„Gott wird sorgen!“
Sommermeinung
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Wien ein Zentrum sozialer Spannungen und großen sozialen Elends. Darauf reagierte Hildegard Burjan (1883–1933) mit wachem Blick und großem Engagement. 1919 wurde sie als einzige christlichsoziale Frau Mitglied des Parlaments. Burjan, die 2012 seliggesprochen wurde, verfasste keine klassischen spirituellen Schriften. Die Gedanken aus ihren Briefen und Gelegenheitsschriften erläutern die „Vision“ der Caritas Socialis.
Hildegard Burjan: soziale Liebe, die auf jede Not reagiert
Wir wollen etwas Neues, nicht etwas bereits Bestehendes, sondern der Zeit angepasstes, keine Klausur oder eingeengt sein durch klösterliche Formen, sondern beweglich und immer einsatzbereit für jede Not, die auftaucht. Es lassen sich keine unumstößlichen Theorien in der sozialen Arbeit, die doch immer im Fluss und an verschiedenen Orten Schwankungen unterworfen ist, aufstellen. ... Die Caritas Socialis will nach den jeweilig aufscheinenden sozialen Notwendigkeiten, nicht aber nach einem auf dem Papier festgelegten starren Schema arbeiten.
Das ist unser Name, „soziale Liebe“ („Caritas Socialis“), die sich nicht auf den Einzelfall, sondern auf alles bezieht.
Hildegard Burjan und die Verantwortung für die Gesellschaft
Religiöse Vereinigungen allein genügen heute nicht ... Wir müssen eine geschlossene Macht darstellen, wenn wir nicht zusehen wollen, wie über unsere Köpfe hinweg regiert – und zerstört wird ... Volles Interesse für die Politik gehört zum praktischen Christentum.
Gott gibt uns den Verstand, damit wir die Not einer Zeit, die Ursachen dieser Not, die Mittel, die zur Abhilfe führen, erkennen. Er stellt uns nicht zufällig mit unseren äußeren Verhältnissen zusammen, spricht nicht zufällig mit unseren Herzen, legt nicht zufällig den Zug zu dieser Arbeit hinein.
Was brauchen wir Kummer haben! Sie wissen meinen Wahlspruch: „Deus providebit!“ – „Gott wird sorgen!“
Zugleich Marta und Maria sein
Wir müssen immer wieder eine Zeit finden, die wir ganz Gott schenken: Zeit, die ausschließlich dem Gebet gewidmet ist. Keine Arbeit kann so wichtig, so dringend sein, uns davon abzuhalten. Ob es möglich ist, Marta und Maria zugleich zu sein? Ganz sicher: Wenn das innerliche Leben wahrhaft vertieft, das Leben mit und für Gott zur Selbstverständlichkeit geworden, wird eine richtige Außenarbeit ohne Schaden möglich sein. Wir sollen uns nur darum kümmern, ob die Leute arm sind und bedürftig und in großer Not. Alles andere fällt weg.
Mit Geld oder Kleinigkeiten ist einem Menschen nicht geholfen, man muss ihn von vornherein wieder auf die Füße stellen und ihm auch wieder die volle Überzeugung geben: Ich bin jemand und ich kann etwas leisten.
Beim lieben Gott ist jede Arbeit, die wir machen, ganz gleich, ob man im Stall steht oder an einem anderen Platz. Nicht die nach außen zu Tage tretenden, oft geistreich scheinenden Ideen sind das Entscheidende, sondern die getreue, demütige Kleinarbeit, das Erkennen seiner Schwächen und das großmütige Vertrauen auf den, der mit dem leisesten unsichtbaren Hauch seiner Gnade mehr Fruchtbarkeit, mehr Gelingen und Vollendung geben kann, als alle menschlichen Weisheiten zusammen vollbracht hätten.
Quelle
Aus: Gisbert Greshake/Josef Weismayer, Quellen geistlichen Lebens, Band IV, Die Gegenwart, Grünewald-Verlag