„Manches wird klarer, wenn es auf dem Papier steht“

Mein Brief an Gott
Ausgabe Nr. 28
  • Wien und Niederösterreich
Autor:
Einen Brief an Gott schreiben: Nikolaus Haselsteiner (Pastoralamt) in der Wiener Schottenkirche.
Einen Brief an Gott schreiben: Nikolaus Haselsteiner (Pastoralamt) in der Wiener Schottenkirche. ©Erzdiözese Wien/Claudia Schuler

Die Erzdiözese Wien lädt mit der Initiative „meinBRIEFanGOTT“ dazu ein, einen persönlichen Brief an Gott zu schreiben. Sorgen, Dank, Freuden oder stille Sehnsüchte – man schreibt einfach ganz im eigenen Stil.

Briefeschreiben ist heutzutage selten geworden. Selbst Postkarten aus dem Urlaub sind heute fast schon eine Rarität. Wir schicken Nachrichten, Mails, Emojis, Sprachnachrichten – schnell, praktisch, oft auch flüchtig“, sagt Niki Haselsteiner vom „Projektbüro Offene Kirche“ im Pastoralamt zum SONNTAG. „Und doch ist das Bedürfnis, etwas aufzuschreiben, nicht verschwunden. Manches muss aus dem Kopf heraus. Manches wird klarer, wenn es auf dem Papier steht“, ist Haselsteiner überzeugt. „Sorgen, Dank, Hoffnungen, Bitten, Namen, Fragen. Was einen wirklich beschäftigt, braucht manchmal mehr als einen Gedanken zwischen Tür und Angel.“ Genau darum geht es bei „meinBRIEFanGOTT“.

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Mein Brief an Gott: Einfach etwas in der Hand halten

„Gott hört immer – im Gebet, im Schweigen, im Seufzen, auch dort, wo einem die Worte fehlen“, klärt Haselsteiner auf. „Der Herr hört uns immer. Einen Brief zu schreiben, das ist dafür eigentlich nicht nötig, aber es kann uns helfen. Viele Menschen brauchen was Haptisches, müssen etwas in der Hand halten. Und das Schreiben verlangsamt, so schaut man genauer hin. Oft versteht man sich selbst erst beim Schreiben.“ Ein Brief an Gott muss nicht schön sein, nicht besonders fromm klingen und auch nicht lang sein. „Man kann schreiben, was gerade da ist: eine Sorge, einen Dank, eine Bitte, eine Hoffnung – auch das, was man kaum auszusprechen wagt“, unterstreicht Haselsteiner. „MeinBRIEFanGOTT“ knüpft an etwas sehr Altes an. Menschen haben ihre Anliegen immer schon vor Gott gebracht: in Gebeten, in Fürbitten, durch Kerzen, bei Wallfahrten, an stillen Orten in Kirchen. „Neu ist nicht der Gedanke, Gott etwas anzuvertrauen. Ein wenig anders ist die Form: der Brief und der Briefkasten in der Kirche. Eine einfache, greifbare Form für Menschen von heute“, meint Haselsteiner.  Und auch die Bibel kenne dieses Bild. Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth: „Unser Brief seid ihr – geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern in Herzen von Fleisch“ (siehe zweiter Korintherbrief, Kapitel 3, Verse 2 bis 3). Gott schreibt nicht nur auf Papier. Gott schreibt auch in Menschenleben.

Wie der Brief an Gott funktioniert

Wer möchte, nimmt sich Zeit und schreibt einen Brief an Gott – gerne in der Kirche, wo die Briefe aufliegen, allein oder mit Kindern. Es gibt keine Vorschriften, wie man richtig ausfüllt. Haselsteiner: „In teilnehmenden Kirchen steht eine eigene Box, in die der Brief eingeworfen werden kann. Die Briefe bleiben vollkommen vertraulich – sie werden nicht vorgelesen. Bei Eucharistiefeiern werden alle Anliegen im Gebet mitgetragen, etwa indem die Box vor den Altar gestellt wird oder in den Fürbitten allgemein für alle gebetet wird, die Gott ihre Sorgen und Hoffnungen anvertraut haben. Anschließend werden die gesammelten Briefe anonym an ein kontemplatives Kloster weitergegeben, wo sie im stillen Gebet weitergetragen werden. „So entsteht ein geistliches Netzwerk: Menschen, die schreiben – Gemeinden, die mittragen – Klöster, die im Verborgenen beten“, sagt Haselsteiner. „MeinBRIEFanGOTT“ ist für alle gedacht – für Menschen, die oft beten, und für solche, die lange nicht gebetet haben. Für Erwachsene, Jugendliche, Familien und Kinder. Man muss nichts leisten, nichts beweisen und nicht wissen, wie „richtiges Beten“ geht. „Man kann einfach schreiben. Wer sein Anliegen lieber online anvertrauen möchte, kann das über ein Formular tun oder per E-Mail – auch diese Anliegen werden ins Gebet mitgenommen und an ein Kloster weitergegeben.“ Pfarren, die „meinBRIEFanGOTT“ anbieten möchten, erhalten über die Materialstelle der Erzdiözese Wien kostenlos ein Starter-Paket mit Faltblättern, Zettelbox und Stickern zur Gestaltung des Briefkastens.

Schlagwörter
Autor:
  • Stefan Kronthaler
  • Kathpress
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