Wie spricht Gott?
Sommermeinung
Der Gelehrte, dessen Geburtsjahr unbekannt ist, wirkte zunächst als Theologe in Paris, dann in Wien als Dekan und Rektor der 1365 gegründeten Universität. Heinrich von Langenstein starb am 11. Februar 1397 in Wien. Viele fromme Menschen verlangen, bisweilen bis in die Gegenwart, gleichsam eine Anweisung Gottes, um den Willen Gottes besser erkennen zu können. Heinrich von Langenstein ist da fast nüchtern, wenn er schreibt: „Einmal spricht Gott, und dies wiederholt er nicht.“
„Denn Gott ordnet die Dinge so“
Nun geht es um die Frage, ob man denn mit Sicherheit annehmen darf, dass das, was jemandem nach dem Gebet und nach einer Frömmigkeitsübung (auch unter Tränen) in den Sinn kommt bezüglich der Aufgabe, mit der er befasst war, eine übernatürliche Offenbarung sei. Es steht ja fest, dass der Mensch mit Verstand und Überlegung aus dem, was uns bisher geoffenbart und mitgeteilt wurde, das zu finden vermag, was ihm mehr nützt. Und daher ist es anmaßend und scheint einer Versuchung Gottes gleichzukommen, in jedem Fall übernatürlicherweise von Gott unterwiesen werden zu wollen bezüglich des Vollbringenden oder zu Erkennenden. „Denn Gott ordnet die Dinge so“, wie Augustinus sagt, „dass er sie die eigenen Antriebe ausführen und verrichten lässt“, bis sie in dieser Weise an ihre Grenzen kommen; dann kommt er von oben zu Hilfe und führt weiter. Und – wenn ich mich nicht täusche – dadurch wird die Vollkommenheit des Schöpfers deutlich ... Solange also der Mensch in seinem Tun und Erkennen sich mit dem zu helfen vermag, was Gott den Menschen in den vergangenen Jahrhunderten kundgetan und vermittelt hat, solange er mit den natürlichen Kräften der „Schöpfung“ und mit den Einsichten und Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, das Auslangen findet, ist es nicht gerechtfertigt, wenigstens nicht notwendig, dass Gott auf wunderbare Weise von neuem an sein Werk Hand anlegt, indem er es durch neue Offenbarungen oder Wundertaten leitet.
„Viele Phantastereien“
Und unter anderem ist dies der Grund, warum nun Gott seinen Gläubigen so selten Wunder zeigt und warum das Wort Gottes in diesen Tagen so selten ergeht: „Denn die Erde ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn“ (Jesaja, Kapitel 11, Vers 9). Gott hat der ganzen Welt hinreichend seinen Willen kundgetan, nach dem Wort bei Ijob: „Einmal spricht Gott, und dies wiederholt er nicht“ (Ijob, Kapitel 33, Vers 14). Denn jetzt spricht Gott zu uns durch die Heilige Schrift und durch die zahlreichen Beispiele der Heiligen, wie er einstens durch Wunder und Weisungen und Offenbarungen sprach, wie Gregor (der Große) sagt.
Wenn Gott spricht
So ist jener Knecht dem Herrn wohlgefälliger, der den in der allgemeinen Offenbarung einmal vernommenen Willen seines Herrn im Gedächtnis behält und dann bemüht und eifrig – ohne neue Weisung – erforscht, was seinem Herrn zu jeder Zeit gefällt, und dieses tut; er ist wohlgefälliger als jener Knecht, dem man jeden Tag von neuem befehlen muss oder der jede Stunde die Ohren seines Herrn mit Fragen belästigt, was er tun solle, und durch die Bitte, ihm dies oder jenes zu offenbaren. So kommt es, dass die Menschen in mannigfacher Weise in Beschlag genommen sein können durch viele Phantastereien. Viele wundersame Dinge mögen vorkommen, die aber nicht als übernatürliche und wunderbare Offenbarungen oder als innere Worte Gottes an den Geist des Menschen gelten können.
Quelle
Aus: Gisbert Greshake/Josef Weismayer, Quellen geistlichen Lebens, Band II, Das Mittelalter, Grünewald-Verlag