Die Schwiegertochter im Stammbaum Jesu

Unbekannte Frauen im alten Testament
Ausgabe Nr. 39
  • Weltkirche
Autor:
Tamar: Die dramatische Geschichte der Tamar wird nicht im Gottesdienst gelesen. ©

In der gottesdienstlichen Leseordnung der Kirche kommen zwei Frauengeschichten nicht vor: die Erzählung von Tamar aus dem Buch Genesis (Kapitel 38) und jene von Jaël (Richter, Kapitel 4 und 5). Eine Hinführung zum Bibelpfad am 25. September in Wien.

 

In dem dieser Ausgabe des ­SONNTAG beigelegten Magazin „Himmel & Erde“ beschreibt die frühere Direktorin des Jüdischen Museums Wien Danielle Spera berühmte Frauen der Hebräischen Bibel. Wie Eva und Sara, Lea und Rahel, Batseba und Ester. Das Alte Testament kennt zwei Erzählungen über fast unbekannte Frauen, die entschlossen gehandelt haben: Tamar und Jaël. Eine dieser Frauen – Tamar – wird auch im Stammbaum Jesu beim Evangelisten Matthäus genannt.
 

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Der unterbrochene Beischlaf

Das 38. Kapitel des Buches Genesis erzählt die hochdramatische Geschichte, worin ein Schwiegervater unwissentlich mit seiner Schwiegertochter schläft und diese von ihm schwanger wird. Juda, der Sohn der Lea, nahm eine Tochter eines Kanaaniters namens Schua zur Frau und hatte mit ihr drei Söhne: Er, Onan und Schela.

Nüchtern wird in den Versen 6 bis 10 berichtet: „Juda nahm für seinen Erstgeborenen Er eine Frau namens Tamar. Aber Er, der Erstgeborene Judas, missfiel dem HERRN und so ließ ihn der HERR sterben. Da sagte Juda zu Onan: Geh zur Frau deines Bruders, vollzieh mit ihr die Schwagerehe und verschaff deinem Bruder Nachkommen! Onan aber wusste, dass die Nachkommen nicht ihm gehören würden. Sooft er zur Frau seines Bruders ging, ließ er den Samen zur Erde fallen und verderben, um seinem Bruder Nachkommen vorzuenthalten. Was er tat, missfiel dem HERRN und so ließ er auch ihn sterben.“

Dieser „unterbrochene Beischlaf“ („Coitus interruptus“) wurde später als „Onanie“ (Selbstbefriedigung) falsch gedeutet.

Tamar zwischen den Stühlen

Die sogenannte Schwager- oder Leviratsehe bedeutete, „dass der Bruder eines Verstorbenen dessen Ehefrau heiratet und die Kinder, die aus dieser Verbindung entstehen, als Kinder des Verstorbenen gelten“, schreibt die deutsche Theologin Annette Jantzen in ihrem Buch „Die ignorierten Frauen der Bibel“.

Diese Regelung aus dem Buch Deuteronomium (Kapitel 25, Verse 5 bis 10) war praktisch zugunsten einer Witwe, denn ansonsten hatte solch eine kinderlose Witwe weder eine Altersversorgung noch einen rechtlichen Schutz.

Doch Juda verweigert seiner Schwiegertochter Tamar seinen dritten Sohn Schela (Vers 11): „Nun sagte Juda zu seiner Schwiegertochter Tamar: Bleib als Witwe im Haus deines Vaters, bis mein Sohn Schela groß ist! Denn er dachte: Er soll mir nicht auch noch sterben wie seine Brüder. Tamar ging und blieb im Haus ihres Vaters.“

„Juda sah sie und 
hielt sie für eine Dirne; denn sie hatte 
ihr Gesicht verhüllt.“

Tamar saß nun zwischen allen Stühlen: Ihr Schwiegervater schob die Schwagerehe auf unbestimmte Zeit hinaus und Tamar konnte auch keine neue Ehe eingehen.

Die listenreiche Tamar

Jahre später ging Juda mit seinem Freund nach Timna zur Schafschur. Die Verse 13 bis 20 zeigen eine zum Handeln entschlossene Tamar: „Man berichtete Tamar: Siehe, dein Schwiegervater geht gerade nach Timna hinauf, um seine Schafe zu scheren. Da zog sie ihre Witwenkleider aus, legte einen Schleier über und verhüllte sich. Dann setzte sie sich an den Ortseingang von Enajim, der an der Straße nach Timna liegt. Sie hatte nämlich gemerkt, dass Schela groß geworden war und dass man sie ihm nicht zur Frau gegeben hatte.“

Juda sah sie und hielt sie für eine Dirne; denn sie hatte ihr Gesicht verhüllt. Er bog auf den Weg zu ihr ein und sagte: „Mach schon, ich will zu dir kommen!“ Er wusste ja nicht, dass es seine Schwiegertochter war.

Sie antwortete: „Was gibst du mir, wenn du zu mir kommst?“ Er sagte: „Ich werde dir ein Ziegenböckchen von der Herde schicken.“ Sie entgegnete: „Nur wenn du mir ein Pfand gibst, bis du es schickst.“ Da fragte er: „Was für ein Pfand soll ich dir dalassen?“ „Deinen Siegelring, deine Schnur und den Stab in deiner Hand“, antwortete sie. Er gab es ihr.

Dann ging er zu ihr und sie wurde von ihm schwanger. Sie stand auf, ging weg, legte ihren Schleier ab und zog wieder ihre Witwenkleider an.

Schwanger durch Unzucht? Verbrennen!

Das Drama nimmt seinen Lauf: „Nach etwa drei Monaten meldete man Juda: Deine Schwiegertochter Tamar hat Unzucht getrieben und siehe, sie ist schwanger durch Unzucht. Da sagte Juda: Führt sie hinaus! Sie soll verbrannt werden“ (Verse 23 bis 24).

In letzter Sekunde handelt die unschuldige Tamar wieder und kann ihre Schuldlosigkeit beweisen: „Als man sie hinausführte, schickte sie zu ihrem Schwiegervater und ließ ihm sagen: Von dem Mann, dem das gehört, bin ich schwanger. Auch ließ sie sagen: Sieh genau hin: Wem gehören der Siegelring, die Schnüre und dieser Stab?“

Juda sah genau hin und gab zu: „Sie ist mir gegenüber im Recht, weil ich sie meinem Sohn Schela nicht zur Frau gegeben habe. Danach verkehrte er mit ihr nicht mehr“ (Verse 25 und 26).

Tamar war mit 
Zwillingen schwanger –  
sie hatte dann eine schwere Geburt.

Tamar war mit Zwillingen schwanger, sie hatte dann eine schwere Geburt. Beide Söhne – Perez und Serach – überlebten. Perez gilt als der Erstgeborene, im Buch Rut (Kapitel 4, Verse 18 bis 22) nimmt Perez bereits früh einen prominenten Platz im Stammbaum Davids ein: „Das ist die Geschlechterfolge nach Perez: Perez zeugte Hezron, Hezron zeugte Ram, Ram zeugte Amminadab, Amminadab zeugte Nachschon, Nachschon zeugte Salmon, Salmon zeugte Boas, Boas zeugte Obed, Obed zeugte Isai und Isai zeugte David.“

Tamar im Stammbaum Jesu

Im Stammbaum Jesu im Matthäusevangelium (Kapitel 1, Vers 3) wird Tamar schließlich als erste von nur vier Frauen in diesem Stammbaum genannt: „Juda zeugte den Perez und den Serach mit der Tamar.“

Von den vier Frauen kommen allerdings nur Rut und Batseba („die Frau des Urija“) mit einem Teil ihrer Geschichte in der gottesdienstlichen Leseordnung vor. Nicht gelesen wird die Erzählung von der Dirne Rahab (Buch Josua, Kapitel 2) – und von Tamar.

Auch Jaël handelt entschlossen

Jaël steht ein wenig im Schatten der vielbesungenen Debora. Dabei setzt Jaël im wahrsten Sinn des Wortes den entscheidenden Schlag zur Rettung ihres Volkes.

Das Buch der Richter erzählt im vierten und fünften Kapitel vom Kampf der Richterin und Prophetin Debora und des Barak gegen den gegnerischen Heerführer Sisera. „Und der HERR brachte Sisera, alle seine Wagen und seine ganze Streitmacht mit scharfem Schwert vor Barak in große Verwirrung. Sisera sprang vom Wagen und floh zu Fuß. Barak verfolgte die Wagen und das Heer bis nach Haroschet-Gojim. Das ganze Heer Siseras fiel unter dem scharfen Schwert; nicht ein einziger Mann blieb übrig“, heißt es im Buch der Richter (Kapitel 4, Verse 15 bis 16).

Sisera war schließlich zu Fuß zum Zelt der Jaël, der Frau des Keniters Heber, geflohen. „Jaël trat heraus, Sisera entgegen, und sagte zu ihm: Kehr ein, Herr, kehr in bei mir, hab keine Angst! Da kehrte er ein bei ihr im Zelt und sie deckte ihn mit einem Teppich zu.“

Er sagte zu ihr: „Gib mir doch etwas Wasser zu trinken, ich habe Durst.“ Sie öffnete einen Schlauch mit Milch und gab ihm zu trinken; dann deckte sie ihn wieder zu. Er sagte zu ihr: „Stell dich an den Zelteingang, und wenn einer kommt und dich fragt: Ist jemand hier, dann antworte: Nein.“

Doch Jaël, die Frau Hebers, holte einen Zeltpflock, nahm einen Hammer in die Hand, ging leise zu Sisera hin und schlug ihm den Zeltpflock durch die Schläfe, sodass er noch in den Boden drang, während er erschöpft in tiefem Schlaf lag. So fand Sisera den Tod (Buch der Richter, Kapitel 4, Verse 18 bis 21).

Jaëls Tat im Siegeslied

In Deboras und Baraks Siegeslied (Buch der Richter, Kapitel 5, Verse 24 bis 27) wird die Tat der Jaël mit vielen Anspielungen besungen: „Gepriesen sei Jaël unter den Frauen, die Frau des Keniters Heber, gepriesen unter den Frauen im Zelt. Wasser erbat er, Milch gab sie, in einer prächtigen Schale reichte sie Sahne.“

Ihre Hand streckte sie aus nach dem Pflock, ihre Rechte nach dem Hammer der Arbeiter. Sie hämmerte auf Sisera ein, zermalmte sein Haupt, zerschlug, durchbohrte seine Schläfe. Zwischen ihren Füßen brach er in die Knie, stürzte, lag da, zwischen ihren Füßen brach er in die Knie, stürzte. Wo er in die Knie brach, da lag er vernichtet.

Auch diese Erzählung wird nicht in den Gottesdiensten der Kirche vorgetragen.

Schlagwörter
Autor:
  • Stefan Kronthaler
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