Spiritualität und/oder Achtsamkeit?

Bausteine für eine alltagstaugliche Spiritualität
Ausgabe Nr. 37
  • Spiritualität
Mehr als Achtsamkeit: Es gilt, die Spuren Jesu unter den vielen Spuren zu entdecken und dann darin zu gehen.
Der Auftrag seit fast 2.000 Jahren: die Spuren Jesu unter den vielen Spuren zu entdecken und dann darin zu gehen. ©Michaela Sohn-Kronthaler

Spiritualität und/oder Achtsamkeit? Spiritualität boomt – seit Jahren. In einer neuen Serie erinnert der SONNTAG an christliche Inhalte und Rituale des Alltags, die entweder verloren zu gehen drohen oder die wieder neu entdeckt werden können. Und welche Rolle die Achtsamkeit spielt.

Von einem „Spiritualitätsmangel“ in der Kirche sprach im Frühjahr die Generalsekretärin der Österreichischen Ordenskonferenz, Schwester Christine Rod. Wenngleich allüberall Spiritualität boome, spiele christliche Spiritualität dabei nur selten eine Rolle. Sie bemerke bei all den Debatten über Strukturreformen und Organisation „in Sachen Spiritualität oft eine gewisse Sprachlosigkeit“. Der „Spiritualitätsmangel“ habe auch diesen Grund: „Wo kommt Gott vor, in der Kirche bis in die kleinste Gemeinde?“ Oft ist die Rede von der Kirche, weniger hingegen von Gott.

Schätze aus fast 2.000 Jahren

Die SONNTAG-Serie konzentriert sich auf die Schätze und Traditionen des katholischen Christentums: Diese fast zweitausend Jahre alte Schatzkiste enthält mehr Vorräte und Proviant für das Unterwegssein, als gemeinhin angenommen wird. Es sind kleine Bausteine, auch für die so wichtigen spirituellen Rituale des Alltags. Denn es ist nicht notwendig, selbständig und auf eigene Faust eine eigene Spiritualität zu entwickeln. Christen gehen seit fast 2.000 Jahren in den Spuren Jesu, wie der Erste Petrus-Brief (Kapitel 2, Vers 21) schreibt, und in den Spuren von Frauen und Männern wie Benedikt von Nursia, Franz von Assisi oder Teresa von Ávila. Spiritualität meint auch diese Einwurzelung des Glaubens in ein bestimmtes menschliches Umfeld und dessen Geschichte. In der Serie wird keine Theologie der Spiritualität vorgelegt, dafür gibt es Gott sei Dank gute Bücher. Empfehlenswert als Einstieg ist beispielsweise das Buch „In der Nachfolge Jesu. Geschichte der christlichen Spiritualität“ von Christoph Benke (erschienen im Herder-Verlag).

Achtsamkeit „schlägt“ Spiritualität

Die Suchmaschine „Google“ ist eindeutig. Zum Stichwort „Spiritualität“ finden sich, abgefragt Anfang September, ungefähr 5,6 Millionen Einträge, das Stichwort „spirituell“ liefert immerhin noch 2 Millionen Einträge, während „Achtsamkeit“ auf 7,25 Millionen Einträge kommt. Jede und jeder will heute „achtsam“ sein, was immer das dann konkret heißen mag. In vielen Religionen richtet „Achtsamkeit“ den Blick auf die Innenwelt, „Wachsamkeit“ auf die äußeren Lebensereignisse. Schon im Markusevangelium heißt es (Kapitel 13, Vers 37): „Seid wachsam!“  Achtsamkeit wirkt rein äußerlich oft fast egoistisch oder sehr selbstzentriert – mit dem Slogan „Ich muss bei mir ankommen“. Die Bibel kennt noch nicht das Wort „Achtsamkeit“. Und dennoch: Auch Jesus will „beim Vater ankommen“. Er zieht sich laut den Evangelien immer wieder zurück, um zu beten. Dies ist gleichsam eine jesuanische Me-Time, eine Zeit für ihn selbst, für das Gebet. Im Laufe der Christentumsgeschichte war die Selbstfürsorge bisweilen unterbelichtet. Dass gegenwärtig die Self-Care, die Selbstfürsorge, so im Vordergrund steht, zeigt, dass nun das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen hat.

Christliche Achtsamkeit: Gott, der Nächste, „sich selbst“

Christliche Spiritualität konzentriert sich auf Gott, auf den Nächsten und auf sich selbst. Im Matthäusevangelium (Kapitel 22, Verse 35 bis 40) wird diese biblische Aufmerksamkeit, wie das Leben in diesen drei Dimensionen achtsam gelingen kann, von Jesus als Doppelgebot so auf den Punkt gebracht: „Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn (Jesus) versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Hier finden sich Gottesliebe, Nächstenliebe und die Liebe zu sich selbst. Dass die Selbstliebe mit der Nächstenliebe wächst und umgekehrt, davon ist der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding überzeugt. Denn: „Man kann die Selbstliebe psychologisch als Basis der Nächstenliebe sehen, weil ein ,Selbst‘, das schwach ist, auch nicht lieben kann, aber genauso gut kann die Nächstenliebe psychologisch als Basis der Selbstliebe gelten, weil das, was zugunsten anderer getan wird, die eigene Persönlichkeit stärkt.“ 

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