Die Textilkunst der Anni Albers

Ausstellung im Belvedere
Ausgabe Nr. 21
  • Kunst und Kultur
Autor:
Thoraschreinpaneele in Dallas von 1957.
Thoraschreinpaneele in Dallas von 1957. ©Helen M. Post
Ein guter Hirte in Kreuzform: „Sheep May Safely Graze“ von 1958.
Ein guter Hirte in Kreuzform: „Sheep May Safely Graze“ von 1958.
©Courtesy of the Western Regional Archives, State Archives of North Carolina
Anni Albers am Webstuhl 1937.
Anni Albers am Webstuhl 1937. ©The Josef and Anni Albers Foundation/Bildrecht, Wien 2026

Eine Frau, die das Weben neu erfand: Das Untere Belvedere zeigt erstmals in Österreich eine umfassende Retrospektive zu Anni Albers. Die Künstlerin erforschte die Webkunst der Ureinwohner Lateinamerikas und gestaltete Textilien für sakrale Räume.

Gespannt, gekreuzt, gewebt und verbunden mit anderen Fäden wird ein einzelner Faden zur Fläche, zum „Gewebe“, zur Struktur, die etwas aussagt. Anni Albers hat ein Leben lang gezeigt, was im scheinbar schlichten Vorgang des Webens steckt. Die aktuelle Ausstellung  „Anni Albers Constructing Textiles“ im Unteren Belvedere gibt nun die seltene Gelegenheit, diesem Werk zu begegnen.

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Anni Albers: Beginn am Bauhaus

Anni Albers, 1899 in Berlin als Anneliese Elsa Frieda Fleischmann in eine wohlhabende jüdische Familie geboren, zählt heute zu den bedeutendsten Textilkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Der erste Saal der Schau führt zurück zu den Anfängen ihres Weges. Die junge Frau wollte ursprünglich Malerin werden und begann ihre Ausbildung an der Hamburger Kunstgewerbeschule. 1922 ging sie ans staatliche Bauhaus in Weimar – eine der progressivsten Kunstschulen ihrer Zeit. Doch wie viele Frauen wurde sie nicht in die Malerei, sondern in die Webereiwerkstatt verwiesen. Was zunächst als Einschränkung erschien, wurde zur entscheidenden Wendung ihres Lebens. Schritt für Schritt entdeckte sie die Möglichkeiten des Materials, die Verbindung von Handwerk und künstlerischer Abstraktion – und fand darin ihre eigene Ausdrucksform.

Anni Albers Emigration in die USA

Im Bauhaus lernte sie auch den Künstler Josef Albers kennen, den sie 1925 heiratete. Anni Albers übernahm bald eine leitende Position in der Werkstatt. 1933, nach der Schließung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten, emigriert das Paar in die USA. Am experimentellen Black Mountain College in North Carolina beginnen beide zu unterrichten. Für Anni Albers ist dies eine Zeit intensiver Weiterentwicklung. 

Textilien in sakralen Räumen

Albers Reisen nach Mexiko und in die Andenregionen in den 1940er- und 1950er-Jahren prägten ihr Denken nachhaltig. Sie studierte präkolumbianische Stoffe, lernte komplexe Web- und Knotentechniken kennen und entdeckte das Gewebe als Träger von Erinnerung und Bedeutung. Muster beginnen zu „sprechen“, Fäden werden zu Zeichen – eine Erfahrung, die ihre gesamte spätere Arbeit durchzieht.

Ein Raum ist den religiösen Arbeiten der Künstlerin gewidmet. Albers schuf Textilien für Synagogen und Gedenkräume, in denen Stoff eine spezielle Atmosphäre schafft. Berührend ist „Six Prayers“ (1965/66), ein sechsteiliges Gewebe im Gedenken an die sechs Millionen Opfer des Holocaust. Die Oberfläche erinnert an Schrift – und bleibt doch unlesbar. Gerade diese Reduktion eröffnet einen Raum der Stille und des Gedenkens.

Anni Albers kirchlichen Textilkunst

Für Leserinnen, die sich mit Paramenten beschäftigen, ergeben sich überraschende Verbindungen: Wie in der kirchlichen Textilkunst geht es um Material, Farbe, Licht und um die Frage, wie Stoff allein durch seine Präsenz geistliche Räume prägen kann.

Der Rundgang endet mit späten Arbeiten und Entwürfen. Bis ins hohe Alter blieb Anni Albers künstlerisch tätig; sie starb 1994 in Connecticut. Ihr Lebenswerk zeigt eine Frau, die aus einer zunächst zugewiesenen Rolle eine eigene, kraftvolle Sprache entwickelte – und damit die Textilkunst nachhaltig veränderte.

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Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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