Jesus, der Lehrer der Freundschaft
Biblische Freundschaften - Teil 5
Leserinnen und Leser des SONNTAG wissen, dass der bischöfliche Wahlspruch von Kardinal Christoph Schönborn so lautet: „Vos autem dixi amicos“ – „Vielmehr habe ich euch Freunde genannt“, er ist einem Vers aus dem Johannesevangelium (Kapitel 15, Vers 15) entnommen. Das Motiv der Freundschaft mit Gott hat in die Konstitution über die Offenbarung („Dei Verbum“) des Zweiten Vatikanischen Konzils Eingang gefunden. Dort heißt es: „In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde und verkehrt mit ihnen, um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen.“
Zur Liebe berufen und als Freunde erwählt
Es ist mehr als lohnenswert, diese Verse im Johannesevangelium (Kapitel 15, Verse 12 bis 17) genau zu lesen. Dort sagt Jesus zu seinen Jüngern:
„Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, was ihr in meinem Namen erbittet. Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt.“
In Einheit mit dem Weinstock
Das ganze fünfzehnte Kapitel des Johannesevangeliums ist voll der theologischen Symbolik: Da ist die Rede vom Weinstock, von den Reben, vom Fruchtbringen, von der Liebe Jesu zu den Seinen, von der Freundschaft wie auch von der Notwendigkeit, in dieser Liebe zu bleiben und vom Halten der Gebote. Die Überschrift müsste eigentlich so lauten: „Das Bleiben in der Liebe Jesu“.
Jüngerinnen und Jünger sind jene, die in Jesu Wort bleiben, aus dem Gebet leben und handeln in der Liebe.
Die Jünger folgen Jesus, indem sie das Liebesgebot halten, und erweisen sich darin als seine Freunde. Jesus erwählt seine Jünger, seine Freunde, und ermutigt sie zum „Fruchtbringen“. Auch wenn Jesus der Meister bleibt, indem er seinen Jüngern Gebote gibt, so hat sich diese Beziehung zu einer unglaublichen Freundschaft entwickelt. Der australische Neutestamentler Brendan Byrne fasst den Abschnitt so zusammen: „Frucht bringen bedeutet wie zuvor, dass die göttliche Liebe in der Gemeinde durch die vertraute Einheit mit dem Weinstock (mit Jesus) blüht.“