Wenn Heilige ans Telefon gehen

Kunstinstallation
Ausgabe Nr. 21
  • Kunst und Kultur
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Eine Einladung, auf Hilfe von oben zu vertrauen und Bitten auszusprechen, ist die Kunstinstallation ANRUFUNG II.
Eine Einladung, auf Hilfe von oben zu vertrauen und Bitten auszusprechen, ist die Kunstinstallation ANRUFUNG II. ©Johannes Heuer

Eine von Johannes Heuer gestaltete Kunstinstallation in der Pfarrkirche Maria Namen in Wien-Ottakring macht die alte Gebetspraxis der Anrufung neu erfahrbar: Die 14 Nothelfer sind plötzlich per Handy erreichbar – und laden dazu ein, Bitten auszusprechen. 

Wie gern sagen wir: „Wenn du etwas brauchst, ruf mich an!“ Dass vor allem die Heiligen für Anrufe beziehungsweise „Anrufungen“ besonders offen sind, ist auch Katholikinnen und Katholiken nicht immer bewusst. Eine „Anrufung“ ist – laut Brockhaus – eine Bitte oder ein Ruf an eine höhergestellte, heilige oder übernatürliche Instanz, meist im religiösen Sinn. Sie kann auch einfach der Teil eines Gebets sein, in dem Gott ausdrücklich angerufen wird.

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14 Nothelfer mit Handynummern samt Mailbox

Genau an diese beinahe in Vergessenheit geratene Gebetspraxis knüpft der Wiener Künstler Johannes Heuer an – und übersetzt sie mit einem Augenzwinkern ins 21. Jahrhundert. In der Pfarrkirche Maria Namen bekommen die vierzehn Nothelfer und Nothelferinnen nämlich etwas, das sie zu Lebzeiten garantiert nicht hatten: eigene Handynummern samt Mailbox. Wer will, kann Barbara, Blasius oder Christophorus einfach anrufen und auf ihre Mailbox sprechen. 

Heilige Helfer für viele Notlagen

Die vierzehn Nothelfer waren über Jahrhunderte die geistliche „Notrufnummer“ für alle Lebenslagen. Bei Krankheit, Angst, Feuer, gefährlichen Reisen oder Todesnot wusste man genau, wen man „wählte“. Ihre eigenen Lebensgeschichten waren voll von Grenzerfahrungen – Folter, Gewalt, Tod. Dass gerade sie als Ansprechpartner in existenziellen Situationen galten, ist also kein Zufall.

14 Nothelfer in der Pfarre Maria Namen

Heuers Heilige sind keine glänzenden Barockfiguren, sondern grob bearbeitete Holzscheite. Mit einer alten, kaputten Kettensäge hat er ihnen eine archaische Gestalt gegeben. „Ohne Zuschreibung ist es nur Holz“, sagt der Künstler – so wie auch ein Gebet erst durch den Menschen Bedeutung bekommt, der es spricht. Das Herzstück der Installation sind 14 einfache Mobiltelefone. Wer mag, spricht seine Bitte auf die Mailbox: leise oder laut, verzweifelt oder dankbar. Abgehört werden die Nachrichten nicht. Kein himmlisches Kontrollorgan, kein irdischer Kunstbetrieb. Aber vielleicht liegt gerade darin der Reiz: etwas auszusprechen, was sonst im Inneren stecken bleibt. 

Die frisch renovierte Pfarrkirche Maria Namen versteht sich seit Jahren als kirchlicher Kunstort. Bei der „Langen Nacht der Kirchen“ am 29. Mai werden die Mailbox-Heiligen Teil eines gemeinsamen Gebetsabends.

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Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
  • Kathpress
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