Warum Etty Hillesum heute entdeckt wird

Eine „unheilige“ Heilige
Ausgabe Nr. 19
  • Kunst und Kultur
Autor:
Sie radelt durch Amsterdam und betet zu Gott: Julia Windischbauer beeindruckt als Etty Hillesum.
Sie radelt durch Amsterdam und betet zu Gott: Julia Windischbauer beeindruckt als Etty Hillesum. ©Anne Wilk/Mark de Blok
Schreibtalent Etty Hillesum um 1940.
Schreibtalent Etty Hillesum um 1940. ©wiki commons/Unknown author/public domain

Ihre Tagebücher zählen zu den bewegendsten Zeugnissen des 20. Jahrhunderts: Etty Hillesum suchte mitten in Krieg und Verfolgung nach einer inneren Verbindung mit Gott und stieß auf eine innere Quelle.

Anlässlich der neuen arte‑Serie spricht der reformierte Theologe und Herausgeber ihrer Tagebücher, Pierre Bühler, über Hillesums spirituelle Entwicklung, ihr ungewöhnliches Gottesbild – und darüber, warum ihre Stimme gerade heute von großer Aktualität ist. Etty Hillesum gehört zu den eindrücklichsten Stimmen des 20. Jahrhunderts. Ihre Tagebücher, geschrieben zwischen 1941 und 1943, erzählen von einer jungen jüdischen Frau, die im Angesicht von Verfolgung, Krieg und Vernichtung einen radikalen inneren Weg geht – ohne Hass, ohne Bitterkeit, getragen von einer außergewöhnlichen Gottesbeziehung. Der emeritierte Zürcher Theologieprofessor Pierre Bühler hat die deutsche Gesamtausgabe der Tagebücher und Briefe von Etty Hillesum herausgegeben. Anlässlich der neuen arte‑Serie über Etty Hillesum spricht er im SONNTAG-Interview über ihre rasante innere Wandlung, ihr vielschichtiges Gottesbild und ihre große Aktualität für heute.

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Serie zu Etty Hillesum

Herr Professor Bühler, was macht die Stimme Etty Hillesums heute – 80 Jahre nach Auschwitz – so dringlich, dass ihr eine eigene Serie gewidmet wird?

Pierre Bühler: Ich könnte mir vorstellen, dass der Regisseur stark von der Botschaft Etty Hillesums angesprochen wurde. Wir leben derzeit wieder in einer Atmosphäre von Krieg und Polarisierung – man denke etwa an den Nahostkonflikt. Hillesum hat sich konsequent gegen Hass gestellt und immer für den Frieden plädiert. Sie war zutiefst besorgt darum, dass es Raum für Liebe gibt statt für Hass. Gerade in unserer heutigen Situation kann das sehr ansprechen.
 

„Trotz allem glaube ich an Gott, trotz allem bleibe ich Teil seiner Schöpfung.“

Etty Hillesum

Religiöse Prägung Etty Hillesums

Etty Hillesum wuchs eher säkular auf. Was hat ihre innere Wandlung ausgelöst?

Ganz ohne religiöse Prägung war sie nicht. In ihrer Jugend gab es durchaus Kontakte zu jüdischen Gemeinden und auch zu einer zionistisch geprägten Jugendgruppe. Später, während ihres Studiums in Amsterdam, war sie jedoch völlig fern von religiöser Praxis. Der entscheidende Wendepunkt war die Begegnung mit Julius Spier im Februar 1941. Spier war ein jüdischer Psychotherapeut, bei C. G. Jung ausgebildet, der Psychologie und Religion eng miteinander verband. Durch ihn kam Hillesum mit biblischen Texten, Augustinus und einer religiösen Deutung der Innerlichkeit in Kontakt. Diese Impulse trafen bei ihr auf empfänglichen Boden. Sie führte ein unruhiges, innerlich zerrissenes Leben und suchte nach Ordnung, Klarheit und Tiefe. In sehr kurzer Zeit – innerhalb von etwa zweieinhalb Jahren – vollzieht sich eine bemerkenswert tiefe innere Wandlung, die sich in ihren Tagebüchern nachvollziehen lässt.
 

Etty Hillesum und Gott

Hillesum spricht Gott direkt an. Welche Gottesvorstellung entwickelt sie?

Ihr Gottesbild ist vielschichtig. Es gibt durchaus eine jüdische Grundprägung, aber keine feste Bindung an religiöse Institutionen oder Rituale. Sie entwickelt ihre Gottesbeziehung aus einer ganz persönlichen Erfahrung heraus. Zentral ist die Vorstellung, dass Gott nicht einfach „außen“ ist, sondern im Inneren des Menschen entdeckt werden muss. Ein Schlüsselwort bei Hillesum ist das „Hineinhorchen“. Gott ist dort zu finden, wo der Mensch in die eigene Tiefe geht – und auch in die Innerlichkeit des Mitmenschen. Zugleich beschreibt sie Gott als verletzlich, gerade in der Kriegssituation. Sie sagt sinngemäß: Gott kann diese Welt nicht mehr allein retten – wir müssen ihm Raum geben und ihn in uns bewahren. Daneben steht aber auch das tiefe Vertrauen auf einen Gott der Geborgenheit, der sie angstfrei bleiben lässt, selbst angesichts von Gewalt und Bedrohung. Es gibt auch Zweifel und Auseinandersetzungen – Fragen der Theodizee, die Erfahrung eines rätselhaften, manchmal abwesend wirkenden Gottes. Doch immer wieder kehrt sie zu diesem „trotz allem“ zurück: Trotz allem glaube ich an Gott, trotz allem bleibe ich Teil seiner Schöpfung.
 

Wie sah ihre Gebetspraxis aus?

Sie ist vollkommen frei von festen Formeln und liturgischen Vorgaben. Hillesum betet nicht mit vorgegebenen Gebeten, sondern spricht in einem sehr intimen Ton mit Gott, fast wie mit einem Freund. Die einzige Form von Ritual ist ihre Körperhaltung: das Niederknien. Für eine jüdisch geprägte Person ist das erstaunlich, denn diese Haltung ist eher mit katholischer Spiritualität verbunden. Für Hillesum ist das Niederknien Ausdruck des Hineingehens in die eigene Innerlichkeit. Sie sagt, Gott sei wie ein Brunnen im Inneren, den man immer wieder freilegen müsse. Ihre Gebete geschehen im Alltag: im Badezimmer, neben dem Bett, später im Durchgangslager Westerbork – sogar am Stacheldraht. Beten ist für sie kein Sonderraum, sondern Teil des täglichen Lebens.
 

Schwangerschaft ist dramturgische Erfindung des Regisseurs

In der Serie wird eine Schwangerschaft und ein Abbruch dramatisch dargestellt. Entspricht das den Tagebüchern?

Nein, so wie es in der Serie dargestellt wird, entspricht es nicht den Tagebüchern. Hillesum erwähnt eine Schwangerschaft zwar, aber sehr diskret. Sie entscheidet sich gegen das Kind, weil sie sich nicht fähig sieht, diese Verantwortung zu tragen. Die Verbindung zwischen Schwangerschaft und dem Versuch der Freunde, sie von Westerbork fernzuhalten, gibt es in den Tagebüchern nicht. Die Freunde wollten sie zurückhalten, weil sie ihre Begabung sahen und weil sie Sorge um sie hatten – nicht wegen einer Schwangerschaft. Das ist eine dramaturgische Erfindung des Regisseurs.
 

Wie man Etty Hillesum heute lesen sollte

Wie sollte man Etty Hillesum heute lesen – auch im Blick auf die filmische Darstellung?

Mir ist wichtig, dass man sie nicht zu schnell zur Heiligen macht. Sie selbst hat immer betont, dass sie keine Heilige ist, sondern ein junger Mensch voller Ambivalenzen, Spannungen und innerer Kämpfe. Sie lebte sehr frei, hatte mehrere Liebesbeziehungen und stellte sich nicht unter moralische Ideale. Gerade diese Ambivalenz macht sie aber für heutige Menschen so anschlussfähig. Ihre Spiritualität führt nicht in den Rückzug, sondern in ein stärkeres Engagement für die Welt. Es ist diese Bewegung: nach innen gehen – und dann wieder nach außen, zu den Leidenden. Fast wie ein Atmen.
 

Verbindung von Mystik und Alltag

Was bedeutet Etty Hillesum für Sie persönlich – und für unsere Zeit?

Mich begleitet sie seit den 1980er-Jahren. Was mich besonders geprägt hat, ist diese Verbindung von Mystik und Alltag, von Religion und Ethik. Das Gebet gibt ihr Kraft, um wieder hinauszugehen und zu handeln. Als die Gesamtausgabe 2023 erschien, wurde mir erst richtig bewusst, wie sehr ihre Stimme zur Gegenwart passt. Wir erleben wieder Kriegsstimmung, den Verlust von Respekt und Menschenwürde. Hillesums Botschaft ist: Krieg ist unmöglich, Hass darf keinen Raum haben. Die Liebe muss Raum gewinnen – nur so kann Frieden entstehen. In diesem Sinn hat ihre Stimme heute eine enorme Kraft.

©Privat

Zur Person

Pierre Bühlerist reformierter Theologe, emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Universität Zürich und Herausgeber der deutschsprachigen Gesamtausgabe der ­Tagebücher Etty ­Hillesums

©C.H.Beck

Buchtipp


Hillesums Tagebücher gibt es seit 2023 in einer Gesamtausgabe auf Deutsch. Wer die Biographie liest, bekommt an deren Ende eine Ahnung davon, welche Tragödie es bedeutete, im Holocaust dem Tod entgegenzugehen und die eigene Familie dem Tod geweiht zu wissen.


Etty Hillesum, Ich will die Chronistin dieser Zeit werden. Sämtliche Tagebücher und Briefe. 1941–1943. C.H. Beck, 989 Seiten, ISBN: 978-3-406-79731-6, EUR 44,50

©C.H.Beck

Buchtipp


Judith Koelemeijer, Mit dem ganzen Herzen. Das furchtlose Leben der Etty Hillesum. 1914–1943, C.H. Beck, 605 Seiten, ISBN: 978-3-406-81347-4, EUR 36,00

Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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