Das „Palästinalied“
Sommermeinung
Um 1170 an einem unbekannten Ort geboren, lernte Walther von der Vogelweide vermutlich am Wiener Hof „singen und sagen“, also lyrische und epische Dichtung. Ab 1198 führte ihn sein Wanderleben durch Europa, ehe er um 1230 starb.
Walther von der Vogelweide: Das „Palästinalied“ als Kreuzzugslied
Das „Palästinalied“ hat Walther von der Vogelweide in seinen letzten Lebensjahren verfasst. Damals stand er im Dienst von Kaiser Friedrich II., der 1228 zu einem Kreuzzug aufgebrochen war. In diesem Lied zeigt sich eine Kreuzugsfrömmigkeit, wie sie die ersten Kreuzzüge als Wallfahrten ins Heilige Land prägte. Man sprach damals von einer „Fahrt“ nach Jerusalem. Dann wurde diese äußerst beliebte Wallfahrt – meist als Form der Buße – nach 1071 von den türkischen Seldschuken vor Ort zunehmend behindert und erschwert. Mit den Kreuzzügen wollte man ursprünglich eine sichere Wallfahrt ins Heilige Land ermöglichen, eine Art freien Zugang zu den Heiligen Stätten. Dies war auch die Grundidee des ersten Kreuzzugs, zu dem im Jahr 1095 Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont aufgerufen hatte. Walther von der Vogelweide hat diese „Fahrt“ ins Heilige Land in seinem „Palästinalied“ besungen:
Jetzt erst erfahre ich mein Leben
als wesentlich,
da mein sündiges Auge
das Heilige Land erblickt und die Erde, die man so verehrend preist.
Mir ist geworden, worum ich
immer gebeten habe,
ich bin an die Stätte gekommen,
da Gott in menschlicher Gestalt
wandelte.Schöne Lande, reich und herrlich,
wie viele von ihnen
auch ich gesehen habe,
du bist doch ihrer aller Krone!
Welch Wunder ist hier geschehen!
Dass eine Jungfrau ein Kind gebar,
Herr über das Heer aller Engel,
war das nicht ein Wunder aller Wunder?Hier ließ er, der Reine, sich taufen,
auf dass auch der Mensch rein sei.
Dann ließ er sich verraten und binden,
damit wir Eigenleute frei würden,
sonst wären wir verloren gewesen.
Dank dir, Lanze, Kreuz und Dornenkrone!
Weh dir, Heidenschaft, du empörst dich darob!Von hier fuhr der Sohn zur Hölle
aus dem Grab, in dem er gelegen hatte.
Dabei war immer der Vater sein Gefährte
und der Geist, den niemand
sonderlich scheiden kann:
es ist ganz eines,
glatt und ebener als ein Pfeilschaft,
so wie er Abraham erschien.Als er den Teufel dann so zu
Schanden gemacht hatte,
– besser, als je ein Kaiser gekämpft hat –
da geschah, was die Juden schmerzte:dass er, der Herr, ihre Bewachung brach
und man ihn seither
als Lebenden erblickte,
den ihre Hand geschlagen
und gestochen hatte.In dieses Land hat er anberaumt
den Tag des letzten Gerichtes,
da die Witwe gerächt wird
und die Waisen Klage erheben können
und die Armen wider die Gewalt,
die sich an ihnen auslässt.
Wohl ihm dort, der in diesem Leben
seine Schuld beglichen hat!Christen, Juden und Heiden
behaupten, dies sei ihr Erbland.
Gott möge es rechtlich schlichten
im Namen seiner Dreieinigkeit.
Die ganze Welt macht ihre
Ansprüche hierher geltend.
Wir allein verlangen es rechtens.
Gerecht ist, dass er uns stattgibt.
Quelle
Aus: Gisbert Greshake/Josef Weismayer, Quellen geistlichen Lebens, Band II,
Das Mittelalter, Grünewald-Verlag