Weinviertel: Kein Leben von Idylle allein

37. Weinviertelakademie
Ausgabe Nr. 6
  • Wien und Niederösterreich
Autor:
Bilderbuch Weinviertel: Die Kirche, das Dorf, die Weingärten und die Felder, etwa hier in Unterstinkenbrunn.
Bilderbuch Weinviertel: Die Kirche, das Dorf, die Weingärten und die Felder, etwa hier in Unterstinkenbrunn. ©kathbild.at/Rupprecht

„Arm-seliges Weinviertel? – Wege in eine gute Zukunft“: So lautet das Thema der diesjährigen Weinviertelakademie am 19. Februar im Gemeindesaal in Großrußbach.

Was braucht es, damit auch in Zukunft von einem glück-seligen Weinviertel gesprochen werden kann? Gegenüber dem SONNTAG beschreibt Sebastian Thieme (Katholische Sozialakademie Österreichs) dieses gute Leben für alle. 

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Was braucht das Weinviertel?

Wir leben in einer Welt, in der Ungleichheit, Armut und die Zerstörung von Lebensbedingungen zunehmen“, schrieb Kardinal Christoph Schönborn schon 2019 zum 60-Jahr-Jubiläum der Katholischen Sozialakademie Österreichs. Abgesehen von der erkennbaren Zerstörung der Lebensbedingungen: Nehmen Ungleichheit und Armut auch bei uns zu? Das will der SONNTAG von Sebastian Thieme, der Volkswirt ist einer der Impulsgeber der diesjährigen Weinviertelakademie, wissen. „Ob Ungleichheit und Armut zunehmen, darüber streitet die Fachwelt. Ich möchte mich auch ungern auf diese Debatte einlassen“, betont Thieme. Ungeachtet dessen „gehört Österreich – global und mit Blick auf die Europäische Union – zu den Ländern mit einer sehr hohen Vermögensungleichheit“. Thieme weiter: „Darüber hinaus gelten derzeit etwa 16,9 Prozent der Bevölkerung in Österreich als armutsgefährdet, unter Kindern und Jugendlichen sind es 18 Prozent. Das ist Grund genug, um sich zu sorgen.“
Ob es nicht wirklich „arm-selig“ sei, wenn es im Dorf keinen Pfarrer vor Ort, keinen Gasthof, keine Volksschule, keine Bank, keine Post mehr gibt und auch keinen Nahversorger? „Selbstverständlich!“, unterstreicht Thieme. Denn: „Bank- und Postdienste gehören zur Infrastruktur der öffentlichen Daseinsvorsorge. Gasthof, Volksschule, Greißler und Kirche sind auch Orte der Begegnung, des Austauschs miteinander. Dort spielt sich das Leben ab. Als Menschen sind wir Sozialwesen und brauchen Gesellschaft. Alles andere wäre menschenunwürdig.“

Ein gutes Leben im Weinviertel

So schön eine intakte Natur ist, kann man aber von intakter Natur, sozialer Gerechtigkeit und demokratischen Werten allein leben? Thieme: „Dahinvegetieren oder existieren, ja. Die reine Existenz – das Überleben – ist natürlich die Voraussetzung, um leben und gut leben zu können. Aber kein Mensch würde das Existieren ohne intakte Natur, soziale Gerechtigkeit und demokratische Werte als Leben bezeichnen. Wir sollten uns nicht darauf einlassen, frei nach dem Dramatiker Bertolt Brecht das Fressen und die Moral gegeneinander auszuspielen.“ Was es dann braucht, damit allen ein gutes Leben möglich wird? „Nun, vor allem braucht es den Respekt vor der Menschenwürde und den guten Willen, ein gutes Leben für alle auch ermöglichen zu wollen“, ist Thieme überzeugt. „Das ist heute leider keine Selbstverständlichkeit“, betont er. „Aber machen wir es ruhig konkret. Ein gutes Leben erfordert, dass ausnahmslos alle gut über-leben können, also: Nahrung, Wohnraum, Energie, aber auch die Möglichkeiten zur Beziehungspflege, Mobilität, Bildung.“ Thieme: „Für das gute Leben ist all das notwendig, das wir eben besprochen haben: intakte Natur, Gerechtigkeit, Demokratie, Gesellschaftsleben – und Zeit.“

©privat

Zur Person

Dr. Sebastian Thieme ist Wissenschaftlicher Referent (Ökonomie) an der Katholischen Sozialakademie Österreichs.

Autor:
  • Stefan Kronthaler
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