Zwei Künstler suchen das Wesentliche

Ausstellung im Leopoldmuseum
Ausgabe Nr. 32
  • Kunst und Kultur
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Unmittelbar und präsent: Boeckls heilige Thérèse (1952).
Unmittelbar und präsent: Boeckls heilige Thérèse (1952). ©Josephsohn Estate, Belvedere, Wien/Johannes Stoll/Herbert Boeckl Nachlass, Wien
Muße und Gelassenheit verströmt diese Skulptur des Schweizers Hans Josephsohn (Ohne Titel, 1974).
Muße und Gelassenheit verströmt diese Skulptur des Schweizers Hans Josephsohn (Ohne Titel, 1974). ©Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen

Malerei und Skulptur, Farbe und Masse, Österreich und die Schweiz: Im Leopoldmuseum treten Herbert Boeckl und Hans Josephsohn in einen überraschenden Dialog. Die Schau zeigt, wie unterschiedlich Künstler arbeiten können und wie nahe sich ihre Werke dennoch kommen.

Zwei Künstler, die einander nie begegnet sind und doch erstaunlich nahe beieinanderliegen: Das Leopold Museum bringt mit der Ausstellung „Herbert Boeckl/Hans Josephsohn. Archetypen des Figuralen“ erstmals den österreichischen Maler Herbert Boeckl (1894–1966) und den Schweizer Bildhauer Hans Josephsohn (1920–2012) in einen Dialog. Mehr als 80 Gemälde, Arbeiten auf Papier, Reliefs und Skulpturen zeigen eine reizvolle Gegenüberstellung.

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Rundgang im Leopoldmuseum

Museumsdirektor und Kurator Hans-Peter Wipplinger spricht von einem „wahlverwandtschaftlichen Dialog“, der „assoziative Interpretationsräume“ eröffne und neue formale wie inhaltliche Perspektiven ermögliche. Tatsächlich entdeckt man beim Rundgang verblüffende Parallelen: Beide Künstler kreisen um die menschliche Figur, beide interessieren sich weniger für Äußerlichkeiten als für das Wesen eines Menschen. Boeckl sucht dies mit Farbe, Josephsohn mit Masse und Volumen aus Ton und Gips. 

Skulpturaler Farbauftrag

Boeckls Bilder zeichnen sich oft durch einen geradezu skulpturalen Farbauftrag aus. Farbe wird bei ihm zum Material, das sich auftürmt, verdichtet und die Formen modelliert. Eindrucksvoll sind die Werke der Nachkriegszeit, in denen er nach einer neuen Bildsprache sucht. Die gezeigten Arbeiten aus der Serie „Dominikaner“ (1948/49) gehören zu den Höhepunkten dieser Phase. Auch sakrale Themen finden Platz. Bemerkenswert ist Boeckls Porträt der heiligen Thérèse von Lisieux: Der Blick der jungen Karmelitin wirkt nicht entrückt, sondern unmittelbar und präsent. Viele Werke Boeckls erschließen das Religiöse nicht über Pathos, sondern über konzentrierte Menschlichkeit.
Dem gegenüber stehen die Skulpturen Hans Josephsohns, der in Österreich erstmals mit einer umfassenden musealen Präsentation gewürdigt wird. Der aus einer jüdischen Familie stammende Künstler musste 1938 in die Schweiz fliehen. Sein Werk kreist um die Frage, wie die menschliche Gestalt auf das Wesentliche reduziert werden kann, ohne ihre Lebendigkeit zu verlieren.

Mystische Monolithen im Leopoldmuseum

Josephsohns Arbeitsweise war beharrlich und wurde erst im hohen Alter von Erfolg gekrönt: Formen entstanden durch ständiges Auftragen, Wegnehmen und Überarbeiten des Materials. Die Spuren dieses Ringens bleiben sichtbar. Die Gipsoberflächen besitzen einen besonderen Reiz und bewahren die Erinnerung an den Arbeitsprozess. Sie verleihen den Figuren eine ungewöhnliche Lebendigkeit. Die späteren Güsse übertragen diese Ausdruckskraft in Messing oder Bronze, ohne den Eindruck des Modellierten zu verlieren. Boeckls pastose Farbflächen wirken stellenweise wie Reliefs, während Josephsohns Figuren oft an Landschaften oder archaische Monumente erinnern. Beide Künstler suchen nach einer zeitlosen Form des Menschlichen, die über individuelle Geschichten hinausweist.
Höhepunkt der Schau ist Josephsohns großformatige Halbfigur im letzten Raum, eine monolithische Skulptur mit angedeuteten Gesichtszügen, die nichts als Güte, Liebe und absolute Präsenz ausstrahlt – ein fast religiöses Erlebnis – groß, breit und schlicht ist dieses „Wesen“.

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Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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