Glaubenstribunal bei den Festwochen

Wiener Festwochen
Ausgabe Nr. 23
  • Kunst und Kultur
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Das Glaubenstribunal verhandelte die Rolle von Religionen im globalen Kapitalismus.
Das Glaubenstribunal verhandelte die Rolle von Religionen im globalen Kapitalismus. ©Ines Bacher/Wiener Festwochen

Das theatrale Gerichtsverfahren in der Konzeption von Festivalintendant Milo Rau bearbeitete damit das Motto der Wiener Festwochen „It‘s Time for New Gods“ – Zeit für neue Göttinnen und Götter. Am Ende des Glaubenstribunals stand ein klares „Nein“ zum Gottesstaat.

Beim „Glaubenstribunal“ vom 29. bis 31. Mai widmete sich eine Jury im Rahmen von drei Fällen dem künstlerischen, institutionellen und politischen Missbrauch religiöser Praktiken, Symbole und Denksysteme.

Darunter vertrat Sheri Avraham die jüdische Seite. Hamed Abdel-Samad, früheres Mitglied der Muslimbruderschaft und nun Kritiker des Islams, und die Politikwissenschaftlerin Monika Mokre von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften stellten ebenso Fragen wie Christine Mayr-Lumetzberger, ehemalige Ordensfrau der Benediktinerinnen und seit vielen Jahren exkommunizierte Aktivistin für die Priesterweihe von Frauen. Der Menschen­rechtsanwalt Wolfgang Kaleck war Tribunalleiter.

Ergebnis: Die Abschluss­redner des „Glaubenstribunals“ gaben kein Plädoyer gegen den Glauben ab, sondern vielmehr für ein friedliches Zusammenleben, das in Systemen, die die Religion für politische Zwecke missbrauchten, nicht möglich sei. Ein Gottesstaat ist abzulehnen. 

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Glaubenstribunal: Thema Folter unter dem „Mullah-Regime“

Nach dem dritten verhandelten Fall „Bad Religion. In den Kerkern des Allmächtigen und seiner Theokratien“, bei dem iranische Frauen der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ Zeugnis über ihre Inhaftierung, Folter und Verfolgung unter dem „Mullah-Regime“ gaben, hätte diese Entscheidung im gut gefüllten aber nicht voll besetzten Wiener Theater Odeon wohl nicht anders ausgehen können.

„Wir waren in der Pflicht, um die Freiheit zu kämpfen.“

Ein interessanter Fakt: Die Femen-Aktivistin Inna Shevchenko (Anmerkung: Sie trat mit einer Performance in der Sankt-Elisabeth-Kirche auf), Abdel-Samad sowie Laurent Sourisseau („Riss“) vom Satiremagazin Charlie Hebdo, ein Überlebender des Anschlags auf die Redaktion im Jahr 2015, traten unter Polizeischutz auf. Stärkster Moment war das von Riss  geschilderte Attentat: Er habe sich tot gestellt, was sein Leben rettete. Er entschied mit überlebenden Redaktionsmitgliedern, Charlie Hebdo weiterzuführen – als Antwort auf das Attentat, als Lebenszeichen: „Wenn eine Zeitung aufgrund von Terrorismus verschwindet, dann ist das eine fürchterliche Botschaft. Wir waren in der Pflicht, um die Freiheit zu kämpfen.“

Glaubenstribunal: Klare Absage an die Theokratie

Auch die in der Minderzahl bei der Veranstaltung auftretenden religiösen Vertreter lehnten mit einer eingeschränkten Ausnahme Theokratie ab. Der Schweizer Theologe Jan Juhani Steinmann trat für einen christlichen Staat ein, der die postulierte Trennung von Staat und Religion überwindet und unter den Prämissen „Gnade, Demut und Liebe“ regiert wird. Er hatte einen schweren Stand, seine Idee einer Herrschaftsform – die letztlich aufgrund der Unzulänglichkeiten der Menschen immer nur eine utopische Verheißung bleiben müsse – zu verteidigen.

Offene Fragen zum Glaubenstribunal

Offene Fragen an dieser Stelle: Wieso wurde keine andere Christin für das Tribunal gefunden als mit Christine Mayer-Lumetzberger eine selbsternannte Bischöfin, die keiner anerkannten Gemeinschaft angehört oder gar eine solche vertritt? Weshalb kann mit Michel Friedman ein des Drogenmissbrauchs überführter Rechtsanwalt und ehemaliger TV-Moderator und Politiker, der Prostituierte in sein Hotelzimmer bestellt hat, über Frauenrechte sprechen? Zitat: „Weltreligionen, die Frauen diskriminierten, sind nicht vereinbar mit weltlicher Moderne.“ Unerklärlich bleiben die Fehler: Günther Oberhollenzer, Direktor des, wie er sagt, Künstlerinnenhauses, wird als Italiener bezeichnet. Dabei ist er, wie auf der Website des Künstlerhauses angegeben, in „Brixen, Südtirol“ geboren. Und wenn Wolfgang Kaleck Frater Xaver Propach als „Xaver Frater“ bezeichnet, zeigt sich die säkulare Ahnungslosigkeit, verstärkt durch seine trotzige „Nona-Aussage“, man habe eben die Freiheit, nicht zu glauben. Der Dominikaner hat übrigens die Frage des Tribunals ideal zusammengefasst: „Gott kann nicht durch Menschen verletzt werden, Gotteslästerung herrscht dort, wo im Namen Gottes Krieg geführt und Gewalt angewendet wird.“ 

Der Hirtenhund kommentiert das Glaubenstribunal und die Ausladung von Peter Thiel bei den Wiener Festwochen!

Autor:
  • Sophie Lauringer
  • Kathpress
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