Im Vorhof der Hölle
Venezuela nach dem Jahrhunderterdbeben
Papst Leo betet für die Menschen in Venezuela. Aus dem Almosendienst des Heiligen Stuhls wurden 100.000 Euro für humanitäre Hilfe gespendet. Ein Blick in das zertrümmerte Land in Südamerika.
Seit dem Inferno vor zwei Wochen sind bereits 3.450 Tote in Venezuela zu beklagen. Zehntausende haben ihr Zuhause verloren oder werden vermisst. Der globale Nothilfe-Koordinator Wolfgang Wedan ist vergangenen Montag in Caracas angekommen. Auf dem Weg dorthin fuhr er auch durch das Bebengebiet La Guaira, um sich ein erstes Bild zu machen. Im Interview schildert er seine ersten Eindrücke aus der verwüsteten Region.
Eindrücke nach dem Erdbeben in Venezuela
Herr Wedan, wie war die Fahrt gestern durch das Erdbebengebiet? Wie sind Ihre ersten Eindrücke?
Wolfgang Wedan: Ich bin vom Flughafen in Valencia mit dem Auto in das Erdbebengebiet östlich nach La Guaira an der Küste gefahren. Der erste Eindruck: Es war sehr viel Militär auf den Straßen mit zahlreichen Checkpoints. Sobald man in die Stadt La Guaira kommt, schaut am Anfang alles normal aus. Aber wenn man dann ins Zentrum kommt, dann ist man wirklich im ‚Vorhof der Hölle‘. Es war dunkel. Es gibt keinen Strom. Die Menschen haben in der Nacht somit kein Licht. Überall heulen die Sirenen. Unmengen von Menschen auf den Straßen. Es gibt mit dem Auto eigentlich kein Weiterkommen. Ich bin dann zu eingestürzten Häusern vorgedrungen. Dort haben sich beängstigende Szenen abgespielt. Menschen standen vor den Trümmern und starrten mit leeren Augen auf ihr zerstörtes Zuhause. Viele haben geweint. Die Einsatzkräfte arbeiten intensiv, auch in der Nacht – obwohl heute Nacht ein schweres Gewitter über La Guaira gezogen ist. Dementsprechend erschöpft sind die Einsatzkräfte auch. Die Bevölkerung versorgt sie mit Essen und Trinken, soweit noch vorhanden. Die Wahrscheinlichkeit, Lebende zu finden, wird natürlich von Stunde zu Stunde immer geringer. Ich war bei einer Lebendrettung dabei. Plötzlich ist neben einem eingestürzten Hotel, wo ich mich gerade aufgehalten habe, Applaus aufgebrandet. Die Lichter sind angegangen. Die Rettungskräfte sind zusammengelaufen. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass eine Frau aus den Trümmern geborgen wurde – obwohl in diesem Hotel noch immer rund hundert Menschen vermisst werden.
Wenn man dann ins Zentrum kommt, dann ist man wirklich im ‚Vorhof der Hölle‘.
Wolfgang Wedan
Zerstörung nach Erdbeben in Venezuela
Wie ist die Zerstörung für Sie als erfahrenen Erdbeben- und Katastrophenmanager einzuschätzen? Sie haben schon viele Erdbeben vor Ort erlebt.
Sumatra (Anmerkung 2004) und Haiti (Anmerkung 2010) sind ein bisschen vergleichbar. Wenn man beide Erdbeben-Katastrophen addiert, dann kommt man nach Venezuela. Nirgends habe ich so eine kompakte Zerstörung von Hochhäusern erlebt wie jetzt hier in Venezuela. Es ist vergleichbar mit dem Bürgerkrieg in Syrien, wo ganze Ortschaften dem Boden gleichgemacht wurden. Menschen, die auf den hohen Trümmerbergen winzig wirken, suchen nach Überlebenden. Es wird mit großem Gerät gearbeitet, auch mit Suchhunden. Häuser stehen schief da. Das Sonderbare ist, dass in Skeletten von Hochhäusern, die noch stehen, trotzdem noch immer einzelne Menschen wohnen, die sich Licht mit Stromerzeugern produzieren. Die restlichen Menschen sind traumatisiert, schlafen auf der Straße, auch auf Müllbergen, da die Müllabfuhr ausgefallen ist. Oder sie schleppen ihre Matratzen auf die Straße und schlafen dort.
Es ist vergleichbar mit dem Bürgerkrieg in Syrien, wo ganze Ortschaften dem Boden gleichgemacht wurden.
Wolfgang Wedan
Die wichtigsten Nothilfe-Maßnahmen
Was sind die wichtigsten Nothilfe-Maßnahmen, die Jugend Eine Welt nun vor Ort mit ihren Partnern setzt?
Wir haben gestern schon die erste Hilfslieferung ins Katastrophengebiet an die Küste, in den Bundesstaat La Guaira, zu unseren Partnern gebracht, die dort die Verteilung übernommen haben. Die Hilfslieferung beinhaltete Trinkwasser, die wichtigsten Nahrungsmittel wie Mehl, Reis und Sardinen, dazu kamen Non-Food-Items wie Hygieneartikel, da meine ich Seife, Rasierer, Windeln, Damenbinden, aber auch Medikamente. Diese Artikel werden jetzt dringend gebraucht. Darüber hinaus ist die psychosoziale Hilfe, also Traumabewältigung, extrem wichtig. Die Menschen sind traumatisiert. Es ist fünf Tage nach dem Erdbeben und so gut wie keiner traut sich auch in die nicht beschädigten Häuser mehr hinein. Ich selbst habe heute zwei leichte Nachbeben miterlebt, aber ich bin hier in Caracas sicher.“
Aufbauplan für Venezuela
Was ist Ihr Plan für die nächsten Tage?
Nachdem ich mir gestern in der Nacht ein erstes Lagebild gemacht habe, folgt nun heute eines am Tag. Auch um andere Ortschaften zu besuchen, wo internationale Hilfe noch nicht hingekommen ist. Laut meinen Meldungen wurden in Guaira mittlerweile 13.000 Tote geborgen. Ein bisschen mehr als 20.000 Menschen werden leider noch vermisst. Es gibt keine Wasserversorgung, der Strom ist ausgefallen. Es wird befürchtet, dass Seuchen ausbrechen, denn wenn die Leichen nicht geborgen werden, dann wird das Grundwasser belastet – vom Geruch will ich gar nicht sprechen.
So können Sie helfen
Jugend Eine Welt
Die NGO hilft mit den Partnern vor Ort bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln, sauberem Trinkwasser, Medikamenten und Notunterkünften.
IBAN: AT66 3600 0000 0002 4000,
Kennwort: Nothilfe Venezuela,
Onlinespenden: ▶ jugendeinewelt.at/spenden
Kirche in Not
Die international tätige katholische NGO hat bereits 100.000 Euro an Sofortspenden zur Verfügung gestellt.
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600,
Verwendungszweck: Venezuela oder ▶ kircheinnot.at
Venezolanische Gemeinde in Wien
Daniela Fierro koordiniert die Hilfsgüter-Annahme.
E-Mail: ▶ danielafc02@gmail.com
Spendenkonto der Caritas Internationalis: Bank UniCredit S.p.A.,
IBAN: IT10 C 02008 05008 000400406198,
Kennwort: Venezuela
Malteser Hospitaldienst
Der Malteserorden wird mit 30 voll ausgestatteten mobilen Klinikeinheiten Menschen in der Krisenregion medizinisch versorgen.
IBAN: AT65 2011 1800 8087 0800
Caritas Österreich
Die Caritas unterstützt mit lokalen Partnerorganisationen vor Ort die Nothilfe: sauberes Wasser, Lebensmittel, medizinische Hilfe und einen sicheren Ort zum Schlafen.
IBAN: AT23 2011 1000 0123 4560,
Kennwort: Erdbeben Venezuela;
Online-Spenden: ▶ caritas.at/erdbeben-venezuela
Don Bosco Mission Austria
Die Salesianer Don Boscos starten ihre Soforthilfe: Schulen, Pfarren und Einrichtungen werden geöffnet, um betroffene Familien aufzunehmen und mit dem Nötigsten zu versorgen.
IBAN: AT33 6000 0000 9001 3423,
Kennwort: Erdbebenhilfe
Online-Spenden: ▶ donboscomissionaustria.at
Sozialprojekte Jesuiten weltweit
Der Jesuitenorden organisiert dringendste Hilfsmaßnahmen sowie Unterstützungsmaßnahmen für betroffene Familien und Gemeinden.
IBAN: AT94 2011 1822 5344 0000,
Kennwort: Venezuela
Online-Spenden: ▶ jesuitenweltweit.at/tag/venezuela