„Was haben wir für schöne Orte in der Stadt!“
Glaubenszeugnis
Pater Josef lebt im Franziskanerkloster in der Wiener Innenstadt.
Franziskanische Spiritualität
In der franziskanischen Spiritualität spielt die Liebe zur Schöpfung eine große Rolle. Wie sieht es in Ihrem persönlichen Glaubensleben damit aus?
Josef Hofbauer: Bei mir hat der enge Bezug zur Schöpfung und zur Natur schon in der Familie begonnen. Ich stamme von einem Bauernhof in Südtirol, dort hat man von vornherein eine besondere Beziehung zur Natur. Man erlebt ihr Wachstum und die vier Jahreszeiten ganz nah. Das habe ich dann mit ins Kloster genommen. Ich habe Gartenbau gelernt und viele Jahre im Klostergarten gearbeitet. Später bin ich dann umgestiegen und habe die Vielfalt der Pastoral kennen gelernt, in der Pfarrseelsorge und der Kinder- und Jugendarbeit. Vor zehn Jahren wurde ich von Kardinal Christoph Schönborn zum Ständigen Diakon geweiht.
Ein Leben im Franziskanerkloster
Sie leben im Franziskanerkloster in der Wiener Innenstadt. Kommen Sie dort überhaupt in Kontakt mit der Natur?
Ja, vor allem in unserem Klostergarten, in dem ich schon immer viel Zeit verbracht habe. In der Früh schaue ich oft aus dem Fenster und sehe, wie es im Garten blüht. Ich merke gleich, ob die Pflanzen alles haben, was sie brauchen, oder ob es ihnen zu trocken ist. Derzeit wird der Garten erneuert. Darüber hinaus genieße ich die schönen Stadtparks in Wien, die für mich eine gute Gelegenheit sind, in der Natur zu sein. Ich mag zum Beispiel Schönbrunn und den Park beim Schloss Belvedere. Oft passiert es mir, dass ich dasitze und innerlich ruhig werde. Ich bestaune die Rosen und denke mir: Mein Gott! Was haben wir für schöne Orte in der Stadt!
Heiliger Franziskus
Der heilige Franziskus war mit der Schöpfung auf besondere Weise verbunden, was sich zum Beispiel in seinem berühmten Gebet, dem Sonnengesang zeigt. Singen Sie den Sonnengesang manchmal?
Singen eher weniger. Aber ich habe ihn schon sehr oft meditiert, mich richtig hineingekniet! Und ich entdecke immer wieder Wertvolles und Schönes darin. Er ist für mich ein Kommunikationsmittel zwischen Mensch, Gott und der Schöpfung. Ein Anbetungsgesang, der ausdrückt: Alles gehört in das Lob Gottes hinein. Und er ist ein Therapiegebet: langsam gesungen und betrachtet schenkt er Ruhe und Gelassenheit. Gerade in der heutigen Weltlage ist er auch ein Friedensgebet, das zur Versöhnung aufruft.
„Der enge Bezug zur Schöpfung hat bereits in meiner Familie begonnen.“
Sie sind seit fünf Jahrzehnten im Orden, eine lange Zeit. Haben Sie Höhen und Tiefen erlebt?
Von großen Krisen bin ich zum Glück verschont geblieben. Ich habe mir nie gedacht: ‚Jetzt schmeiß ich alles hin.‘ Aber Aufs und Abs hat es natürlich gegeben. Im Laufe der Jahre habe ich entdeckt, dass mein Ordensleben auf drei Pfeilern steht, ich nenne sie die ‚drei G‘. Erstens: das Gebet. Das Gebet in der Gemeinschaft, aber auch mein ganz persönliches Gebet. Zweitens: die Gemeinschaft selbst. Für die muss man sich immer wieder neu entscheiden. Man muss sich einlassen auf die Mitbrüder und sie auch manchmal aushalten. Und manchmal muss man für die Gemeinschaft auch Opfer bringen. Das ist wie in einer Ehe! Den Hochzeitspaaren sage ich das auf Hochzeiten immer wieder: Ein Mann, eine Frau muss sich immer wieder neu für die Familie entscheiden. Wenn er oder sie nie zu Hause ist, kann es nicht gut gehen. Und drittens: der Gottesdienst. Für mich ist eine schöne Liturgie, ein gut vorbereiteter Gottesdienst, auch mit schönen Blumen, sehr wichtig. Diese ‚drei G‘ sind für mich zur Basis meines Ordenslebens geworden.
Josef Hofbauer
Alter: 69
Lebensmotto: Die Freude an Gott – Halleluja – ist meine Kraft – Halleluja!
Gott ist für mich: der Vater, der mich trägt, liebt und erhält..
Sonntag bedeutet für mich: Tag der Auferstehung. Die Zeit, die ich ganz Gott schenke, weil er mich selbst reich beschenkt hat.