Donauinsel: Vom Schutzbau zur Schatzinsel

Ausstellung im Wien Museum
Ausgabe Nr. 28
  • Kunst und Kultur
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21 Kilometer Länge hat die Donauinsel. Mit dieser Größe bietet sie „Platz für alle“.
21 Kilometer Länge hat die Donauinsel. Mit dieser Größe bietet sie „Platz für alle“. ©Klaus Pichler, Wien Museum
Ob aktiver Radsport oder gemütliches Lesen in der Hängematte – die Donauinsel ermöglicht den Stadtbewohnern in allen Jahreszeiten Erholung an der frischen Luft.
Ob aktiver Radsport oder gemütliches Lesen in der Hängematte – die Donauinsel ermöglicht den Stadtbewohnern in allen Jahreszeiten Erholung an der frischen Luft. ©Klaus Pichler, Wien Museum
Bei der Donauinsel: Ein Seiltanz über dem Donauwasser fördert Balance und Geschicklichkeit.
Bei der Donauinsel: Ein Seiltanz über dem Donauwasser fördert Balance und Geschicklichkeit. ©Klaus Pichler, Wien Museum

„Du führst mich zum Ruheplatz am Wasser“, heißt es in Psalm 23. Was David vor Jahrtausenden besang, erleben Hunderttausende Wienerinnen und Wiener auf der Donauinsel. Eine Ausstellung im Wien Museum zeigt, wie aus einem umstrittenen Hochwasserschutzprojekt einer der wichtigsten Natur- und Freiräume der Stadt wurde.

Wenn sich die Hitze über Wien legt, Asphalt und Häuserfronten die Wärme speichern und selbst die Nächte kaum Abkühlung bringen, zieht es Tausende zu einer grünen Oase mitten in der Stadt: auf die Donauinsel. Hier weht oft ein leichter Wind über die Wasserflächen. Das Grün von Wiesen, Bäumen und Sträuchern kühlt die Umgebung, Vogelstimmen mischen sich ins Rascheln der Blätter, begleitet vom Summen einer bunten Insektenvielfalt. Die Donauinsel ist längst zu einer Lebensader der Stadt geworden – für Menschen ebenso wie für Tiere und Pflanzen.

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Die Donauinsel: Frischluftschneise mit Kühlwirkung

Im Sommer, wenn Wien unter hohen Temperaturen leidet, zeigt sich die Bedeutung des Naturraums besonders deutlich. Die 21 Kilometer lange Insel wirkt als Frisch- luftschneise durch die Stadt. Die Donau und die Neue Donau sorgen für Kühlung, Grünflächen mildern die Hitze. Was heute wie ein selbstverständliches Stück Wien erscheint, war allerdings vor wenigen Jahrzehnten noch ein umstrittenes Großprojekt. 

Die aktuelle Ausstellung „Die Donauinsel“ im Wien Museum lädt dazu ein, diesen besonderen Flecken Wiens neu zu entdecken. Sie erzählt die Geschichte einer künstlich geschaffenen Landschaft, die ursprünglich ausschließlich dem Hochwasserschutz dienen sollte und sich zu einem der beliebtesten Freiräume der Stadt entwickelt hat. Nach den verheerenden Hochwassern des 19. und 20. Jahrhunderts suchte Wien nach einem wirksamen Schutz vor den Wassermassen der Donau. 1969 beschloss der Gemeinderat schließlich den Bau der Donauinsel und der Neuen Donau. Als 1972 die ersten Bagger auffuhren, dachte noch niemand daran, dass hier einmal täglich bis zu 200.000 Menschen spazieren, laufen, schwimmen, radfahren oder einfach die Abendsonne genießen würden. 

Präzise Planung und bewusste Gestaltung der Donauinsel

Debatten begleitet. Manche wollten die Insel bebauen, andere sahen in ihr lediglich einen technischen Damm. Zeitweise standen sogar Ideen für Hochhäuser, einen Zentralbahnhof oder einen Truppenübungsplatz im Raum. Erst nach Jahren des Ringens setzte sich jene Vision durch, die die Insel heute prägt: ein Ort, an dem Hochwasserschutz, Natur und Erholung zusammenfinden. Für die Kuratorin und Landschaftsarchitektin Ulrike Krippner liegt darin die Besonderheit des Projekts. Die Donauinsel sei „kein Zufallsprodukt“, sagt sie. Vielmehr sei sie das Ergebnis einer präzisen landschaftsarchitektonischen Planung gewesen. „Gelände, Pflanzungen und Ufergestaltung“ seien bewusst aufeinander abgestimmt worden, damit Hochwasserschutz, Natur und Freizeitnutzung in einem Gleichgewicht bleiben können. Diese Struktur ermögliche es bis heute, auf neue Herausforderungen wie den Klimawandel zu reagieren. 
 

Der seltene Donaukammmolch lebt hier, ebenso wie zahlreiche Amphibienarten, Wildbienen und Vogelarten.

Wer heute über die Insel spaziert, erlebt dieses Zusammenspiel unmittelbar. Zwischen schattigen Baumgruppen öffnen sich weite Wiesenflächen. Badebegeisterte bewegen sich im Wasser, Radfahrer ziehen vorbei, Wasservögel suchen im flachen Ufer nach Nahrung. Nur wenige Schritte entfernt beginnt eine überraschend artenreiche Natur.

Die Donauinsel als Hotspot der Biodiversität

Das ist vielleicht die größte Überraschung der Ausstellung: Die Donauinsel gilt inzwischen als Hotspot der Biodiversität. Als das Projekt geplant wurde, spielte Naturschutz zunächst kaum eine Rolle. Viele Lebensräume des alten Überschwemmungsgebiets gingen verloren. Doch mit den Jahren entstand etwas Neues. Aus Senken wurden Teiche, aus Uferzonen wertvolle Rückzugsräume. Heute verbindet die Insel die Donauauen oberhalb Wiens mit dem Nationalpark Donau-Auen im Osten und bildet einen wichtigen ökologischen Korridor.  Auf der Insel hat sich eine erstaunliche Vielfalt der Schöpfung entwickelt. Der seltene Donaukammmolch lebt hier, ebenso zahlreiche Amphibienarten. Eisvögel jagen über dem Wasser, Nachtigallen singen. Besonders beeindruckend ist die Welt der Insekten: 136 Wildbienenarten wurden nachgewiesen – rund ein Fünftel aller in Österreich bekannten Arten. Mitten in der Millionenstadt ist ein Raum entstanden, in dem sich die Vielfalt des Lebens entfalten kann und Menschen zugleich Ruhe und Erholung finden.
 

Die Kirche auf der Donauinsel

Allerdings bleibt diese Natur verletzlich. Die Ausstellung verweist darauf, dass die Insel ein sorgfältiges Management benötigt. Ohne Pflege würden viele offene Lebensräume verschwinden. Damit gingen auch zahlreiche Tier- und Pflanzenarten verloren. Die Donauinsel ist aber nicht nur Naturraum, sondern auch ein Ort der Begegnung. Kaum irgendwo in Wien treffen Menschen so unterschiedlicher Herkunft, Generationen und Lebenswelten aufeinander. Besonders sichtbar wird das beim Donauinselfest, das jedes Jahr Millionen Besucher anzieht. Auch die Kirche ist dort präsent. Mitten zwischen Musikbühnen, Essensständen und Menschenmengen steht die Festivalseelsorge der Erzdiözese Wien bereit. Heuer sind 35 geschulte Seelsorgerinnen und Seelsorger im Einsatz. Sie hören zu, begleiten Menschen in Krisen und haben Zeit für Gespräche über Sorgen, Einsamkeit oder Sinnfragen. Allein im Vorjahr wurden rund 1.600 Gespräche geführt. So entsteht auf der Insel ein Raum, in dem Menschen nicht konsumieren müssen, sondern einfach mit ihren Fragen und Hoffnungen willkommen sind. 
 

Der Wert der Wiener Donauinsel

Darin spiegelt sich der eigentliche Wert der Donauinsel. Sie schützt Wien vor Hochwasser. Sie verschafft der Stadt Kühlung. Sie bietet Lebensraum für zahllose Tiere und Pflanzen. Sie schafft Freiraum für Begegnungen zwischen Menschen. Doch dieser Ort, der Wien widerstandsfähiger gegen den Klimawandel macht, gerät selbst unter Druck. Längere Hitzeperioden, Trockenheit und Extremwetter setzen Vegetation und Gewässern zu. Anpassungsmaßnahmen laufen bereits, doch die Herausforderungen wachsen. Wer an einem heißen Sommertag am Ufer sitzt, die Füße ins Wasser hält und den Blick über die weite Landschaft schweifen lässt, erlebt deshalb mehr als nur ein Freizeitparadies. Die Donauinsel erinnert daran, wie kostbar natürliche Lebensräume geworden sind – und wie sehr auch sie unseren Schutz brauchen. Damit die kühle Brise, das Vogelkonzert und das Summen der Bienen noch lange Teil des Wiener Sommers bleiben. 

Schlagwörter
Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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