Die idealisierte Weltstadt
Stadtansichten als Instagram des 18. Jahrhunderts
Canaletto (1697–1768) und sein Neffe und Schüler Bellotto (1721–1780), zwei Meister der Vedutenmalerei, prägen bis heute unsere Vorstellung von Städten wie Venedig, London, Dresden und Wien. Die aktuelle Ausstellung im Kunsthistorischen Museums rückt diese Welt in den Mittelpunkt – als Teil unserer europäischen Identität.
Canaletto und Bellotto: Europa im Blick der Veduten
Im 18. Jahrhundert wurden gemalte Stadtansichten, die sogenannten Veduten, zu begehrten Souvenirs. Mit feinem Gespür für Licht, Atmosphäre und architektonische Präzision verwandelten die beiden Meister Canaletto und Bellotto den Alltag in ihre Ansichten: „Die Werke zeigen Europa als Raum kultureller Begegnungen, lange bevor der Begriff der europäischen Öffentlichkeit geprägt wurde. Ihre Veduten verbinden Städte durch die Perspektive der Reisenden und Sammler des 18. Jahrhunderts.
Die Ausstellung macht sichtbar, wie Kunst zur visuellen Sprache eines gemeinsamen europäischen Erfahrungsumfelds wurde“, sagt Jonathan Fine, Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums. Zusatz: Wer es sich leisten konnte, ähnlich der Influencer-Auftritte von heute. (Zum Beispiel dient heute die imposante Stiege des Kunsthistorischen Museums auf dem Weg zur Schau als Kulisse und Beweis für die Selbstinszenierung gemäß dem Motto: „Seht her, ich bin in Wien gewesen.“)
Die Ausstellung beginnt in Venedig und führt zu Canalettos England-Aufenthalt sowie Bellottos Wirkungsstätten in Dresden und Wien. Einige Bilder kennen wir gut, sind sie seit ihrer Entstehung in Wien wie die Bellottos Schönbrunn-Zyklus oder der ikonische Blick vom Belvedere auf das Stadtpanorama. Immer im Blick sind hier die Kirchen, prägten sie doch seit Generationen den öffentlichen Raum in Europa.
Canaletto und Bellotto: Wien als Bühne des Alltags
„Stadtansichten des 18. Jahrhunderts, die oft als unmittelbare, beinahe fotografische Abbilder der Realität wahrgenommen werden, sind in Wirklichkeit sorgfältig konstruierte Bildschöpfungen, die aufschlussreiche Einblicke in die sozialen und politischen Kontexte eröffnen“, ergänzt Mateusz Mayer, Kurator der Ausstellung. So sehen wir in den detailreichen Bildern Soldaten, Bettler, Adelige, Bürger, Geistliche und auch spielende Hunde.
Wir begegenen auf diesen öffentlichen Orten Menschen während ihrer Arbeit wie Marktfrauen. So sind die sorgfältigenVeduten auch Wimmelbilder ihrer Zeit. Es lohnt sich, genauer hinzusehen. Wie sein Onkel Canaletto verwandelte auch Bellotto die Stadt in ein Theater. In seinen Ansichten der Freyung inszeniert Bellotto das religiöse und kommerzielle Leben Wiens. Vor der Schottenkirche zeigt er eine Prozession, die oft als Fronleichnamszug interpretiert wurde.
Meisterhaft choreographiert er die sich verneigenden Aristokraten, Mönche und Bürgerinnen in der Prozession.
Arbeit, Frömmigkeit und Festtrubel
In Bellottos Mehlmarkt krümmt sich eine Figur unter der Last eines Mehlsacks – eine Mahnung, dass Wiens Prunk auf körperlicher Arbeit beruhte. Der Platz wird gerahmt von Barockfassaden, der Kapuzinerkirche und der „Mehlgrube“, deren Keller als Getreidelager und die Obergeschoße für Bälle genutzt wurden. Arbeit, Frömmigkeit und Festtrubel kommen so zusammen. Auch das zweite Gemälde spielt mit Kontrasten: Das Palais Lobkowitz erscheint im Sonnenlicht; das Bürgerspital – Heim für Arme und Kranke – liegt im Schatten. Dazwischen mahnen das Missionskreuz der Kapuziner und der Stephansdom an Frömmigkeit und Sterblichkeit.
Wie ging es weiter? Anfang 1761 verließ Bellotto Wien in Richtung München; bei sich hatte er das hier gezeigte Empfehlungsschreiben. Maria Theresia richtete es an ihre Cousine, die Prinzessin von Bayern. Bellotto blieb nicht lange und kehrte nach Dresden zurück, wo er die Stadt und seinen Besitz vom Krieg verwüstet vorfand. Schließlich wurde er in Warschau Hofmaler des polnischen Königs.
Ein Tipp: Hilfreich ist auch die Nutzung eines Audioguides oder die Audioführung per App, wenn man die technische Hürde überwunden hat. Mithilfe des freundlichen Personals – gleich drei Mitarbeiter kümmerten sich beim Eingang zur Ausstellung um die technische Lösung! Mit 5,-EUR ist diese Führung durchaus kostengünstig.
Bis 6. September im Kunsthistorischen Museum, eine Online-Ticketbuchung verkürzt die Wartezeit ▶ khm.at