Das „Hören“
Fünf Sinne
Unser Hörvorgang ist nämlich ein wahres Kunstwerk, zusammengefügt aus vielen grandiosen Kunststückchen der Natur, eine ständige und mannigfaltige Umwandlung von Schallwellen in mechanische Schwingungen, in Flüssigkeitswellen und dann in elek- trische Wellen, die gewissermaßen am Strand unseres Gehirns ihr kostbares Strandgut abladen, eine Komposition aus elektrischen Daten: Frequenzen und Amplituden, die sich aber auf wunderbare Weise „anhören“ wie Töne, Sprache, Melodien, Rhythmus und Geräusche. Wir können dabei nicht nur Altes und Neues hören, sondern auch Altes wieder ganz neu.
Bevor wir sehen, können wir hören
Bevor wir sehen können, erfahren wir bereits im Schoß unserer Mütter dieses Geschenk des Hörens. Wir hören ihre Stimme und ihre Stimmungen. Hören vereint, macht Mut, schenkt Verständnis und gibt Hilfe und Ruhe. Im Unterschied zu unseren Augen, die nur in eine Richtung etwas erkennen können, empfangen unsere Ohren alle Wahrnehmungsreize vor uns, hinter uns, neben uns, unter uns und sogar in uns. Wir können im aufmerksamen Zuhören spüren, wie es jemandem geht, was er empfindet, was er sich wünscht und was ihn ängstigt. Dabei sollten wir immer ganz Ohr sein, damit wir das, was wir hören, auch gut verstehen können. Leider gehen wir mit diesem Kunstwerk nicht immer gut um. Was hauen wir uns nicht alles um die Ohren! Was ziehen wir uns nur alles rein, akustische Müllberge, Hörlärm! Wir schaffen es auch, vieles zu überhören oder feige wegzuhören.
Das Geräusch der Stille
Das wohltuende und nach innen führende „Geräusch der Stille“ kennen manche nur noch vom Hören-Sagen. Ein ganz besonderes Augenmerk sollten wir nämlich auf diese innere Stimme richten, unser Gewissen, das sagen will, was gut oder schlecht für uns ist. Wir sollten dabei keineswegs überhören, wenn sich etwas gar nicht gut anhört, was uns misstrauisch machen und warnen möchte. Vergessen wir auch nie unsere Mitmenschen, die irgendjemandem hörig geworden sind, einem geliebten Menschen oder einem Suchtmittel, das sie abhängig macht und ihnen die Freiheit nimmt. Vergessen sollten wir auch nicht all die Menschen, die in ihrer Krankheit Stimmen hören, die sie in ihrem Wahn verfolgen und beunruhigen.
Zum guten Hören gehört schließlich auch die Fähigkeit, wieder aufhören zu dürfen, aufhören zu müssen. Ein jüdischer Rabbinerspruch sagt: „Du brauchst das Werk nicht zu vollenden, aber du sollst nie aufhören, es zu versuchen.“ Da kann man nur sagen: „Hört, hört!“ Vernachlässigung, Mutlosigkeit oder Feigheit „gehörten“ sich nämlich nicht.
Mit dem Herzen
Manchmal fehlt uns auch jede Möglichkeit, in allem Wust und Chaos überhaupt noch durchzublicken. Es gibt aber Menschen, die einfach mehr sehen als andere, die häufig die Dinge schon kommen sehen, bevor sie überhaupt da sind. Oft liegt es daran, dass sie nicht so sehr mit ihren Augen sehen, sondern mit ihrem Herzen. Dabei erinnern wir uns an ein Wort Jesu, wenn er sagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (Joh 20,29). Das mögen manche belachen, aber „so sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehen“ (Matthias Claudius).
„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“
Matthäus 11,15