„Jede Pflanze hat etwas zu sagen“
Glaubenszeugnis
Johann Hisch feiert im Dezember seinen 80. Geburtstag.
Bildungsnetzwerk "Pilgrim" gegründet
Herr Hisch, Sie bezeichnen sich selbst als ‚Pilger‘ auf dieser Welt. Was genau meinen Sie damit?
Johann Hisch: Pilgersein bedeutet für mich: Ich bin in diese Welt hinein- gekommen und muss diese Erde auch wieder verlassen. Das ist für mich keine negative, sondern eine tröstliche Erfahrung. Die Welt existiert seit Milliarden von Jahren, ich darf eine Millisekunde hier sein. Das führt mich in ein großes Staunen! So viel Lebendiges erlebe ich hier! All die Pflanzen und Blumen, auch meine Familie. Natürlich gab es in meinem Leben auch Stolpersteine, aber ich habe immer einen neuen Weg gefunden. Mein Vater hat immer zu mir gesagt: ‚Bua, wer woaß, zu wos guat is.‘
Woher kommt diese extreme Zuversicht, mit der Sie im Leben stehen?
In meinem Leben gab es viele Begegnungen, die in mir diese Zuversicht bewirkt haben. Die wichtigste davon war am 1. Februar 1970: Da habe ich bei einem Jugendball eine ‚young lady‘ kennen gelernt, meine liebe Frau. Wir sind heute 51 Jahre verheiratet. Dieses Erlebnis war für mich sehr prägend. Wir waren beide Lehrer und sind in den Ferien mit unseren beiden Kindern viel gereist, auf allen Kontinenten haben wir Leute getroffen. Wir haben die Welt als kleines Dorf erlebt.
Prägend war auch Ihre Begegnung mit dem indischen Jesuiten Francis Xavier D’Sa. Was haben Sie durch ihn gelernt?
Francis D’Sa hat bei einer Tante meiner Frau gewohnt und in Wien Indologie studiert. Er hat mir eine neue Welt der Theologie erschlossen. Ich habe Gott durch ihn kennen gelernt als Wesen, das jeden Menschen mit der Hand streichelt, das aus allem in der Welt ein Strahlen herausholt. Wenn ich heute auf meine Terrasse gehe und all die Pflanzen dort sehe, ist das für mich wie ein Gang durchs Paradies, in dem die Pflanzen selbst sprechen. Jede Pflanze hat etwas zu sagen. Nehmen wir zum Beispiel die Walderdbeere. Im Hochmittelalter galt ihr dreigliedriges Blatt als Symbol für die Dreifaltigkeit, die rote Beere stand für den letzten Blutstropfen, der aus der Seite Christi kam. Ein Katechismus der Sonderklasse!
„In meinem Leben gab es viele Begegnungen, die in mir diese Zuversicht bewirkt haben.“
Die Natur ist für Sie Ort der Begegnung mit Gott.
Für mich ist die Schöpfung ein grenzenloses Mysterium! Und – auch das habe ich von Francis D’Sa gelernt: Alles, was um uns ist, geht auch mich was an.
Sie haben vor über zwanzig Jahren das internationale Bildungsnetzwerk ‚Pilgrim‘ gegründet. Es will das Thema ‚Nachhaltigkeit‘ in den Schulen verankern. Wie kam es dazu?
Ich würde sagen, ‚Pilgrim‘ ist mir ‚passiert‘. Schon Ende der 1980er-Jahre habe ich als Religionslehrer mit Schülern über den sauren Regen und über Atomkraft gesprochen. 2001 war ich Direktor des Religionspädagogischen Instituts und an mich wurde die Frage herangetragen: ‚Was macht die Religionspädagogik eigentlich in Sachen Nachhaltigkeit?‘ Daraus ist ein Forschungsprojekt entstanden, aus dem dann die Pilgrim-Schulen wurden. Unser Zeichen ist das Nachhaltigkeitsdreieck mit der ‚Spiritualität‘ in der Mitte. Und unser Motto ist: Die Welt mit anderen Augen sehen.
Wie bleiben Sie in Ihrem Alltag mit Gott in Verbindung?
Ich war acht Jahre lang im Knabenseminar der Erzdiözese Wien in Hollabrunn. Dort habe ich gelernt, wie wichtig der Wochenrhythmus ist. Die Woche braucht den Sonntag! Und ich brauche am Sonntag in der Früh einen Striezel! (Lacht.) Wir sind am Sonntag immer in der Schottenkirche, in der ich mehrere Funktionen übernehme, als Ministrant, Thurifer oder Lektor. So trage ich einen Teil zum Gottesdienst bei.
Johann Hisch
Alter: 79
Lebensmotto: Die Welt beginnt im Menschen. (nach Franz Werfel)
Gott ist für mich: ein unfassbares Geheimnis.
Sonntag bedeutet für mich: ein Tag der Ruhe und der Freude.