Wenn sich Frauen „abmühen“
Unbekannte Frauen im Neuen Testament
Wer immer letztlich die drei biblisch überlieferten Briefe an Timotheus wie auch an Titus geschrieben haben mag – ob einer aus der sogenannten Paulus-Schule im Sinne des Völkerapostels Paulus oder ein anderer, auch unbekannter Autor – im zweiten Brief an Timotheus (Kapitel 1, Vers 5) denkt der Verfasser jedenfalls an den „aufrichtigen Glauben, der schon in deiner Großmutter Loïs und in deiner Mutter Eunike lebendig war und der nun, wie ich weiß, auch in dir lebt“. Loïs ist die einzige namentlich genannte Großmutter in der ganzen Bibel des Alten und Neuen Testaments. Sie muss auf ihren Enkel Timotheus stark und positiv gewirkt haben. Und sie ist ein Beispiel für die gelungene Weitergabe des Glaubens, denn Großmütter sind dabei damals wie auch heute unersetzlich.
Die einzige „Jüngerin“ in der Bibel
In der Apostelgeschichte findet sich im neunten Kapitel eine Erzählung über Tabita, die ausdrücklich als „Jüngerin“ bezeichnet wird. Dies ist einmalig im Neuen Testament. Doch was geschah damals? Petrus war in der weiteren Umgebung von Jerusalem missionarisch unterwegs. Die Apostelgeschichte weiß: „In Joppe lebte eine Jüngerin namens Tabita, das heißt übersetzt: Dorkas – Gazelle. Sie tat viele gute Taten und gab reichlich Almosen. Es geschah aber: In jenen Tagen wurde sie krank und starb. Man wusch sie und bahrte sie im Obergemach auf. Weil aber Lydda nahe bei Joppe liegt und die Jünger hörten, dass Petrus dort war, schickten sie zwei Männer zu ihm und ließen ihn bitten: Komm zu uns, zögere nicht! Da stand Petrus auf und ging mit ihnen. Als er ankam, führten sie ihn in das Obergemach hinauf; alle Witwen traten zu ihm, sie weinten und zeigten ihm die Röcke und Mäntel, die Dorkas gemacht hatte, als sie noch bei ihnen war. Petrus aber schickte alle hinaus, kniete nieder und betete. Dann wandte er sich zu dem Leichnam und sagte: Tabita, steh auf! Da öffnete sie ihre Augen, sah Petrus an und setzte sich auf. Er gab ihr die Hand und ließ sie aufstehen; dann rief er die Heiligen und die Witwen und zeigte ihnen, dass sie wieder lebte.“ Diese Totenerweckung durch Petrus zeigte Wirkung, laut Apostelgeschichte, Kapitel 9, Vers 42: „Das wurde in ganz Joppe bekannt und viele kamen zum Glauben an den Herrn.“
Frauen in der Bibel: „Dienerin“ oder Diakonin
Gegen Ende seines Briefes an die Römer (Kapitel 16) kommt Paulus auf jene Frauen und Männer zu sprechen, denen er bei seiner Mission viel zu verdanken hatte. Gut 50 Prozent davon sind Frauen, die sich „gemüht“ und mitgearbeitet haben. Das griechische Wort „sich abmühen“ wird bei Paulus bereits zu einem Terminus technicus für die seelsorgliche Arbeit. Als erste Frau nennt Paulus Phöbe. „Ich empfehle euch unsere Schwester Phöbe, die auch Dienerin der Gemeinde von Kenchreä ist: Nehmt sie im Namen des Herrn auf, wie es Heilige tun sollen, und steht ihr in jeder Sache bei, in der sie euch braucht; denn für viele war sie ein Beistand, auch für mich selbst.“ Welche genaue Aufgabe Phöbe letztlich auch hatte, sie war für Paulus „wie ein Beistand“. Phöbe wird als „diakonos“ bezeichnet. Sie war wohl nicht nur eine einflussreiche Frau, sondern wahrscheinlich auch Diakonin der Gemeinde von Kenchreä. „Hier übersetzen manche, sie sei ,Dienerin der Gemeinde von Kenchreä‘ gewesen. Ich finde das ein wenig unfair: Wenn bei einem Mann der Ausdruck ,diakonos‘ steht, dann wird mit ,Diakon‘ übersetzt, bei einer Frau hingegen ,Dienerin‘“, sagt der Wiener Neutestamentler Markus Tiwald zum SONNTAG. Die Diakonin Phöbe ist also eine reiche und einflussreiche Frau der Upperclass, die sich für Paulus eingesetzt hat.
„Ich empfehle euch unsere Schwester Phöbe, die auch Dienerin der Gemeinde von Kenchreä ist.“
Frauen und die Rolle der Ehepaare
Weiters nennt Paulus ein für die Ausbreitung des frühen Christentums bedeutsames Ehepaar, in dessen Haus sich immer wieder eine Gemeinde versammelte: „Grüßt Prisca und Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus, die für mein Leben ihren eigenen Kopf hingehalten haben; nicht allein ich, sondern alle Gemeinden der Heiden sind ihnen dankbar. Grüßt auch die Gemeinde, die sich in ihrem Haus versammelt!“ Und Paulus nennt eine weitere Frau: „Grüßt Maria, die für euch viel Mühe auf sich genommen hat!“ Ein weiteres Ehepaar war jahrhundertelang nicht erkennbar in den Übersetzungen der Bibel, denn Junia mutierte lange zu „Junias“, also einem Namen in einer männlichen Form. Jetzt heißt sie in der neuen Einheitsübersetzung richtig „Junia“. Paulus schreibt: „Grüßt Andronikus und Junia, die zu meinem Volk gehören und mit mir zusammen im Gefängnis waren; sie sind angesehen unter den Aposteln und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt.“ Beide, Andronikus und Junia, sind nach Aussage des Paulus „angesehen unter den Aposteln“ und zugleich frühe Christen, denn sie haben sich, wie Paulus schreibt, „schon vor mir zu Christus bekannt“. Und er richtet Grüße an „Tryphäna und Tryphosa“ aus, „die sich im Herrn gemüht haben!“ Auch an „die geliebte Persis“ denkt Paulus, denn „sie hat im Herrn große Mühe auf sich genommen!“ Weiters ist auch die Mutter des Rufus dem Paulus „zur Mutter geworden“. Vers 15 nennt dann noch weitere Frauen: „Grüßt Philologus und Julia, Nereus und seine Schwester, Olympas und alle Heiligen, die bei ihnen sind!“
Europas erste Christin
Während der sogenannten „zweiten Missionsreise“ erreichten Paulus und sein Begleiter Silas auch Philippi. Im „Wir-Bericht“ der Apostelgeschichte (Kapitel 16, Verse 11 bis 15) heißt es: „So brachen wir von Troas auf und fuhren auf dem kürzesten Weg nach Samothrake und am folgenden Tag nach Neapolis. Von dort gingen wir nach Philippi, eine führende Stadt des Bezirks von Mazedonien, eine Kolonie. In dieser Stadt hielten wir uns einige Tage auf. Am Sabbat gingen wir durch das Stadttor hinaus an den Fluss, wo wir eine Gebetsstätte vermuteten. Wir setzten uns und sprachen zu den Frauen, die sich eingefunden hatten. Eine Frau namens Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; sie war eine Gottesfürchtige und der Herr öffnete ihr das Herz, sodass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte. Als sie und alle, die zu ihrem Haus gehörten, getauft waren, bat sie: Wenn ihr wirklich meint, dass ich zum Glauben an den Herrn gefunden habe, kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie drängte uns.“ Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt – Paulus hatte einen Wahrsagegeist aus einer Magd ausgetrieben und war dafür gemeinsam mit seinem Begleiter Silas inhaftiert worden – gingen sie zu Lydia. „Dort sahen sie die Brüder, sprachen ihnen Mut zu und zogen dann weiter“, heißt es im Vers 40.
Als Lydia Paulus in Philippi begegnet, hat sie ein eigenes Haus.
Eine der besonderen Frauen im Neuen Testament
„Sie ist die erste Christin Europas, wenn wir heutige geographische Maßstäbe anlegen: die Purpurhändlerin Lydia aus Philippi, Griechenland“, sagt die Theologin Eva Ebel gegenüber dem SONNTAG. Der Name Lydia beziehe sich „in der Antike nahezu ausnahmslos auf die Landschaft Lydien an der Westküste der heutigen Türkei“. Der Name ist eine Herkunftsangabe: „die Lydierin“. Ebel: „Sklavinnen und Sklaven werden oftmals nach der Landschaft benannt, aus der sie stammen oder in der sie gekauft worden sind. Der Name Lydia ist möglicherweise ein Hinweis darauf, dass Lydia eine gewisse Zeit in ihrem Leben eine Sklavin war.“ Vielleicht ist er aber auch nur eine Anspielung auf ihre an der Sprache stets erkennbare Herkunft aus der lydischen Stadt Thyateira. Als Lydia Paulus in Philippi begegnet, hat sie „ein eigenes Haus“. „Sie ist eine Hausbesitzerin und steht dem darin lebenden Haushalt vor, zu dem Kinder, Angestellte und eventuell sogar Sklavinnen und Sklaven gehören können“, sagt Ebel. Von dem „Haus“ einer Frau ist in der Antike nur dann die Rede, „wenn es keinen männlichen Hausvorstand gibt“, Lydia war also unverheiratet oder verwitwet. Sie lässt nach dem Text der Apostelgeschichte nicht nur sich selbst taufen, sondern auch ihr „Haus“. Ebel: „Im Bericht der Apostelgeschichte zeigt die Taufe eines ,Hauses‘ an, dass nun in Philippi der Kern einer Gemeinde vorhanden ist, der sich in Lydias Haus versammelt.“
Termintipp
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Alle Infos zum Programm: Das Programm zum Bibel-Pfad 2026