„Ich wollte etwas zurückgeben“

Glaubenszeugnis
Ausgabe Nr. 28
  • Spiritualität
Autor:
Die Arbeit bei der Pfarr-Caritas macht Petra Kellner sehr Spaß.
Petra Kellner war viele Jahre mit ihren Kindern zu Hause. Das war eine bewusste Entscheidung von ihr und ihrem Mann. Die Arbeit bei der Pfarr-Caritas macht ihr sehr Spaß. ©Pfarr-Caritas

Petra Kellner, 55, war zufriedene Hausfrau und Mutter und entschied, ihr Glück mit anderen zu teilen. Seit über 20 Jahren arbeitet sie in der Pfarr-Caritas, heute auch hauptamtlich.

Im Sommer bieten viele Pfarren in Zusammenarbeit mit der Caritas die Möglichkeit zur Begegnung in den ‚Klimaoasen‘ im kühlenden Pfarrgarten. Aufgrund der großen Hitze lud die Canisiuspfarre am Vortag des Interviews mit dem SONNTAG zu einer ‚Not-Klimaoase‘ ein.  

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Frau Kellner, wie lief es gestern bei der Not-Klimaoase in der Canisiuspfarre?

Es sind so viele Gäste gekommen wie noch nie, insgesamt 56 Menschen. Anders als sonst waren wir dieses Mal nicht im Freien, sondern in der Krypta, wo es 20,5 Grad hatte. Alle waren sehr dankbar dafür, dass sie sich abkühlen konnten. Es gab Kaffee und Wasser mit Minze und Zitronenscheiben, und die Besucherinnen und Besucher sind gemütlich zusammengesessen und haben Karten gespielt, gelesen oder sich auf den vorbereiteten Liegestühlen ausgeruht. Man hat richtig gesehen, wie die Leute mit vollkommen überhitzten Gesichtern reingekommen und mit entspannten Gesichtern rausgegangen sind.

Gäste von Pfarr-Caritas

Wer waren die Gäste?

Zu achtzig Prozent waren es Personen, die auch sonst unsere Caritas-Angebote in der Pfarre in Anspruch nehmen. Die restlichen zwanzig Prozent sind zum ersten Mal gekommen.

„Ich setze mich auch oft in eine Kirche und nutze die Stille für das Zwiegespräch mit Gott.“ 

23 Jahre bei Pfarr-Caritas

Sie sind seit 23 Jahren ehrenamtlich Teil der Pfarr-Caritas in Canisius und als Teamleiterin der Pfarrcaritas in der Erzdiözese Wien angestellt. Wie kamen Sie zur Mitarbeit in der Caritas?

Ich war viele Jahre mit meinen Kindern zu Hause. Das war eine bewusste Entscheidung von mir und meinem Mann und ein großes Glück für uns. Ich wollte das ein Stück weit zurückgeben und mit meiner Zeit am Vormittag etwas Sinnvolles für andere tun. Als mich die damalige Pastoralassistentin in Canisius angesprochen hat, ob ich mir vorstellen könnte, eine Caritas-Sprechstunde in der Pfarre zu etablieren, habe ich zugesagt. Später habe ich in der Caritas hauptamtlich zu arbeiten begonnen und seit 2020 arbeite ich bei der Pfarr-Caritas.

Sie haben viele Jahre lang die Sozialberatung in der Pfarre Canisius mitbetreut. Mit welchen Anliegen kommen die Menschen dorthin und wie wird ihnen geholfen? 

Zweimal pro Woche können armutsbetroffene Menschen in die Sprechstunde kommen. Wir schauen uns ihre finanzielle und menschliche Situation an und finden heraus, wie wir als Pfarre helfen und wo wir sie an staatliche Stellen weiterleiten können. Unser oberstes Prinzip ist dabei: Wir nehmen den Menschen an, so wie er ist. Oft kommen die Leute hochangespannt und sind es nicht gewohnt, dass sie jemand freundlich begrüßt und ihnen ohne Zeitdruck zuhört. Bei uns können sie selbst bestimmen, was sie erzählen wollen. Wenn man Kaffee oder Wasser anbietet, geht es eigentlich immer relativ schnell, dass echte Begegnung stattfindet. An manche Begegnungen erinnere ich mich immer noch.

Erzählen Sie uns von einer dieser Begegnungen!

Eine Mutter zum Beispiel, die einen gewalttätigen Partner hatte und sich zuerst nicht trennen konnte. In einer Notsituation wurde sie schließlich aus der Wohnung geholt, die Kinder mit Polizeischutz aus der Schule. Wir haben ihr eine Wohnmöglichkeit vermittelt. Noch lange hatten wir Kontakt mit ihr. Nach zwei Jahren hat sie uns ein selbst gemaltes Bild geschickt mit der Botschaft: ‚Ihr habt mir mein Leben zurückgegeben.‘

Sie haben Familie und einen Beruf: Wie bleiben Sie in Ihrem Alltag mit Gott in Verbindung?

Wir sind mindestens einmal pro Monat in Canisius im Gottesdienst, ansonsten gehört der Sonntagsgottesdienst an unserem Zweitwohnsitz dazu. Er hat für mich im positiven Sinn Ritualcharakter. Ich setze mich rein, kann der Liturgie folgen, ohne viel nachzudenken. Runterkommen und mich reinfallen lassen. Ich setze mich auch oft in eine Kirche und nutze die Stille dort für das Zwiegespräch mit Gott. Ich spreche alles aus, hadere und schimpfe – nein, das wäre zu viel gesagt , aber ich sage schon: ‚Was soll das jetzt?‘ Und ich merke immer wieder, wie viel Gelassenheit mir das dann gibt.

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Autor:
  • Sandra Lobnig
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