Christlich-jüdischer Dialog
Frauen im GesprächDie katholische Theologin Regina Polak und die jüdische Politologin Jasmin Freyer diskutierten im Club 4 in Wien zum Thema "Zwei Frauen im jüdisch-christlichen Dialog". Polak ist seit November 2025 Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit (KooA), Freyer gehört dem KooA-Vorstand seit Dezember 2025 an. Seit fast 20 Jahren ist sie zudem Mitglied des Vorstands der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.
Warum ein christlich-jüdischer Dialog?
Zur Frage, weshalb sie sich als KooA-Präsidentin zur Verfügung gestellt hat, nannte Polak als Hauptmotivation schlicht:
"Weil es mir Freude macht."
Sie erlebe den christlich-jüdischen Dialog als extrem bereichernd, "für mich persönlich, für meinen christlichen Glauben. Und dieser Dialog hat mich auch zu der werden lassen, die ich als Theologin bin."
Eine Aspekt des Dialogs sei jener über Glaubensinhalte. Der hat freilich auch seine Grenzen, wie in dem Gespräch deutlich wurde. Doch ebenso gehe es im theologischen Dialog um den gemeinsamen Einsatz für eine gerechtere Welt, den Austausch von religiösen Erfahrungen und das Teilen des Alltags. Und da stelle sich die Frage der Grenzen grundsätzlich nicht.
Die jüdischen Wurzeln des Christentums freizulegen sei ein genuin christliches Anliegen, stimmten Polak und Freyer überein. Indirekt sei das aber natürlich auch für die jüdische Seite bedeutsam, denn die Verwurzelung des Christentums im Judentum habe auch Auswirkungen auf den gemeinsamen Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus und für eine entsprechende Gedenkkultur.
Freyer geht seit rund 20 Jahren in Schulen, um die Kinder mit dem Judentum in Berührung zu bringen. Oftmals müsse sie dabei ganz bei Null anfangen, wie sie berichtete. Es gebe kein Vorwissen, dafür werde sie aber oft mit antijüdischen Stereotypen konfrontiert.
Der christlich-jüdische Dialog beim Jour Fixe des Katholischen Publizistenverbandes.
Video © Ouriel Morgensztern
Zuhören im christlich-jüdischen Dialog
Man werde aber auch nicht mit rein rationalen Strategien dem Antisemitismus begegnen können, gab sie zu bedenken. Polak sprach von "kollektiven Gefühlserbschaften", die resistent seien gegenüber rationalen Argumenten. So stelle sich die Frage: "Wie geht man an diese Gefühle heran?" Studien würden jedenfalls zeigen: Immer, wenn sich Gesellschaften in krisenhaften Umbruchssituationen befinden, nimmt der Antisemitismus zu.
Eine dieser emotionalen Quellen des Antisemitismus sei Neid. Man müsse also die bisherigen Strategien im Kampf gegen den Antisemitismus überdenken bzw. weiterentwickeln. Antwort habe sie freilich auch noch keine, räumte die KooA-Präsidentin ein. Ein erster Schritt sei aber sicher:
"Wir müssen zuhören, wie es Jüdinnen und Juden heute in Österreich geht."
Der Antisemitismus nimmmt zu
Besorgt und bestürzt zeigte sich Universitätsprofessorin Polak über die Zunahme des Antisemitismus in Österreich in den vergangenen Jahren. Es sei erschreckend, wie es zum Teil jüdischen Kindern in den Schulen gehe oder auch, welche Ergebnisse die Studie "Was glaubt Österreich?" lieferte, die ihr Institut 2024 gemeinsam mit dem ORF durchgeführt hat:
- Der Antisemitismus nimmt demnach quer durch die Gesellschaft zu.
- Eine Erinnerungskultur ist vielfach nicht gern gesehen. Ganze 40 Prozent seien "dagegen, dass man immer wieder die Tatsache aufwärmt, dass im Zweiten Weltkrieg Juden umgekommen sind", so Polak. Am linken und am rechten Rand des politischen Spektrums sei der Antisemitismus besonders stark. "Rechts noch stärker als links, aber auch links."
Jüdisches Leben 2026
Wie geht es also Jüdinnen und Juden 2026 in Österreich? - Freyer dazu nüchtern:
"Dank der österreichischen Regierung ist jüdisches Leben in Österreich möglich."
Es hänge ihrer Erfahrung nach weniger von der Gesellschaft grundsätzlich ab, sondern davon, ob die Regierenden hinter den Jüdinnen und Juden stehen und ihnen Schutz gewähren. Gute Kontakte zur Politik seien für die jüdische Gemeinschaft deshalb essenziell. Umstritten sie intern diesbezüglich aber das Verhältnis zu FPÖ, so Freyer. sie hielt zugleich fest: "Wir lassen uns nicht verdrängen. Ich möchte ein schönes, freudiges Judentum repräsentieren. Unser bestes Mittel im Kampf gegen den Antisemitismus ist das jüdische Leben." Das wolle sie auch in den Koordinierungsausschuss einbringen.
Als ein positives Beispiel für den gelebten Dialog berichtete Freyer von einer privat organisierten Begegnungszone im Museumsquartier im Rahmen des jüngsten Song-Contests, "wo Juden, Christen Muslime, Österreicher, Israelis, Libanesen oder auch Iraner zusammengekommen sind. Die Stimmung war toll, die Räumlichkeiten immer voll. Ich habe noch nie einen solchen Dialog erlebt."
Abseits solcher spontaner Events gibt es aber auch langfristige Dialog-Projekte. Etwa die Initiative "Likrat - Lass uns reden" der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Jüdische Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren werden ausgebildet und besuchen dann Schulen und andere Bildungseinrichtungen, um mit gleichaltrigen nichtjüdischen Schülerinnen und Schülern ein offenes Gespräch über ihr Jüdischsein zu führen, kritische Fragen zu beantworten und möglichen Vorurteilen entgegenzuwirken.
Frauen im christlich-jüdischen Dialog
Übereinstimmend hielten Polak und Freyer fest, dass es im interreligiösen Dialog mehr sichtbare Präsenz von Frauen brauche. "Das macht etwas mit dem Dialog, auch wenn ich es nicht genau in Worte fassen kann", sagte Polak. Freyer zeigte sich sehr erfreut, dass nun mit Regina Polak endlich einmal - bzw. erstmals - eine Frau an der Spitze des Koordinierungsausschusses steht. Sie arbeite auch daran. innerhalb der Kultusgemeinde mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen.
Wie Polak und Freyer betonten, wollen sie sich für mehr öffentliche Aufmerksamkeit für den KooA bzw. dessen Aufgaben und Ziele einsetzen. Die Arbeit im Ausschuss empfinde sie als Arbeit auf Augenhöhe, hielt die Präsidentin fest. Einen Fokus wolle sie jedenfalls auch auf die junge Generation legen und diese für den christlich-jüdischen Dialog begeistern. Auch eine stärkere Vernetzung des KooA mit den heimischen Diözesen sei angedacht.
Zur abschließenden Frage, was die Hauptaussage dieser Veranstaltung sein soll, meinte Freyer:
"Das steht schon im Titel: Hand in Hand. Es geht nur zusammen."
Und Polak erweiterte das "Hand in Hand" in ein "Schulter an Schulter". Das lasse auch über das Gemeinsame hinaus beiden Seiten die nötigen Freiräume.