„Die Kirche muss dort sein, wo die Menschen sind“

Interview mit Richard Kocher
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Pfarrer und Programmdirektor Dr. Richard Kocher.
Pfarrer und Programmdirektor Dr. Richard Kocher. ©Radio Horeb

Pfarrer und Programmdirektor von Radio Horeb, beantwortete uns Fragen zu Fulton J. Sheen.

Am 24. September 2026 wird der amerikanische Erzbischof Fulton J. Sheen in Saint Louis seliggesprochen. Der Priester, Theologe und Medienpionier erreichte im 20. Jahrhundert mit Radio- und Fernsehsendungen ein Millionenpublikum. Der SONNTAG sprach mit Pfarrer Dr. Richard Kocher, Programmdirektor von Radio Horeb, über Sheens geistliche Ausstrahlung und darüber, was die Kirche heute von ihm lernen kann.

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Pfarrer Dr. Richard Kocher über Fulton Sheen

Herr Pfarrer Kocher, was macht Fulton J. Sheen bis heute zu einer faszinierenden Gestalt – als Priester, Prediger und Medienpionier?

Pfarrer Dr. Richard Kocher: Ich bin kein ausgewiesener Spezialist für das Leben Fulton Sheens. Aber als jemand, der sich seit Jahrzehnten mit Medien und ihrer Wirksamkeit beschäftigt, ist mir seine außergewöhnliche Lebens- und Wirkungsgeschichte natürlich sehr präsent. Mich fasziniert vor allem die Verbindung von tiefer Spiritualität, großer theologischer Bildung und einer außergewöhnlichen Begabung zur Verkündigung. Sheen konnte anspruchsvolle Glaubensinhalte so erklären, dass sie verständlich wurden, ohne sie zu verkürzen oder ihrer Tiefe zu berauben. Dabei halfen ihm seine bildhafte Sprache, sein feiner Humor und seine leichte Ironie. Das verlieh ihm einen besonderen Charme und machte ihn auch für Menschen zugänglich, die mit der Kirche zunächst wenig anfangen konnten.

Richard Kocher: Das Evangelium sollte im Mittelpunkt stehen

Wie selbstverständlich er Glaubensernst und Humor miteinander verband, zeigte sich etwa, als er 1953 einen Emmy als herausragende Fernsehpersönlichkeit erhielt. Sheen dankte damals augenzwinkernd seinen „vier Autoren“: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Das war schlagfertig und zugleich ein Bekenntnis: Nicht er selbst und sein Erfolg sollten im Mittelpunkt stehen, sondern das Evangelium.

Entscheidend ist für mich jedoch, dass seine öffentliche Wirksamkeit in einem intensiven geistlichen Leben verwurzelt war. Sheen war nicht zuerst ein Medienstar, sondern ein Priester, der aus der Begegnung mit Christus lebte. Seine Treue zur täglichen eucharistischen Anbetung zeigt, woher er die Kraft für seinen Dienst nahm. Die Medien benutzte er nicht zur Selbstdarstellung, sondern als Instrument, um Menschen zu Christus zu führen. Diese Verbindung von Gebet, theologischer Klarheit, persönlicher Glaubwürdigkeit und missionarischem Mut macht ihn bis heute so faszinierend.

Kirchliche Medien und Verkündiger

Was können kirchliche Medien und Verkündiger heute von seiner Art lernen, über den Glauben zu sprechen?

Zunächst zeigt uns Sheen, wie wichtig die Medien für die Verkündigung überhaupt sind. Nach meiner Einschätzung wird diese Bedeutung innerhalb der Kirche noch immer nicht ausreichend erkannt. Während der Corona-Zeit waren digitale Medien und soziale Netzwerke häufig die einzige Möglichkeit, mit den Menschen in Verbindung zu bleiben und ihnen Gottesdienste, geistliche Impulse und Orientierung anzubieten. Vielerorts wurden damals in kurzer Zeit erstaunliche Angebote aufgebaut und teilweise auch sehr hohe Reichweiten erzielt. Kaum war die akute Krise vorüber, wurden viele dieser Möglichkeiten jedoch wieder zurückgefahren.

Wenn wir sagen, die Kirche müsse dort sein, wo die Menschen sind, dann müssen wir diesen Satz auch im Hinblick auf die Medien ernst nehmen. Die Menschen sind heute in den sozialen Netzwerken, sie hören Podcasts, nutzen Streamingdienste und informieren sich über digitale Plattformen. Deshalb braucht die Kirche dort eine wesentlich stärkere, dauerhafte und professionell gestaltete Präsenz. Gleichzeitig dürfen wir auch die klassischen Medien Radio und Fernsehen nicht vernachlässigen. Sie erreichen weiterhin sehr viele Menschen, darunter solche, die wir über die traditionellen kirchlichen Wege kaum noch ansprechen.

Was wir laut Richard Kocher von Fulton Sheen lernen können

Von Fulton Sheen können wir außerdem lernen, dass zeitgemäße Verkündigung nicht bedeutet, die christliche Botschaft dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen. Die Formen dürfen und müssen modern sein – der Inhalt aber muss das Evangelium bleiben. Sheen beherrschte die Medien seiner Zeit, ohne sich von ihren Gesetzmäßigkeiten beherrschen zu lassen. Auch die Kirche darf nicht einfach zu einer Verdoppelung der Welt werden, indem sie nur wiederholt, was dort ohnehin gesagt wird. Mit dieser Frage habe ich mich auch in meinem Buch „Zeitgeist oder Hl. Geist der Zeit?“ ausführlich beschäftigt. Sheen nahm seine Zuhörer ernst und knüpfte an ihren konkreten Fragen an: an Schuld und Vergebung, Leid und Hoffnung, Angst, Liebe und die Suche nach dem Sinn des Lebens. Er sprach klar, anschaulich und mit Humor. Gleichzeitig führte er die Menschen immer zum Wesentlichen – zur Begegnung mit Jesus Christus.

Verkündigung muss zudem ein persönliches Zeugnis sein. Die Menschen sollten spüren, dass derjenige, der über den Glauben spricht, persönlich hinter dem Gesagten steht und selbst darum ringt, das Evangelium zu leben. Dazu gehören Gebet, Studium und eine sorgfältige Vorbereitung. Ich empfinde es deshalb nicht als angemessen, wenn sich Mitbrüder erst am Samstagnachmittag überlegen, was sie in der Vorabendmesse und am Sonntag predigen sollen. Eine Predigt ist keine beiläufige Pflichtübung, sondern ein wichtiger Dienst am Glauben der Menschen.

Kirchliche Medien bräuchten auch ein geistliches Ziel

Auch bei kirchlichen Medien reicht es nicht, technisch professionell und möglichst präsent zu sein. Sie brauchen ein klares geistliches Ziel. Reichweite ist wertvoll, aber sie ist nicht das letzte Kriterium. Entscheidend ist, ob Menschen durch eine Sendung, einen Beitrag oder ein persönliches Zeugnis Christus näherkommen und dazu ermutigt werden, ihr Leben nach dem Evangelium auszurichten.

Bücher von Fulton Sheen

Fulton J. Sheen hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Welches davon würden Sie besonders empfehlen?

Wie bereits gesagt, bin ich kein Spezialist, der sämtliche Werke Fulton Sheens vergleichend beurteilen könnte. Wenn ich aber ein Buch besonders empfehlen sollte, wäre es seine Autobiografie „Unerschütterlich im Glauben“. Sie erschließt nicht nur einzelne Gedanken Sheens, sondern lässt seine ganze Persönlichkeit sichtbar werden. Sheen berichtet darin von seiner Kindheit und seiner Berufung, von seiner Ausbildung und wissenschaftlichen Arbeit, von seinem priesterlichen und bischöflichen Dienst sowie von seinem Weg zu einem der bekanntesten katholischen Medienverkündiger seiner Zeit. Dabei wird deutlich, dass sein öffentliches Wirken aus seinem Glauben und seiner priesterlichen Berufung hervorgegangen ist.

„Unerschütterlich im Glauben“

Die Autobiografie zeigt den Menschen hinter der berühmten Stimme und der eindrucksvollen Fernsehpersönlichkeit. Man begegnet einem gebildeten, humorvollen und zugleich tief geistlichen Priester, der seine Begabungen konsequent in den Dienst der Verkündigung stellte. Wer verstehen möchte, wer Fulton Sheen war, was ihn innerlich getragen hat und warum seine Botschaft bis heute Menschen erreicht, findet in „Unerschütterlich im Glauben“ meines Erachtens den besten Zugang.

Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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