Das Mamasein hat viele Facetten
Mütter in der LiteraturKinderliteratur erzählt selten vom reibungslosen Alltag. Sie setzt dort an, wo etwas fehlt, brüchig wird oder neu ausgehandelt werden muss. Das gilt für die Lebenssituationen, die thematisiert werden, aber auch für die Personen, die Teil der Geschichten sind. Mütter haben es dabei, so könnte man den Eindruck gewinnen, oft besonders schwer – die Mama, der es einfach nur gut geht und die ihr Leben mit all seinen Facetten total im Griff hat, gibt es selten. „An sich bin ich mit der Vielfalt der Mutterbilder aber nicht unzufrieden“, sagt Kathrin Wexberg von der Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur (STUBE). „Wenn man berufsbedingt viel liest, stellt sich manchmal eine gewisse Ermüdung gegenüber all den toten, kranken, abwesenden Müttern und frau wünscht sich gelegentlich eine halbwegs glückliche Familie. Aber das liegt natürlich auch daran, dass es oft interessanter ist, von dramatischen Ereignissen zu erzählen als vom „normalen“ Alltag.“
Die Vielfalt der Mütter
Welche Rolle nehmen Mütter in aktueller Kinderliteratur am häufigsten ein beziehungsweise welche Eigenschaften werden Müttern in moderner Kinderliteratur zugesprochen?
Kathrin Wexberg: Die moderne Kinderliteratur bildet sicher Mutterrollen in jener Vielfalt ab, die es auch in der Gesellschaft gibt – fürsorglich, berufstätig, überfordert, psychisch belastet. Weil aber natürlich Geschichten an den Bruchlinien des Lebens, dort, wo es schwierig ist, oft erzählerisch ergiebiger sind als jene, wo eh alles unkompliziert und „normal“ ist, gibt es in der Literatur vermutlich mehr Geschichten, wo Müttern schreckliche Dinge zustoßen, als in der Realität. Gott sei Dank! Kinderliteraturforscherin Gundel Mattenklott hat einmal bei einer Tagung sehr trocken formuliert, dass die Todesrate von Müttern in Kinderbüchern in keinster Weise mit der realen Müttersterblichkeit im deutschsprachigen Raum der Gegenwart korreliert.
Aktuelle Darstellungen von Müttern
Wie wird das Spannungsfeld zwischen Fürsorge, Selbstverwirklichung und Arbeit bei Müttern dargestellt? Wie gehen zeitgenössische Kinderbücher mit Themen wie Mental Load, Erschöpfung oder Zweifel von Müttern um? Werden Mutterfiguren eher idealisiert, realistisch oder problematisierend dargestellt?
Aktuelle Darstellungen von Müttern in der – realistischen – Kinderliteratur haben sicher einen eher realistischen bis deutlich problemorientierten Schwerpunkt: Es gibt relativ viele Beispiele von Müttern, die krank sind, oft auch psychisch krank, oder sogar versterben, in ihrer Beziehung scheitern, sich nicht so um die Kinder kümmern können, wie diese es brauchen. Da aber die Geschichten in Kinderbüchern eher die Perspektive und damit auch die Lebensthemen der Kinder und nicht der Mütter ins Zentrum stellen, kommen erwachsene Themen und Begriffe wie Mental Load oder Regretting Motherhood eher nur am Rande oder unausgesprochen vor.
Aktuelle Darstellungen von Müttern in der – realistischen – Kinderliteratur haben sicher einen eher realistischen bis deutlich problemorientierten Schwerpunkt.
Kathrin Wexberg
Alleinerziehende Mütter
Welche Bedeutung haben alleinerziehende Mütter oder andere Familienmodelle in aktuellen Kinderbüchern?
Das gibt es natürlich, so wie in der gesellschaftlichen Realität, ganz oft – alleinerziehende Mütter und verschiedenste Patchwork-Konstellationen zum Beispiel. Besonders beeindruckend sind jene Mutterfiguren, die versuchen, ihren Kindern auch in schwierigen Situationen ein möglichst gutes Leben zu bieten. Aus dem letzten Jahr ist mir da der Kinderroman „Keine Party ist auch keine Lösung“ von Anna Maria Praßler bei Klett Kinderbuch besonders in Erinnerung geblieben: die kindliche Hauptfigur Jagoda lebt dort mit ihrer Mutter in einem Frauenhaus.
Mütter und Väter in der klassischen Kinderliteratur
Inwiefern unterscheiden sich die Mutterbilder in der modernen Kinderliteratur von denen in den Klassikern? Was war in der klassischen Kinderliteratur wichtig, was ist heute wichtig?
Bei vielen Klassikern vor allem der phantastischen Kinderliteratur, zum Beispiel Alice im Wunderland oder Peter Pan, war es so, dass das so genannte Motiv der Elternferne erst die Abenteuer in phantastischen Welten ermöglicht. Also Mütter und Väter spielen sozusagen in der erzählten Welt bewusst keine oder kaum eine Rolle, damit die Kinder sich auf eigene Faust bewähren können. In realistischen Kinderbüchern früherer Zeiten war es sicher so, dass die Mütter auch dem damaligen Rollenbild entsprechende Aufgaben übernommen haben, also eher der häuslichen Sphäre und den sorgenden Tätigkeiten zugeordnet waren.
Das Bild der Mütter in Kinderbüchern
Welche Wirkung können in Kinderbüchern transportierte Mutterbilder auf das Selbstverständnis von Kindern haben? Macht aktuelle Kinderliteratur Lust darauf, selbst Eltern zu werden?
Ich bin immer ein bisschen vorsichtig damit, Literatur eine bestimmte Wirkung zuzuschreiben beziehungsweise diese zu erwarten. Polemisch formuliert: Genau so wenig wie ein Buch, in dem jemand Alkohol trinkt, die Leserinnen und Leser zwangsläufig zum Alkoholtrinken bringt, wird ein Buch, in dem von einer glücklichen Mutter erzählt wird, automatisch Lust darauf machen, selbst Kinder zu bekommen. Aber natürlich sind Leseerfahrungen prägende Erfahrungen. Insofern kann es natürlich sein, dass jede Geschichte von gemeinsamem Ringen um ein gutes Zusammenleben auch ein Puzzlestein dafür sein kann, dann später den Wunsch zu entwickeln, selbst Eltern werden zu wollen.
Ich bin immer ein bisschen vorsichtig damit, Literatur eine bestimmte Wirkung zuzuschreiben...
Kathrin Wexberg
Moderne Mutterrollen
Warum ist es wichtig, dass moderne Kinderliteratur moderne Mutterrollen abbildet? Für die Kinder selbst, aber auch für Mütter, Väter, Großeltern.
Wir alle sind natürlich vorrangig von dem geprägt, was wir selbst erleben oder erlebt haben: Wenn ich selbst nur biologische Mütter kenne, werde ich wenig am Schirm haben, dass es auch Pflegemütter oder Bonus-Mamas gibt, wenn in den Familien, die ich kenne, sich ausschließlich die Mütter um alle Schulangelegenheiten kümmern, komme ich gar nicht auf die Idee, dass das auch der Vater übernehmen könnte. Insofern sehe ich in fiktionalen Geschichten eine große Chance, da die Perspektive über den eigenen Tellerrand hinaus zu weiten, was es sonst noch an Mutterrollen gibt und geben kann.
Väter in der modernen Kinderliteratur
Und – am Rande gefragt: Wie werden Väter in der modernen Kinderliteratur dargestellt?
Ich würde polemisch sagen, ähnlich langsam oder vielleicht geringfügig schneller als in der gesellschaftlichen Realität. Auch Väter gibt es in der Kinderliteratur in einer großen Bandbreite, aber sicher deutlich mehr als in früheren Zeiten auch solche, die sich an der Care-Arbeit beteiligen, den Kindern als Gesprächspartner zur Verfügung stehen oder auch nach einer Trennung eine Rolle im Leben der Kinder spielen.
Was muss Ihrer Einschätzung nach ein gutes Buch im Hinblick auf die Rolle von Mutter und Vater beziehungsweise neutraler formuliert von Erziehungsberechtigten können?
Ich finde es schön, wenn Kinderbücher Eltern, Erziehungsberechtigte und andere Erwachsene auf eine ehrliche und differenzierte Weise darstellen, wenn Menschen Ecken und Kanten haben, wenn Leerstellen bleiben und nicht alles auserzählt und erklärt wird.
Zur Person
Dr. Kathrin Wexberg hat Germanistik und Publizistik in Wien studiert. Seit 2004 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der STUBE, der Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur.
Buchtipp
Schreimutter: Gewaltlose Kommunikation hin und her – manchmal schreit jede Mutter ihr Kind an. Davon erzählt dieses zeitlose Bilderbuch: Nach einem Schrei der Mutter zerfällt das Pinguinkind in seine Einzelteile.
Jutta Bauer: Schreimutter. Beltz & Gelberg 2013. ISBN: 978-3-407-76118-7, EUR 7,50 Ab 3 Jahren.
Buchtipp
Hanno und der Notfall: Zwei sehr unterschiedliche Kinder lernen einander durch ihre Mütter und gegen ihren Willen näher kennen: Als Piens Mutter, eine müde und traurige Frau, sich eine Zeit lang erholen muss, beschließt die tatkräftige „Mums“ von Ich-Erzähler Hanno, das Mädchen vorübergehend in die Familie aufzunehmen.
Annejan Mieras: Hanno und der Notfall. Beltz & Gelberg 2022. ISBN: 978-3-8369-6106-6, EUR 14,00, Ab 9 Jahren.
Buchtipp
Stuxx: In dem gerade erschienenen Jugendroman hat die Mutter die Familie der jugendlichen Hauptfigur Stuxx vor einigen Jahren sehr unvermittelt verlassen und möchte nun erstmals wieder zu Besuch kommen. Anders als seine kleine Schwester ist er davon gar nicht begeistert.
Will Gmehling: Stuxx. Peter Hammer Verlag 2025. ISBN: 978-3-7795-0802-1, EUR 17,00, Ab 13 Jahren.