Das „Sehen“
Fünf Sinne
Ecce homo! Ja, schaut genau hin! Dann seht ihr, was ihr mit diesem Menschen gemacht habt“, mochte Pilatus wohl gedacht haben, als er Jesus dem Volk präsentierte. „Macht eure Augen auf! Wacht auf! Das ist eure Wirklichkeit!“ Aber, so muss man natürlich fragen, was genau empfangen oder erfahren wir denn von dieser Welt, wenn wir „sehen“? Im Gegensatz zu unserem Gehör, das im Innern unseres Kopfes liegt, sind unsere Augen nach vorne, nach außen gerichtet. Ein Lichtstrahl tastet dabei die Oberfläche unserer Welt ab und bildet sie im Hintergrund unseres Auges wieder ab.
Was wir sehen, ist etwas Oberflächliches
Was wir sehen, ist also eigentlich etwas Oberflächliches, im Grunde genommen nichts Wesentliches. Hinzu kommt jene traurige Erfahrung, dass eben nicht alles Gold ist, was glänzt, ein glaubhaftes Symbol für die Begrenztheit, Fehlerhaftigkeit und das große Täuschungsvermögen unserer Augen, die sich oft nur noch vom ersten Eindruck ernähren. Wenn es um die Frage geht, ob Gott wirklich existiert, hört man nicht selten den Einwand: „Nein, ich glaube nur an das, was ich sehen kann.“ Wenn ich all das, was ich wirklich sehen kann, auf einen Haufen zusammenwerfen könnte, all die Monde, Planeten, Sterne und Galaxien, dann wäre das eine solche Menge, dass ich mir das absolut nicht mehr vorstellen könnte. Und trotzdem wäre all das Unvorstellbare doch nur etwa 5 Prozent von dem, was im Weltall wirklich existiert. Das heißt: 95 Prozent von all dem, was ist – so sagt die Wissenschaft – ist eben nicht sichtbar. Nicht unser „Wissen“ oder „Nichtwissen“ wird die Frage nach Gott beantworten, aber auch nicht bestreiten können, Gott ist ja kein Ding, das wir entweder sehen oder übersehen könnten. Ihn „sehen“ können wir allenfalls mit unserem Herzen, wenn es sich immer wieder aufmacht und nach der Liebe sucht. Dann ist aber das, was wir finden, mehr als ein Wissen.
Schwarz oder rosarot
Trotzdem wird es uns helfen, eher auf der sicheren Seite unserer Wahrnehmung zu sein, wenn wir uns bemühen, genau hinzuschauen, uns nicht blenden zu lassen, nicht einfach wegzuschauen oder etwas bewusst zu übersehen. Wir denken dabei an diejenigen, die immer nur schwarz sehen oder rosarot; die vor lauter Wut immer gleich rot sehen oder die vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Wir sollten auch immer mit bedenken, dass man alle Dinge immer so oder so sehen kann; dass vier Augen in der Regel mehr sehen als zwei oder dass wir oft nur das sehen, was wir gerne sehen wollen, vor allem den Splitter im Auge unseres Bruders, wenn wir den Balken im eigenen Auge nicht sehen. Es ist ohnehin viel wesentlicher, wie wir die Dinge sehen.
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“
Johannes 20,29
Mit dem Herzen
Manchmal fehlt uns auch jede Möglichkeit, in allem Wust und Chaos überhaupt noch durchzublicken. Es gibt aber Menschen, die einfach mehr sehen als andere, die häufig die Dinge schon kommen sehen, bevor sie überhaupt da sind. Oft liegt es daran, dass sie nicht so sehr mit ihren Augen sehen, sondern mit ihrem Herzen. Dabei erinnern wir uns an ein Wort Jesu, wenn er sagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (Joh 20,29). Das mögen manche belachen, aber „so sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehen“ (Matthias Claudius).
Zur Person
Stanislaus Klemm ist Theologe und Psychologe, viele Jahre lang leitete er die Telefonseelsorge im deutschen Saarland.