Im Vorhof der Hölle

Venezuela nach dem Jahrhunderterdbeben
Ausgabe Nr. 28
  • Soziales
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Häuserskelette und Trümmerberge: „Das Sonderbare ist, dass in Skeletten von Hochhäusern, die noch stehen, trotzdem noch immer einzelne Menschen wohnen.“
Häuserskelette und Trümmerberge: „Das Sonderbare ist, dass in Skeletten von Hochhäusern, die noch stehen, trotzdem noch immer einzelne Menschen wohnen.“ ©Jugend Eine Welt

Nach den schweren Erdbeben in Venezuela am 24. Juni berichten Kirchenvertreter und Hilfswerke vom wachsenden Ausmaß der Katastrophe. Aber die Soforthilfe ist bereits angelaufen.

Papst Leo betet für die Menschen in Venezuela. Aus dem Almosendienst des Heiligen Stuhls wurden 100.000 Euro für humanitäre Hilfe gespendet. Ein Blick in das zertrümmerte Land in Südamerika.

Seit dem Inferno vor zwei Wochen sind bereits 3.450 Tote in Venezuela zu beklagen. Zehntausende haben ihr Zuhause verloren oder werden vermisst. Der globale Nothilfe-Koordinator Wolfgang Wedan ist vergangenen Montag in Caracas angekommen. Auf dem Weg dorthin fuhr er auch durch das Bebengebiet La Guaira, um sich ein erstes Bild zu machen. Im Interview schildert er seine ersten Eindrücke aus der verwüsteten Region. 

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Eindrücke nach dem Erdbeben in Venezuela

Herr Wedan, wie war die Fahrt gestern durch das Erdbebengebiet? Wie sind Ihre ersten Eindrücke?

Wolfgang Wedan: Ich bin vom Flughafen in Valencia mit dem Auto in das Erdbebengebiet östlich nach La Guaira an der Küste gefahren. Der erste Eindruck: Es war sehr viel Militär auf den Straßen mit zahlreichen Checkpoints. Sobald man in die Stadt La Guaira kommt, schaut am Anfang alles normal aus. Aber wenn man dann ins Zentrum kommt, dann ist man wirklich im ‚Vorhof der Hölle‘. Es war dunkel. Es gibt keinen Strom. Die Menschen haben in der Nacht somit kein Licht. Überall heulen die Sirenen. Unmengen von Menschen auf den Straßen. Es gibt mit dem Auto eigentlich kein Weiterkommen. Ich bin dann zu eingestürzten Häusern vorgedrungen. Dort haben sich beängstigende Szenen abgespielt. Menschen standen vor den Trümmern und starrten mit leeren Augen auf ihr zerstörtes Zuhause. Viele haben geweint. Die Einsatzkräfte arbeiten intensiv, auch in der Nacht – obwohl heute Nacht ein schweres Gewitter über La Guaira gezogen ist. Dementsprechend erschöpft sind die Einsatzkräfte auch. Die Bevölkerung versorgt sie mit Essen und Trinken, soweit noch vorhanden. Die Wahrscheinlichkeit, Lebende zu finden, wird natürlich von Stunde zu Stunde immer geringer. Ich war bei einer Lebend­rettung dabei. Plötzlich ist neben einem eingestürzten Hotel, wo ich mich gerade aufgehalten habe, Applaus aufgebrandet. Die Lichter sind angegangen. Die Rettungskräfte sind zusammengelaufen. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass eine Frau aus den Trümmern geborgen wurde – obwohl in diesem Hotel noch immer rund hundert Menschen vermisst werden.
 

Wenn man dann ins Zentrum kommt, dann ist man wirklich im ‚Vorhof der Hölle‘.

Wolfgang Wedan

Zerstörung nach Erdbeben in Venezuela

Wie ist die Zerstörung für Sie als erfahrenen Erdbeben- und Katastrophenmanager einzuschätzen? Sie haben schon viele Erdbeben vor Ort erlebt.

Sumatra (Anmerkung 2004) und Haiti (Anmerkung 2010) sind ein bisschen vergleichbar. Wenn man beide Erdbeben-Katastrophen addiert, dann kommt man nach Venezuela. Nirgends habe ich so eine kompakte Zerstörung von Hochhäusern erlebt wie jetzt hier in Venezuela. Es ist vergleichbar mit dem Bürgerkrieg in Syrien, wo ganze Ortschaften dem Boden gleichgemacht wurden. Menschen, die auf den hohen Trümmerbergen winzig wirken, suchen nach Überlebenden. Es wird mit großem Gerät gearbeitet, auch mit Suchhunden. Häuser stehen schief da. Das Sonderbare ist, dass in Skeletten von Hochhäusern, die noch stehen, trotzdem noch immer einzelne Menschen wohnen, die sich Licht mit Strom­erzeugern produzieren. Die restlichen Menschen sind traumatisiert, schlafen auf der Straße, auch auf Müllbergen, da die Müllabfuhr ausgefallen ist. Oder sie schleppen ihre Matratzen auf die Straße und schlafen dort.
 

Es ist vergleichbar mit dem Bürgerkrieg in Syrien, wo ganze Ortschaften dem Boden gleichgemacht wurden.

Wolfgang Wedan

Die wichtigsten Nothilfe-Maßnahmen

Was sind die wichtigsten Nothilfe-Maßnahmen, die Jugend Eine Welt nun vor Ort mit ihren Partnern setzt?

Wir haben gestern schon die erste Hilfslieferung ins Katastrophengebiet an die Küste, in den Bundesstaat La Guaira, zu unseren Partnern gebracht, die dort die Verteilung übernommen haben. Die Hilfslieferung beinhaltete Trinkwasser, die wichtigsten Nahrungsmittel wie Mehl, Reis und Sardinen, dazu kamen Non-Food-Items wie Hygieneartikel, da meine ich Seife, Rasierer, Windeln, Damenbinden, aber auch Medikamente. Diese Artikel werden jetzt dringend gebraucht. Darüber hinaus ist die psychosoziale Hilfe, also Traumabewältigung, extrem wichtig. Die Menschen sind traumatisiert. Es ist fünf Tage nach dem Erdbeben und so gut wie keiner traut sich auch in die nicht beschädigten Häuser mehr hinein. Ich selbst habe heute zwei leichte Nachbeben miterlebt, aber ich bin hier in Caracas sicher.“
 

Aufbauplan für Venezuela

Was ist Ihr Plan für die nächsten Tage?

Nachdem ich mir gestern in der Nacht ein erstes Lagebild gemacht habe, folgt nun heute eines am Tag. Auch um andere Ortschaften zu besuchen, wo internationale Hilfe noch nicht hingekommen ist. Laut meinen Meldungen wurden in Guaira mittlerweile 13.000 Tote geborgen. Ein bisschen mehr als 20.000 Menschen werden leider noch vermisst. Es gibt keine Wasserversorgung, der Strom ist ausgefallen. Es wird befürchtet, dass Seuchen ausbrechen, denn wenn die Leichen nicht geborgen werden, dann wird das Grundwasser belastet – vom Geruch will ich gar nicht sprechen.

Schlagwörter
Autor:
  • Sophie Lauringer
  • Kathpress/Thomas Zach
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