitischen Sektion im Außenministerium. 2010 bis Januar 2015 Botschafter in London, bis 2017 Botschafter in Moskau. Von 2017 bis 2025 Direktor der Diplomatischen Akademie Wien.

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Emil Brix über Diplomatie

Herr Botschafter. Ein bekanntes Zitat von Friedrich dem Großen lautet: „Diplomatie ohne Waffen ist wie Musik ohne Instrumente.“ Können Sie dem etwas abgewinnen?

EMIL BRIX: Friedrich dem Großen kann ich immer was abgewinnen, weil der Diplomat tatsächlich eine Unterstützung braucht durch das, was wir tun. Das kann heutzutage das Militär sein, wirtschaftliche Macht, das können Rohstoffe sein, all das braucht der Diplomat. Allein ist er verloren. Denn er ist ja im Grunde nur jemand, der eine Botschaft weiterträgt, darum heißt er auch so. 

Man muss vor allem militärisch nach Möglichkeit ein bisschen stärker sein als das Gegenüber.

Beginnen Kriege, wenn der diplomatische Weg scheitert?

Ja, so ist es. Deswegen muss man sich auf solche Situationen auch vorbereiten. Da genügt es nicht nur, möglichst viele Menschen in einer Botschaft zu haben, um Informationen zu kriegen über das, was gerade international passiert, sondern da braucht es auch so etwas wie, und ich nehme das böse Wort in den Mund, da braucht es Abschreckung.

Krieg und Diplomatie

Was bedeutet das?

Man muss vor allem militärisch nach Möglichkeit ein bisschen stärker sein als das Gegenüber. Damit der nicht auf die Idee kommt, einen Krieg zu beginnen. Das Problem ist nur, dass der dann für sich auch sagt, aha, die sind militärisch ein bisschen stärker als ich. Das heißt, ich muss noch aufrüsten, ich muss auch ein bisschen stärker sein. Da kommt man in eine Spirale hinein, die in einen Krieg führen kann. Und das ist auch die Aufgabe des Diplomaten, zu schauen, dass diese Spirale nicht entsteht.
 

Emil Brix über die „Appeasement-Politik“

Es gibt das lateinische Sprichwort „Si vis pacem, para bellum“ (Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor). Stimmt das?

Das ist ein absolut richtiger und notwendiger Satz. Alles andere, und da gibt es viele Beispiele in der Geschichte, führt dazu, dass Kriege ausbrechen. Ein Beispiel dafür ist, die „Appeasement-Politik“ (Beschwichtigungspolitik) des britischen Premierministers Neville Chamberlain in den 1930er-Jahren gegenüber Adolf Hitler. Ihr Ziel war es, durch Zugeständnisse einen neuen Weltkrieg zu verhindern. Es hat nichts genützt.

Wenn man bereit ist, die Gesellschaft für richtig und gut zu halten, dann muss man sie auch verteidigen können.

Was lernen wir daraus?

Das heißt, es ist notwendig, der eigenen Bevölkerung klarzumachen: Wenn man bereit ist, die Gesellschaft für richtig und gut zu halten, dann muss man sie auch verteidigen können. Das ist ein entscheidender Punkt.

Emil Brix: „Europa steht auf der Speisekarte der Raubtiere“

Es gibt ein Zitat von Ihnen, das lautet: „Europa steht auf der Speisekarte der Raubtiere.“ Das ist beängstigend.

Ich habe dieses Bild bewusst gewählt, weil ich es auch so mit Sorge beobachte. Auf der einen Seite die Sorge, dass die Raubtiere tatsächlich vorhanden sind. Das heißt, dass einige wenige Große nach machtpolitischem Kalkül versuchen, die Welt aufzuteilen, Einflusszonen zu errichten und die anderen keinen Platz haben. Die zweite Sorge ist, dass wir Europäer eigentlich nicht wissen, wollen wir von dieser Speisekarte runter, wollen wir selbst ein Raubtier werden oder wollen wir gefressen werden? Oder gibt es einen Weg dazwischen?

Europas Erfahrungen mit Konflikten

Kann es sein, dass man einen Weg findet, dass man weder zu den Bösen, die die anderen fressen, gehört, noch zu denen, die auf der Speisekarte stehen?

Offen gesagt, die Welt macht im Moment nicht diesen Eindruck. Es geht darum, sich zu entscheiden, wie man agiert. Ich spreche mich immer dafür aus, dass Europa versuchen muss, bei den Großen dabei zu sein. Unter anderem, weil wir so viel Erfahrung gemacht haben mit Konflikten, Auseinandersetzungen, dass wir uns oft bemüht haben um Frieden und die Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit.
 

Österreichs Rolle im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen

Österreich hat ab 2027 für zwei Jahre einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Was bringt uns das?

Der Sicherheitsrat ist derzeit nicht gerade sehr funktional, weil die großen Mächte kein Interesse daran haben. Aber dennoch hat man die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, Informationen zu bekommen, stärker auch in Österreich selber darauf zu schauen, dass man versteht, wie wichtig die globalen Entwicklungen sind.

Emil Brix über die Neutralitäts-Debatte in Österreich

Immer wieder steht auch die Debatte über die Neutralität, über die Zeitgemäßheit der Neutralität Österreichs, der immerwährenden Neutralität, an. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Die hat sich über die Jahre entwickelt. Ich war in der Zeit, als es fast zu einer Frage des NATO-Beitritts gekommen ist, im Jahr 2000, als auf der einen Seite der damalige Bürgermeister Helmut Zilk, sich dafür ausgesprochen hat, andererseits auch der damalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, strikt dagegen. Wir sind mit der Neutralität sehr gut gefahren. Das hat sich dann geändert, als ich gemerkt habe, dass die Neutralität uns militärisch nicht schützt, und wir uns auch nicht ersparen können, eine ordentliche Diskussion über die österreichische Identität zu führen. Denn wir haben gesagt, die Neutralität ist unser Identitätsmerkmal. Die Sicherheitslage hat sich völlig geändert. Wir brauchen Partner, die uns nicht nur beschützen, weil sie rund um uns liegen und wir daher nicht wirklich angegriffen werden können. Inzwischen erfolgen die Angriffe nicht mit Panzern. Und auf der anderen Seite brauchen wir auch für uns selbst etwas anderes, was uns ausmacht, als nur zu sagen, wir sind neutral. Es gibt Situationen wie den russischen Angriffskrieg in der Ukraine, da kannst du nicht, da darfst du nicht neutral sein. Und das hat Österreich Gott sei Dank von Anfang an auch sehr, sehr deutlich gemacht.
 

Es gibt Situationen, da darfst du nicht neutral sein.

Die Rolle der Päpste für Frieden

Welche Rolle billigen Sie Päpsten beim Einsatz für Frieden zu?

Jeder Papst ist eine öffentliche Person. Selbst in jenen Staaten, wo es keine katholischen Mehrheiten gibt, ist die Autorität des Papstes etwas, das man nicht ignorieren kann. Was aber nicht der Fall ist, ist, dass der Papst tatsächlich politisches Verhalten von Staaten beeinflussen kann. Eine unserer Tatsachen ist heute auch, dass moralische Autorität kaum mehr umgesetzt wird in politisches Handeln. Dass die moralische Autorität des Papstes, wenn er darauf hinweist, dass Kriege etwas sind, was die Menschheit verhindern muss, dass wir dem Frieden verpflichtet sein müssen, nicht umgesetzt wird von anderen in politisches Handeln, sondern politisch bestenfalls mit Kopfnicken zur Kenntnis genommen wird und man ihm ein bisschen zuhört. Sogar Trump und Vance fahren nach Rom und freuen sich, wenn sie den Papst treffen dürfen. Aber ihr Verhalten ändern sie deswegen gar nicht. Das war nicht immer so.
 

Die Rolle der Kirche

Was kann die Kirche, was soll die Kirche in so einer Situation tun?

Ich denke, das wissen auch die Päpste, auch der jetzige Leo XIV., dass es nicht mehr so entscheidend ist, wer der Papst ist und ob alle seiner Fahne folgen, sondern entscheidend ist, was denken denn die Gläubigen. Das heißt, der wichtigere Kontakt der Päpste heute scheint mir zu sein, mit den Gläubigen ins richtige Gespräch zu kommen. Und bei ihnen diese Notwendigkeit zum Frieden aktiv werden zu lassen, auch gegen Kriege zu opponieren und nicht so sehr selbst mit der weißen Fahne herumzulaufen.

Krieg und Kirche

Die große Diskussion, die da dahintersteht in der Geschichte der Kirche, ist ja immer die Frage: Kann es einen gerechten Krieg geben?

Das ist ja seit Augustinus eine heftige, lange Diskussion. Franziskus hat versucht, hier einen klaren Kurs gegen die These des gerechten Krieges einzunehmen. Leo XIV. hat sich da teilweise angeschlossen, aber letztlich ist es noch eine offene Frage. 

Emil Brix über das Recht sich zu verteidigen

Ich denke aber, Botschafter Brix, wir sind uns einig, wenn ich angegriffen werde, habe ich das Recht und die Pflicht, mich und mein Volk zu verteidigen?

Ich habe auf jeden Fall das Recht, mich zu verteidigen, wenn ich angegriffen werde. Die Pflicht, das ist individuell natürlich, da muss ich selbst entscheiden. Verteidige ich mich oder laufe ich davon? Aber wenn ich Teil eines Staatsvolkes bin, dann habe ich die Pflicht, auch nach der Verfassung, dafür zu sorgen, dass dieser Staat weiter existiert mit allen Möglichkeiten, die die Verfassung vorsieht.

©David Kassl

Sommergespräch


Eine Kooperation von radio klassik und Der SONNTAG. Das ganze Gespräch mit Emil Brix hören Sie am 13. Juli um 19:00 Uhr aufradioklassik.at

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Autor:
  • Stefan Hauser
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