Valie Export und die Kirche

Zwischen Avantgarde und Altar
Ausgabe Nr. 23
  • Kunst und Kultur
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Die Künstlerin Valie Export beim Versuch, in eine Orgelpfeife zu blasen.
Die Künstlerin Valie Export beim Versuch, in eine Orgelpfeife zu blasen. ©Diözese Linz/Nitsch
Die Orgel in der Wallfahrtsbasilika auf dem Pöstlingberg wurde 2022 neu gestaltet.
Die Orgel in der Wallfahrtsbasilika auf dem Pöstlingberg wurde 2022 neu gestaltet.
©Diözese Linz/Nitsch

Die im Mai verstorbene Valie Export galt als Ikone der experimentellen Kunstszene – provokant, radikal, unbequem. Kaum bekannt ist ihre späte Zusammenarbeit mit der Kirche.

Valie Export (1940–2026) war eine Künstlerin, die über Jahrzehnte hinweg Grenzen verschoben hat. Ihre Arbeiten forderten heraus, irritierten – und stellten Fragen an Körper, Gesellschaft und Machtverhältnisse. Weniger bekannt ist jedoch eine späte Facette ihres Schaffens: die Begegnung mit der Kirche. Sie zeigt eine andere Seite einer Frau, die vor kurzem im Alter von 85 Jahren verstorben ist – eine Seite, die nicht auf Provokation zielte, sondern auf Dialog.  Für die Pöstlingberg-Basilika in Linz gestaltete sie eine Orgel – und eröffnete damit einen überraschenden Dialog zwischen Avantgarde-Kunst und Glauben.

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Ungewohntes Feld für die Kunst-Ikone Valie Export

Valie Export, die als Ikone der feministischen Avantgarde gilt, wird zunächst nicht mit kirchlichen Räumen oder sakraler Kunst in Verbindung gebracht. Doch gerade diese Spannung erwies sich als fruchtbar. In den Jahren vor ihrem Tod arbeitete die gebürtige Linzerin mit der Diözese Linz zusammen – ein Zusammentreffen zweier Welten, das überraschend harmonisch verlief.

Im Zentrum stand ein Projekt, das auf den ersten Blick kaum spektakulär wirken mag: die Gestaltung einer neuen Orgel für die Wallfahrtsbasilika am Linzer Pöstlingberg. Für Export bedeutete dies neues Terrain. „Habe ich noch nie gemacht“, soll sie eingangs gesagt haben – und zugleich großes Interesse gezeigt haben, sich auf diese Aufgabe einzulassen.

„Wer begreift, hat Flügel“

Der Zugang zur Orgel führte die Künstlerin über ein Thema, das sie schon lange beschäftigte: die menschliche Stimme. Die Verbindung zwischen Stimmbändern und Orgelpfeifen wurde für sie zum Schlüssel.  So entstand ein Entwurf, der nicht nur formal überzeugte, sondern eine Brücke zwischen Körperlichkeit und Spiritualität schlug.

Ganz konfliktfrei verlief der Weg dorthin allerdings nicht. In der Pfarre gab es anfangs deutliche Vorbehalte. Ihre Arbeiten galten vielen als zu provokant, ihre Einbindung wurde hinterfragt, Spender drohten sogar mit Rückzug. Doch im Laufe des Projekts wandelte sich die Skepsis in Anerkennung. Ausschlaggebend war nicht nur Exports internationale Bedeutung, sondern vor allem die Qualität ihrer konkreten Gestaltungsideen.

Das Entscheidende bei Valie Export

So prägt heute ein Schriftzug die Orgel, der zum Nachdenken einlädt: „Wer begreift, hat Flügel.“ Dieser Satz verbindet Erkenntnis und Glauben – und verleiht dem Instrument eine poetische Dimension. Auch die Gestaltung mit Flügelformen und ein verborgenes Gedicht über die menschliche Stimme zeugen von einer sensiblen Auseinandersetzung mit dem Raum und seiner Botschaft. Entscheidend war für Exports Arbeit hier nicht die Inszenierung eines Konflikts, sondern die künstlerische Frage: Wie kann eine Orgel gut gestaltet werden? 
 

Valie Export: Erinnerungen an die Linzer Kindheit

Dabei spielte auch ihre persönliche Biographie eine Rolle. Die gebürtige Linzerin erinnerte sich an religiöse Prägungen ihrer Kindheit – an Maiandachten im Mariendom und Ausflüge auf den Pöstlingberg. Diese Erinnerungen beschrieb sie als „schillernd“ und emotional bedeutsam.  Die Orgel am Pöstlingberg blieb ihr einziger Auftrag im kirchlichen Bereich. Umso mehr steht dieses Werk heute als Zeichen eines gelungenen Dialogs. Wer heute die Basilika am Pöstlingberg betritt, sieht nicht nur ein Instrument, sondern auch ein Ergebnis dieses Dialogs. Die Orgel zieht den Blick auf sich – und lädt zugleich ein, genauer hinzuhören: auf die Musik, auf die Worte, vielleicht sogar auf das eigene Innere. 

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Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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