Ein ganzes Leben in Diktatur und Krieg
Minderheit in SyrienJaques Mourad, 1968 in Aleppo geboren, ist überzeugter Christ und Syrer: „Ich lebe immer in einem diktatorischen System“, zieht er ganz realistisch Bilanz. Doch wie es seinem Land seit 15 Jahren ergeht, schmerzt den syrisch-katholischen Erzbischof von Homs.
Massenflucht aus Syrien
Die christliche Gemeinschaft schrumpft seit Jahren – Kardinal Schönborn verwies übrigens schon vor dem Jahr 2015 und der Massenflucht aus Syrien darauf, dass die christliche Minderheit im Nahen Osten aussterben könnte. Heute leben noch rund 350.000 Christen in Syrien, früher waren es zwei Millionen.
Mourad gehört dem Syrisch-katholischen Kloster Mar Musa an. Es liegt am östlichen Ausläufer des Qalamoun-Gebirges etwa 80 Kilometer nördlich von Damaskus. Es wurde in den 1980er-Jahren von Paolo Dall'Oglio aufgebaut. Der italienische Geistliche verschwand 2013, als er helfen wollte, Geiseln aus der Gewalt der Terrormiliz IS zu befreien. Seither fehlt von ihm jede Spur.
Die Gemeinschaft hat das Kloster Mar Elian (heiliger Elias) bei Homs reaktiviert, wo Mourad intensiv mitwirkte: „Wir bauten das Kloster wieder auf, entwickelten die Landwirtschaft und unterstützten archäologische Ausgrabungen.“ Das war nicht nur ein Projekt für Christen. Es gab auch muslimischen Familien Arbeit und Hoffnung:
In einer Region, in der es kaum wirtschaftliche Perspektiven gab, wollten wir den Menschen zeigen, dass Zukunft möglich ist.
Wo man in Syrien miteinander sprechen konnte
Das Kloster, im fünften Jahrhundert gegründet, war ein Ort der Begegnung. Menschen aus ganz Syrien und aus vielen Ländern trafen zusammen. Christen und Muslime begegneten einander, beteten, sprachen miteinander und versuchten, einander zu verstehen. Mourad erinnert sich: „Schon 2009 begannen wir, regelmäßige Wochenenden des christlich-muslimischen Dialogs zu organisieren. Viele junge Menschen aus den verschiedenen Kirchen nahmen daran teil. Doch das Assad-Regime verbot diese Treffen. Er wollte keine Orte, an denen Menschen frei miteinander sprechen konnten.“
Dabei ist er eine Art personalisierter Mutmacher. 2015 wurde Pater Mourad entführt. Das Wüstenkloster wurde von der Terrormiliz Islamische Staat (IS) zerstört. In der Gefangenschaft drohte man ihm damit, ihn zu köpfen. „Da hatte ich schon Angst!“, erinnert sich der damalige Prior. Sein Aufenthaltsort in der Gefangenschaft war eine Toilette, denn man sagte ihm:
Du bist unrein.
Wie übersteht man so eine Situation, die immerhin fünf Monate andauerte? „Ich habe die Hilfe der Gottesmutter gespürt und das Rosenkranzgebet hat geholfen.“
Die Freilassung war ein Wunder
Mit Hilfe eines muslimischen Freundes die Flucht. Nach und nach konnten auch die übrigen christlichen Geiseln entkommen. Das wurde durchaus als Wunder empfunden. Auch seine eigene Freilassung wurde gefeiert – viele dachten Mourad sei tot. Die Fluchthelfer wurden später von den IS-Schergen ermordet.
Seine Erfahrungen hat er in dem Buch "Ein Mönch in Geiselhaft" festgehalten. Darin schildert er unter anderem, wie ein Kommandeur der Islamisten ihn aufsuchte, um mit ihm über seinen Glauben zu diskutieren.
Nach der Flucht lebte Mourad einige Zeit im Irak, wo seine Gemeinschaft viele Flüchtlingsfamilien betreute. 2020 kehrte er nach Syrien zurück und wurde dort Prior der Gemeinschaft von Mar Elian. Das vom IS schwer beschädigte Kloster wird gemeinsam mit Muslimen (!) wieder aufgebaut.
An den Sturz von Langzeitmachthaber Bashar al-Assad und den politischen Machtwechsel 2024 erinnert sich der 2023 zum Erzbischof ernannte Mourad auch heute noch sehr genau. „Alle Menschen feierten dieses unglaubliche Ereignis. Wir glaubten, endlich Freiheit erlangt zu haben und ich habe in dieser Nacht endlich wieder einmal tief und gut geschlafen.“ Doch gut zwei Monate später kam es in Homs zu ersten bewaffneten Konflikten und Angriffen von islamistischen Milizen auf Alawiten. „An diesem Tag hat mein Kampf für die Freiheit erneut begonnen.“
Wenn eine Mutter mit ihren Kindern getötet wird
Und heute? Was die Menschen den Alltag viel mehr erschwert, sind die Armut und die zerstörte Infrastruktur, der fehlende Wohnraum - Mieten sind für die Bevölkerung kaum erschwinglich – und die viel zu geringe medizinischen Versorgung. Viele Familien wissen nicht, wie sie den nächsten Tag überstehen sollen. Die Sicherheitslage ist katastrophal. Eine Mutter wurde mit ihren Kindern auf der Straße getötet, berichtet Mourad. Das passiere regelmäßig.
Ja, es ist wirklich traurig und schrecklich und nicht die Situation, die wir uns vorgestellt haben,
sagt Mourad.
Die zunehmende Islamisierung staatlicher Einrichtungen und des öffentlichen Lebens belastet die Bevölkerung zusätzlich. Christen und andere Minderheiten spüren, sie immer weniger respektiert werden. Auch wenn die Christen derzeit weniger im Fadenkreuz der Islamisten stehen, ist es um die Religionsfreiheit im Land laut dem Erzbischof nicht mehr gut bestellt.
Der Erzbischof untermauerte seine Bemerkungen mit dem Verweis auf die Zusammensetzung des neuen syrischen Parlaments: „Warum gibt es nur sechs Christen und nur fünf Frauen?“ Die Mehrheit der Parlamentsmitglieder bestehe aus islamistischen Fundamentalisten.
Sollen die Christen nach Syrien zurückkommen?
Es gibt aber nach wie vor einen starken Glauben unter den Christen und den Muslimen. Sollen die Christen zurückkommen? „Ich würde es nicht empfehlen, es ist nicht klar, wie sich die Situation entwickelt.“ Wenn die Politik so weitermacht, dann gibt es keine Christen mehr im Nahen Osten und im Heiligen Land.“ Eine Lösung müsse daher über Syrien hinausgefunden werden.
Wir sind eine Region und miteinander verbunden. Wir haben das Recht, zu leben und wir wollen nicht unser ganzes Leben im Krieg leben.
Die Zukunft ist ungewiss. Syrien kann bis heute nicht frei über sein eigenes Schicksal entscheiden. Ich möchte aber auch sagen: „Das ganze syrische Volk leidet unter Unsicherheit, Gewalt und Armut. Das Volk braucht den Frieden – der Kampf kann nicht mit Waffen geführt werden, sondern moralisch.
Junge Menschen in Syrien sind mutig
Wo sieht der Kirchenmann, der lächelt und freundlich auftritt, eine Wende zum Positiven? „In Homs sind junge Menschen, Christen und Muslime, sehr mutig! Sie kämpfen, sie betreiben kulturelle und humanitäre Projekte. Sie geben ein echtes Zeugnis ihres Glaubens. Wir müssen sie ermutigen, weiterzumachen, auch in der Politik.
Das geht nur durch die Jugend, die in den Schulen Werte vermittelt bekommt. Wir brauchen sie. Sie können Syrien aufbauen.
Dankbar ist der Erzbischof den Kirchen und Hilfswerken in Europa für die langjährige Unterstützung. Verantwortung müssten aber alle übernehmen – auch die internationale Staatengemeinschaft. Und so beten die Gläubigen weiter für die Politik um bessere Entscheidungen oder wie Mourad sagt: „Frieden ist nicht nur Aufgabe der Politiker. Frieden ist unsere gemeinsame Berufung.“
Buchtipp
Ein Mönch in Geiselhaft. Fünf Monate in den Fängen des Islamischen Staates von Jacques Mourad, Amaury Guillem, 180 Seiten, Taschenbuch, Arete Verlag, ISBN: 978-3-96423-019-5, EUR 23,60