Fotos von Krisen und Hoffnung
World Press Photo 2026Braut Jamaica Aguilar steht vor den Toren der Barasoain-Kirche. Ihr weißes Kleid und der lange Schleier stehen im starken Kontrast zu dem knöchelhohen trüben Wasser, welches die Kirche nach einem Taifun überflutet. Das Foto von Aaron Favila dokumentiert eine Hochzeit in der katholischen Barasoain-Kirche auf den Philippinen, nachdem der Taifun Wipha im Juli 2025 Verwüstung und Überflutungen angerichtet hat. Es ist nur eines von vielen Fotos der Ausstellung „World Press Photo 2026“, die im Herbst in der Galerie „WestLicht“ zu sehen ist.
Ein doppeltes Jubiläum der World Press Photo
Im Jahr des 25-jährigen Bestehens von WestLicht ist auch die Ausstellung World Press Photo zum 25. Mal in der international maßgeblichen Institution zu Gast. Die World Press Foundation kürt seit 1955 die Gewinner des World-Press-Photo-Bewerbs. Gezeigt werden rund 150 prämierte Arbeiten. Sie führen durch sechs Weltregionen und vermitteln Kriege und politische Konflikte genauso wie die Folgen der Klimakrise, persönliche Schicksale, kulturelle Traditionen und Momente von Hoffnung und Widerstand.
Gewinnerin der World Press Photo 2026
Das Gewinnerfoto 2026 heißt „Separated by ICE“ und wurde von der US-amerikanischen Fotojournalistin und vierfachen Pulitzer-Preisträgerin Carol Guzy gemacht. Guzys Aufnahme „Separated by ICE“ entstand bereits am 26. August 2025 in einem New Yorker Gerichtsgebäude. Das Foto zeigt die beiden Töchter des Ecuadorianers Luis, die sich nach der Festnahme ihres Vaters durch ICE-Agenten verzweifelt an ihn klammern. Die Kuratorin der World Press Photo Foundation, Martha Echevarria, erzählt bei der Eröffnung der Ausstellung:
Dieses Foto zeigt einen jener Momente, in denen eine dieser Familien auseinandergerissen wird.
Der Vater wird abgeführt, und die Töchter wissen nicht, wohin er gebracht wird. Das Bild steht sehr stellvertretend für diese Situation. Für die Jury war dieses Foto auch deshalb von großer Bedeutung, weil viele dieser Gerichte für Journalistinnen und Journalisten sowie für Fotografierende vollständig unzugänglich sind. Das Gericht in New York gehört zu den wenigen, zu denen Medienvertreterinnen und Medienvertreter Zugang haben. Dass Carol dort anwesend sein konnte, ist daher ein sehr wichtiger Akt des Zeugnisablegens und der Dokumentation.“
Die Ausstellung der World Press Photo 2026 in Wien
Die Ausstellung in Wien teilt sich laut Martha Echevarria in mehrere Bereiche auf. Das diesjährige World Press Photo of the Year von Carol Guzy befindet sich in einem Bereich, „in dem wir viele Geschichten über Proteste und Machtmissbrauch in aller Welt sehen“. Ein anderer Abschnitt der Ausstellung widmet sich den Folgen von aktuellen Konflikten, wie dem Krieg in der Ukraine. Er zeige, so Echevarria, aber nicht nur die Zerstörung, sondern auch, „wie Menschen wiederaufbauen und welche Widerstandskraft sie entwickeln“. Ein weiterer Bereich widmet sich den Themen Klimawandel und Umwelt und schließlich gibt es auch einen Bereich, der sich mit sozialen Themen und Gesellschaft beschäftigt.
Die Jury
Die Jury der World Press Photo Foundation muss jährlich 50.000 bis 60.000 Bilder überprüfen und bewerten. Dabei gibt es nicht nur regionale Jurys, sondern auch eine globale Entscheidungsrunde. Echevarria erläutert den Auswahlprozess: „Insgesamt haben wir sechs Juryrunden. Die ersten drei Runden finden auf regionaler Ebene statt. Jede der sechs Regionen verfügt über eine Jury mit fünf Expertinnen und Experten aus der jeweiligen Region. In der ersten Runde konzentriert sich die Jury vor allem auf die visuelle Qualität der Bilder.“ Dabei suche die Jury vor allem nach besonders starken und aussagekräftigen Bildern und würde nach und nach mehr Informationen zu den Fotos erhalten. „Zunächst sehen sie den Titel des Projekts, anschließend die Bildunterschriften und den Kontext. Später erhalten sie auch die Beweggründe der Fotografin oder des Fotografen. Darüber hinaus werden ihnen zwischendurch Informationen zum Geschlecht der Fotografin beziehungsweise des Fotografen sowie zum Aufnahmeort zur Verfügung gestellt“, so Martha Echevarria.
Ein Einblick in die World Press Photo 2026 (Für Ansicht in Originalgröße auf das Bild klicken)
Der Kampf gegen KI
Zwischen der dritten und der vierten Runde beginnt die Arbeit der internationalen Jury. Die regionalen Jurys übermitteln ihre Bewertungen und Zusammenfassungen an die globale Jury, die anschließend in Amsterdam zusammenkommt, um die letzten Juryrunden durchzuführen. In dieser Phase findet auch die forensische Prüfung statt. „Dabei analysieren unsere Expertinnen und Experten die eingereichten Bilder und schließen Aufnahmen aus, die unzulässig manipuliert wurden. Dazu gehören etwa Veränderungen durch Bildbearbeitung, bei denen Pixel hinzugefügt oder entfernt wurden, ebenso wie die Verwendung KI-generierter Inhalte. Auch eine übermäßige Nachbearbeitung der Tonwerte oder Farben kann zur Disqualifikation führen“, so Echevarria. Nach den letzten Jurydurchgängen treten schließlich die Rechercheurinnen und Rechercheure der World Press Photo auf den Plan: Sobald die ausgewählten Arbeiten feststehen, überprüfen sie sämtliche Fakten. „Dafür nehmen wir Kontakt zu den Fotografinnen und Fotografen, zu Medienhäusern und mitunter auch zu den Personen auf den Fotografien selbst auf“, so die Kuratorin.
Kritik am Auswahlverfahren der World Press Photo
2025 geriet die World Press Photo Foundation in die Kritik, da ein Fotoprojekt des georgischen Fotografen Michail Tereschtschenko, der für die russische staatliche Nachrichtenagentur TASS arbeitet, ausgezeichnet wurde. Auf die Frage, wie die Stiftung solche Fälle in Zukunft verhindern würde, antwortet die Kuratorin: „Wir haben entschieden, dass wir Hinweise an die Jury weitergeben, wenn uns etwas auffällt, das aus unserer Sicht relevant für ihre Beurteilung sein könnte. Die Entscheidung liegt jedoch weiterhin allein bei der Jury. Wenn sie der Ansicht ist, dass eine Arbeit stark, präzise und wahrheitsgetreu ist, kann sie ausgezeichnet werden. In einem Fall wie diesem würde die Jury jedoch vermutlich auch berücksichtigen, dass eine Arbeit von einer staatlichen Einrichtung finanziert wurde.“
„Die Bilder erzählen von der außergewöhnlichen Fähigkeit des Menschen, trotz widriger Umstände am Leben festzuhalten und weiterzumachen.“
Kuratorin Martha Echevarria
Eine Hochzeit in der gefluteten Kirche
Immer wieder behandeln einige Fotoprojekte der World Press Photo auch religiöse Themen, wie unter anderem das Gewinner-Foto aus dem Jahr 2022. Eines der Fotoprojekte heuer ist das von Aaron Favila, der eine Hochzeit in der katholischen Barasoain-Kirche in Malolos auf den Philippinen zeigt. „Ich mag diese Geschichte sehr, weil der erste Eindruck vielleicht Überraschung oder sogar Traurigkeit auslöst. Wir sehen eine Hochzeit in einer überfluteten Kirche. Die Philippinen wurden von schweren Taifunen getroffen, und dieses Paar hat sich dennoch entschieden, die Hochzeit wie geplant zu feiern“, so Martha Echevarria. „Wenn man sich die Fotos jedoch genauer ansieht, erkennt man ein großes Fest. Man sieht fröhliche Gesichter, viele Kinder, Freundinnen und Freunde, die Brautjungfern, den Bräutigam und zahlreiche Gäste, die gemeinsam feiern. Die Bilder erzählen von der außergewöhnlichen Fähigkeit des Menschen, trotz widriger Umstände am Leben festzuhalten und weiterzumachen.“ Laut der Kuratorin sei Religion öfter ein Thema in den Bildern. Auch wenn es nicht das Hauptthema eines Fotos sei, so sei es aber doch ein Thema der Menschen in ihrem täglichen Leben in den verschiedenen Regionen.
Farīsāt: Reiterinnen in Marokko
Die Fotografin Chantal Pinzi, die derzeit in Berlin lebt, stand bei der Ausstellungseröffnung für Interviews zur Verfügung. Für ihr Projekt „Farīsāt: Gunpowder’s Daughters“ wurde die gebürtige Italienerin 2026 mit einem World Press Photo Award ausgezeichnet. Ihre Serie über Reiterinnen in Marokko, die sich eine über Jahrhunderte ausschließlich Männern vorbehaltene Tradition aneignen, gilt inzwischen weltweit als Symbol für Emanzipationsbewegungen. Die Tbourida, eine bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende marokkanische Reittradition, ist von der UNESCO als Kulturerbe anerkannt. Pinzis Bilder stellen jene Frauen in den Mittelpunkt, die sich mit großem persönlichem Einsatz ihren Platz in dieser traditionell von Männern dominierten Welt erkämpft haben. Die Reiterinnen, die als Farīsāt bezeichnet werden, finanzieren Pferde, traditionelle Kleidung und Ausrüstung vielfach selbst. Ihr Engagement steht damit nicht nur für die Aneignung eines kulturellen Erbes, sondern auch für die Veränderung gesellschaftlicher Rollenbilder. Heute gibt es unter den rund 300 Tbourida-Gruppen in Marokko sieben rein weibliche Gruppen.
„Widerstand muss nicht laut sein, um radikal zu sein.“
Fotografin Chantal Pinzi
Auf die Idee für das Fotoprojekt ist Pinzi über ihre Recherche und Arbeit zur Dokumentation von weiblicher Resilienz in der Welt des Sports gestoßen. „Was ich bei den marokkanischen Frauen gelernt habe, ist die Erkenntnis, dass Widerstand nicht laut sein muss, um radikal zu sein. Manchmal beginnt er einfach mit Präsenz, mit Beharrlichkeit und damit, einen Platz oder einen Raum einzunehmen, von dem man eigentlich ausgeschlossen wird, und dies trotz des gesellschaftlichen Drucks zu tun. Genau das sehe ich bei diesen Frauen. Ich sehe ihre Stärke“, so die Fotografin.
Dokumentation durch Fotos
Dieses Jahr feiert die World Press Photo Foundation ihr 70. Jubiläum. Jedes Jahr evaluiert die Stiftung rund 50.000 bis 60.000 Bilder von Fotografinnen und Fotografen weltweit. Seit 1955 ist dadurch bereits ein großes Archiv an Fotos entstanden, die auch das Zeitgeschehen dokumentieren. „Derzeit arbeiten wir gemeinsam mit unserer Archivarin beziehungsweise unserem Archivar daran, ein neues Online-Archiv zu veröffentlichen, das der Öffentlichkeit als Ressource zur Verfügung stehen soll“, so Echevarria. Auch wenn sich weltweit Konflikte wiederholen würden, gäbe es dennoch Lichtblicke, erzählt die Kuratorin. Auch die Art, wie die Fotos entstehen, hätte sich laut Echevarria geändert: „Die Art und Weise, wie Fotojournalistinnen und Fotojournalisten an bestimmte Themen herangehen, hat sich gewandelt. Heute begegnen sie den Geschichten und den davon betroffenen Menschen mit einer deutlich größeren Sensibilität und einem differenzierteren Verständnis.“
Weitere Informationen zur World Press Photo 2026
Der World Press Photo Contest 2026 versammelt die besten Arbeiten aus 57.376 eingereichten Fotografien von 3.747 Fotografinnen und Fotografen aus 141 Ländern. Die 42 ausgezeichneten Fotografinnen und Fotografen wurden von einer unabhängigen internationalen Jury aus 31 Experten ausgewählt. Die knapp 150 ausgestellten Bilder führen durch sechs Weltregionen.
Die Ausstellung im Fotomuseum „WestLicht“:
- Wann: 11. September bis 22. November 2026
- Wo: Westbahnstraße 40, 1070 Wien
Mehr Infos auf der „WestLicht“-Website.