Das Ende des Amerikanischen Traums?
Sommergespräch: 250 Jahre USA
Am 4. Juli begehen die USA dieses Jahr ihr 250. Jubiläum. In seinem neuen Buch „Das Ende eines Traums – Donald Trump und der 250. Geburtstag der USA“ beschäftigt sich der Theologe, Religionspädagoge, Philosoph und Kenner der Vereinigten Staaten Andreas Weiß mit der Identitätssuche einer Nation.
Interesse an den USA
Wie entstand Ihr Interesse an den politischen Vorgängen in den USA über die vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte? Hat das mit Ihrem Lehraufenthalt zu tun?
Andreas Weiß: Ich bin 2010 das erste Mal, als Austauschstudent, in die USA gekommen. Geplant war ein Studienjahr. Aus diesem sind dann fast sechs Jahre geworden, in denen ich zwischen Salzburg und den USA hin und her gependelt bin. Während dieser Zeit habe ich erlebt, dass in den USA Religion, Gesellschaft und Öffentlichkeit in einem ganz anderen Verhältnis stehen als in Europa. Mit der Wahl von Donald Trump 2016 ist in Europa ein neues Interesse an den USA aufgeflammt. Die vielen Fragezeichen, die sich in den letzten Jahren ergeben haben, haben mich dann immer wieder dazu bewogen, neu über die USA nachzudenken.
Studienaufenthalte im Bible Belt
Wo waren Ihre Studienaufenthalte?
Die Hauptregion, in der ich tätig war, war der amerikanische Bible Belt. Also der südliche Teil der Bundesstaaten, in denen stark bibeltreue, evangelikale, freikirchliche Gruppen situiert sind. Ich war dann in Springfield, Missouri, einer Kleinstadt mit 170.000 Einwohnern. In dieser kleinen Stadt gibt es eine enorme Anzahl unterschiedlichster Konfessionen, also auch die katholische Kirche oder die lutherische Kirche – Augsburger Bekenntnis würde man bei uns sagen. Hier findet man auf kleinstem Raum eine starke Konzentration unterschiedlichster Identitäten, wie der Glaube in der Öffentlichkeit gelebt wird.
Die USA und der Amerikanische Traum
Der American Dream hat lange Gültigkeit gehabt. Heute scheint er für die meisten Menschen in den USA unerreichbar. Wie ist es dazu gekommen?
Dabei sollte man immer zwei Perspektiven unterscheiden. Das eine ist der American Dream von innen: Jeder US-Bürger kann mit harter Arbeit etwas erreichen. Er kann erfolgreich sein, er kann sich Reichtum erarbeiten. Es gibt auch die Perspektive nach außen. In der Sozialwissenschaft würde man sagen, der Pull-Faktor, also für Menschen, die in die USA immigrieren wollen. Diese zwei Facetten waren in der Geschichte immer in einer gewissen Spannung. Dieses „Jeder kann es erreichen“ wurde nach außen getragen, aber die Interessen der unterschiedlichen Gruppen, also der Menschen, die von außen kommen kommen, und jener, die in den USA geboren und aufgewachsen sind, sind immer wieder miteinander kollidiert.
Es wird suggeriert, wir müssen Amerika wieder groß machen.
In den letzten Jahrzehnten haben diverse Krisenerfahrungen die US-Bürgerinnen und -Bürger geprägt. Das sind nicht nur Wirtschaftskrisen, sondern auch Kriege, Terrorattentate, eine gewisse Orientierungslosigkeit, schwächelnde Wirtschaft. Man erlebt am eigenen Leib, dass die Selbstverständlichkeit, wie dieser amerikanische Traum oder auch diese Vormachtstellung der USA in der Welt lange Zeit gesehen wurde, nicht mehr so selbstverständlich ist. Und aufgrund dieser kriselnden Identität kommt auch dieses Versprechen nach außen für alle Menschen weltweit immer mehr unter Druck. Wir sehen das bei der Politik Donald Trumps. Dieses „America First“ hat sich auf den amerikanischen Traum umgelegt. Viele Menschen in den USA sind der Meinung, der American Dream hat zuerst für die Amerikaner und Amerikanerinnen zu gelten.
Die MAGA-Bewegung
Wie relevant ist Trumps MAGA-Bewegung noch? Der Slogan „Make America Great Again“ (deutsch „Macht Amerika wieder groß“), kurz MAGA, wurde mehrfach in Präsidentschaftswahlkämpfen verwendet.
Die MAGA-Bewegung hat durchaus Relevanz. Wir werden sehen, sollte Donald Trump tatsächlich von der politischen Bühne abtreten, wie stark diese Bewegung weitergeht. Vor allem die Botschaft hinter der MAGA-Bewegung hat für den American Dream eine enorme Bedeutung, nämlich dieses „Make America Great Again“. Es wird dadurch suggeriert, wir müssen Amerika wieder groß machen. Also Amerika war groß, Amerika ist heute nicht mehr groß und wir müssen heute Maßnahmen setzen, um diesen Zustand, den wir irgendwo in der Geschichte verloren haben, wiederherzustellen. Und das kennen wir auch aus allen Teilen der Welt, in denen politische Populisten oder Populismusbewegungen an die Macht kommen. Dieses Herbeisehnen eines fast paradiesischen Zustands, den man in der Vergangenheit verortet. Das hat für die politischen Bewegungen in der Gegenwart enorme Kraft.
Der American Dream und die Geschichte der USA
Sie beschreiben den amerikanischen Traum als etwas, das aus mehreren Elementen zusammengesetzt ist. Können Sie das genauer erläutern?
Der American Dream ist eine historische Entwicklung, die über unterschiedliche Phasen entstanden ist. Er ist nicht nach außen proklamiert worden, sondern er hat sich über die Erfahrungen der Menschen in den Kolonien und in den USA als jungem Staat entwickelt. Vor allem die Staatsgründung, die Unabhängigkeitserklärung von den britischen Kronländern hat eine entscheidende Rolle gespielt. Denn die 13 Kolonien, die sich als Staat selbstständig machen wollten, haben diesen Schritt gesetzt in dem Bewusstsein, dass es mit einem enormen Risiko verbunden war, sich von dieser starken Weltmacht loszusagen. Es gab über zehn Jahre Krieg, über Jahrzehnte lang hinweg militärische Spannungen. Und genau in solchen Situationen vermischt sich oftmals das Politische mit dem Religiösen. Und dieser „American Dream“ kommt aus dieser selbstbewussten Überzeugung. Die USA sind aus der Taufe gehoben worden als ein politisch unmögliches Projekt. Dadurch, dass es heute noch existiert oder geglückt ist, wurde daraus oftmals eine göttliche, eine transzendente Fügung abgeleitet.
In der Vergangenheit gab es Spannungen zwischen Papst Leo XIV. und Donald Trump. Wie kann sich das Verhältnis zwischen ihnen noch entwickeln?
Wir erleben derzeit, wie sich die Kräfteverhältnisse verschieben. In der ersten Amtszeit von Donald Trump, als Franziskus Papst war, waren die Rollen klar verteilt. In der Wahrnehmung vieler konservativer Gruppierungen in den USA war Donald Trump der Anker im Weißen Haus, der für eine Politik der konservativen traditionellen Werte stand, und der südamerikanische Papst im Vatikan warder, der viele mit seinem Reformdruck auch überfordert hat. Diese Logik funktioniert mit Donald Trump und Papst Leo nicht mehr. Bei Papst Leo haben wir einen Pontifex, der theologisch auf der Linie von Papst Franziskus ist. Aber in der Art und Weise, wie er sich gibt, ist er durchaus ein traditionsorientierter Kirchenmann. Er versucht, unterschiedliche politische Gruppierungen mit ins Boot zu holen.
Es gibt Kräfte, die an einem friedlichen Zusammenleben festhalten.
Dieses Ausspielen zwischen Trump in Washington und Papst in Rom, das funktioniert nicht mehr. Und mit diesem Aufeinandertreffen von Trump-Vance auf der einen Seite und Leo auf der anderen Seite, das war so eine erste Eskalationsstufe auch für viele katholische Gruppierungen in den USA und auch für katholische Bischöfe. Die Frage im Konfliktfall: An wem orientiere ich mich? Diese Frage ist nicht mehr so einfach zu beantworten. Man hat in den letzten Monaten gemerkt, dass hier eine kritische Linie gegenüber der Trump-Regierung verfolgt wird.
J.D. Vance und sein Weg zum Katholizismus
Der US-Vizepräsident J. D. Vance hat in seiner Biographie „Communion“ über seinen Weg zum Katholizismus geschrieben. Was ist da zu erwarten?
Die Biographie von J. D. Vance ist ein Musterbeispiel dafür, wie man mit Religion in der modernen, konservativen Politik umgeht. Religion wird als Filter genommen, um ein Framing herzustellen. Und dieses Framing heißt auch bei J. D. Vance Heimkehr. Ich bin in der katholischen Kirche gelandet als einem Ort, in dem die Welt noch in Ordnung ist, in dem Traditionen und Werte hochgehalten werden. Und das suggeriert nach außen: Ihr müsst euch entscheiden: Was wollt ihr? Wollt ihr in eine Zukunft, die traditionelle Werte ad acta legt? Oder wollt ihr euch wieder an den stabilen Fundamente orientieren? Hier sind wir wieder bei der „Make America Great Again“-Bewegung.
Wünsche zum 250. Geburtstag der USA
Was sollten wir denn den USA zum 250. Geburtstag wünschen?
Der amerikanische Traum ist über weite Strecken in dieser Selbstverständlichkeit ausgeträumt. Aber 2026 hat uns auch gezeigt, dass es immer noch Kräfte gibt, die an einem friedlichen Zusammenleben in den USA, an einem respektvollen Miteinander festhalten. Der American Dream kann nicht von oben herab verordnet werden. Es braucht diese Erfahrungen im Alltag, wo Brücken zwischen den Menschen gebaut werden. Und das ist das Reservoir, aus dem sich die USA in der Geschichte entwickelt haben, also das tatsächliche friedliche Zusammenleben von Menschen – nicht von großen politischen Bewegungen.
Sommergespräch
Eine Kooperation von radio klassik und Der SONNTAG. Das ganze Gespräch mit Andreas G. Weiß hören Sie am 6. Juli um 19:00 Uhr auf ▶ radioklassik.at
Buchtipp
Ausgeträumt: Trump und die USA
2026 feiern die Vereinigten Staaten den 250. Geburtstag ihrer Gründung. Andreas G. Weiß hat in seinem Buch „Donald Trump: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ bereits 2019 die tiefgreifende Erosion der amerikanischen Gesellschaft hellsichtig skizziert. Im Mai 2026 erschien sein neues Buch.
Andreas G. Weiß, Das Ende eines Traums. Donald Trump und der 250. Geburtstag der USA, Patomos, 1. Auflage 2026, ISBN: 978-3-8436-1642-3, EUR 16,–
Termintipp
"Im Namen Gottes? - Religiöse Sprache zwischen Glaube und Macht"
"Gott" ist zurück in der Politik. In zahlreichen Debatten tauchen religiöse Begriffe wieder verstärkt auf - oft unbemerkt, manchmal plakativ, nicht selten missbräuchlich. Wo religiöse Sprache ins Spiel kommt, geht es immer auch um Wirkung und Macht. Man merkt schnell: Religiös aufgeladene Sprache kann Hoffnung eröffnen, Zugehörigkeit markieren - und zugleich Grenzen ziehen. Auffällig ist dabei, wie unterschiedlich wir darauf reagieren: Was die einen scharf kritisieren, nehmen andere kaum wahr. Der Vortrag nimmt diese Schieflage in den Blick und zeigt, wie religiöse Sprache politisch wirksam wird - und wo ihre Grenzen liegen. Oder zugespitzt: Wer spricht hier eigentlich im Namen der Religion? Und darf man das überhaupt?
- Referent: MMag. Dr. Andreas G. Weiß (Theologe, Philosoph und Religionswissenschaftler aus Salzburg, Lehraufträge in Missouri (USA) und Salzburg, freier Autor, Erwachsenenbildner)
- Termin: Donnerstag, 26. November 2026, 18:30 bis 20:00 Uhr.
- Kosten: EUR 20,-
- Ort: Stephansplatz 3/2. Stock Seminarraum
- Anmeldung erforderlich unter: bildungszentrum@bildungswerk.at oder telefonisch unter 01/51 552-5108.