Die Gesinnung heilen

Sommermeinung
Ausgabe Nr. 32
  • Spiritualität
Autor:
Wilhelm Emmanuel von Ketteler, das frühe soziale Gewissen der Kirche.
Wilhelm Emmanuel von Ketteler, das frühe soziale Gewissen der Kirche. ©Redaktion/Der SONNTAG

Sommerzeit ist Lesezeit: In den „Sommerbriefen“ macht Der SONNTAG alte Schreiben neu zugänglich – klar, direkt und erstaunlich anschlussfähig für unsere Gegenwart.

„Unsere Religion ist nicht wahrhaft ­katholisch, wenn sie nicht wahrhaft sozial ist. Nur dann, wenn unsere Kirche eine wahrhaft soziale Kirche ist, ist sie eine wahrhaft katholische Kirche“: Mit diesem Wort kann die soziale Botschaft des Mainzer Bischofs Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811–1877) auf den Punkt gebracht werden. Im Advent 1848 hielt von Ketteler eine bemerkenswerte Predigtreihe im Mainzer Dom. 

Werbung

Die Lehre von Wilhelm Emmanuel von Ketteler

Je ohnmächtiger aber die Lehre der Welt ist, um zu helfen, desto mächtiger ist die Lehre des Christentums. Gerade die sozialen Verhältnisse sind es, wo sich uns seine ganze Macht offenbart. Nichts dürfte geeigneter sein, uns gleich in das innere Wesen der Verschiedenheit der Mittel einzuführen, die uns das Christentum und die Welt anbietet, als ein Vorfall aus dem Leben Jesu, den uns der Evangelist Lukas (Kapitel 12, Vers 13) berichtet. Einer aus der Volksmenge bat Jesus: „Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen!“ Und Jesus antwortete ihm: „Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt?“ Dieser Vorfall veranlasst den Heiland, seine Umgebung vor allem Geiz zu warnen, weil das Glück des Lebens nicht im Überfluss zeitlicher Güter zu suchen sei. Er erzählte dann das Gleichnis von dem reichen Mann, der nach reichlichen Ernten und nachdem er seine Scheunen angeführt hatte, endlich zu sich sprach: „Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast? So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist“ (Lukas, Kapitel 12, Verse 19 bis 21).

Genuss- und Habgier und Selbstsucht

Sehet, meine christlichen Brüder, so antwortet Christus all jenen, die mit dem Menschen aus dem Evangelium durch Güterteilung reich werden oder überhaupt durch äußere Mittel die sozialen Zustände bessern wollen. Er will auch eine richtige Verteilung der Güter, aber nicht durch Gewalt, sondern durch Umänderung der Gesinnung. Das ist der wesentliche Unterschied der Lehren des Christentums und der Lehren der Welt. Diese hat nur äußere Mittel, die die Quelle des Übels nicht heilen können, das Christentum heilt die Quelle des Übels, die Gesinnung der Menschen. Nicht in der äußeren Not liegt unser soziales Elend, sondern in der inneren Gesinnung. ... Die beiden gewaltigen Seelenübel, an denen unsere geselligen Beziehungen krank darniederliegen, sind teils die unersättliche Genuss- und Habgier, teils die Selbstsucht, welche die Nächstenliebe zerstört hat. Diese Krankheit hat die Reichen und die Armen ergriffen. Was vermögen da Steuerverteilungen und Sparkassen, solange diese Gesinnung fortbesteht. Dieser inneren Verderbnis gegenüber ist die Welt mit allen ihren Lehren gänzlich ohnmächtig, während das Christentum die ganze Macht seiner Lehre eben auf die Gesinnung, auf die innere Besserung der Menschen richtet.

Soziales Übel heilen

Um die sozialen Übel zu heilen, genügt es nicht, dass wir einige Arme mehr speisen und kleiden und dem Armenvorstand einige Taler Geld mehr zusenden. Das ist nur der allerkleinste Teil unserer Aufgabe. Wir müssen eine ungeheure Kluft in der Gesellschaft, einen tief eingewurzelten Hass zwischen Reichen und Armen ausgleichen, wir müssen eine tiefe sittliche Versunkenheit bei einem zahlreichen Teil unserer armen Mitbrüder, die allen Glauben, alle Hoffnung, alle Liebe zu Gott und den Mitmenschen verloren haben, wieder heilen; wir müssen die geistige Armut der leiblich Armen wieder heben.

Autor:
  • Stefan Kronthaler
Werbung

Neueste Beiträge

| Spiritualität
Sommermeinung

Sommerzeit ist Lesezeit: In den „Sommerbriefen“ macht Der SONNTAG alte Schreiben neu zugänglich – klar, direkt und erstaunlich anschlussfähig für unsere Gegenwart.

| Wien und Niederösterreich
800 Jahre Dominikaner

Günter Reitzi, Dominikaner in Wien, über einen Glauben, der öffnet, statt abzugrenzen, ein Leben jenseits der Kirchentüren und darüber, warum Frieden für ihn kein Ideal, sondern ein Auftrag ist.

| Heiter bis heilig
Anekdoten

Was hat ein Bernhardiner mit dem Gründer des Zisterzienserordens zu tun? Eine Geschichte über eine lustige Antwort.