Treffen der Religionen beim ESC
Interreligiöser PavillonGlückskekse, bunte Pickerl, eine „Wall of Hope“ und ein Glücksrad. Das alles finden die Besucherinnen und Besucher des interreligiösen Pavillons im ESC-Village, welcher von Mittwoch bis Samstag seine Pforten öffnet. Initiiert wurde das Projekt von Mitarbeiterinnen des Pastoralamtes der Erzdiözese Wien, Elisabeth Palugyay und Edina Kiss, und in Kooperation mit der Stadt Wien und „Denk Dich Neu“ umgesetzt. Ein wichtiger Partner ist „Kirche im Dialog“. Der SONNTAG war vor Ort und hat mit Elisabeth Palugyay und Pfarrer Gregor Jansen gesprochen.
Interview mit Elisabeth Palugyay
Wie entstand die Idee zum interreligiösen Pavillon?
Elisabeth Palugyay: In Wien gibt es bereits seit vielen Jahren eine sehr gute, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Religionsgemeinschaften. Das heißt, wir arbeiten schon lange auf unterschiedlicher Basis zusammen. Die Idee für diesen interreligiösen Pavillon ist aus der Festivalseelsorge gewachsen. Eine interreligiöse Seelsorge in diesem Sinne gibt es aber nicht. Daher kam uns die Idee, dass wir einen interreligiösen, interkulturellen Begegnungsraum schaffen. Die Initiative kam von meiner Kollegin Edina Kiss und mir. Wir sind dann mit dieser Idee an die anderen Vertreter und Vertreterinnen der Religionsgemeinschaften herangetreten. Das Engagement war sofort da, die Bereitschaft war sofort da und nach so viel guter Zustimmung ist der Pavillon wirklich in gemeinsamer Arbeit aller gewachsen.
Religionsgemeinschaften im interreligiösen Pavillon beim ESC
Und welche Vertreterinnen und Religionsgemeinschaften beteiligen sich konkret?
Es sind Vertreterinnen und Vertreter der folgenden Religionsgemeinschaften: Buddhismus, Bahai, Judentum, Islam, verschiedene Konfessionen im Christentum und die Sikh-Gemeinschaft. Also fast alle anerkannten Religions- und Glaubensgemeinschaften in Wien.
Auf welcher Basis wurden die Seelsorgerinnen und Seelsorger ausgewählt?
Die Auswahl der Personen lag bei der jeweiligen Gemeinschaft selbst. Es sind Menschen, die bereits im Dialog tätig sind. Die Ausbildungen sind ganz unterschiedlich. Es sind Geistliche, es sind Pädagogen, es sind Lehrer, es sind Jugendliche, die in den Jugendorganisationen tätig sind.
Ist die Expertise aus der Erfahrung der Festivalseelsorge am Donauinselfest beim interreligiösen Pavillon miteingeflossen?
Die Personen und die Expertise sind durchaus eingeflossen. Ohne die Expertise des Donauinselfests beziehungsweise der Festivalseelsorge und ohne die Kontakte und die Zusammenarbeit auch mit der Stadt Wien und mit der Initiative „Denk dich neu" wäre diese umfassende Organisation gar nicht möglich gewesen. Das heißt, die Beteiligten und die Expertise waren und sind mit dabei. Es ist eine neue, eine zusätzliche Idee, die hier entstanden ist im interkulturellen Bereich, im interreligiösen Bereich.
Interesse an Religion
Wer soll den interreligiösen Pavillon besuchen und warum?
Möglichst alle Interessierten und möglichst viele. Das heißt, wir erwarten einfach Besucherinnen und Besucher, die sich hier im Village aufhalten, über den Platz flanieren und Interesse haben, etwas über die anderen Religionen zu erfahren und mit allen ins Gespräch zu kommen. Hier ist wirklich ein offener Begegnungsraum für Menschen unterschiedlichster Herkunft oder Religion, Glaubensbekenntnis oder auch kein Glaubensbekenntnis. Einfach alle, die Lust, Interesse und Freude an der Begegnung haben, sind herzlich eingeladen, mit den Menschen hier ins Gespräch zu kommen.
Was erwartet die Leute beim interreligiösen Pavillon im ESC-Village?
Die Menschen, die hierherkommen, können auf unterschiedliche Weise miteinander interagieren. Man kann beispielsweise eine Botschaft an der „Wall of Hope“ hinterlassen. Man kann eine Botschaft auch im Gästebuch hinterlassen. Wir haben an der Wand QR-Codes, da es sich um eine papierfreie Veranstaltung handelt, die auf die jeweilige Website der Glaubens- und Religionsgemeinschaft führen, damit man Weiteres erfahren kann. Wir haben auch eine interreligiöse Playlist mit Liedern aus den unterschiedlichen Traditionen, quasi zum Mitnehmen als QR-Code. Wir haben das Quizrad mit Fragen zu den unterschiedlichen Religionen, damit man da mit der jeweiligen Person ins Gespräch kommen kann, und es gibt Glückskekse, die Friedensbotschaften aus den jeweiligen Religionen beinhalten, die die Menschen zusammengetragen haben, die hier mitmachen. Eine Initiative möchte ich noch erwähnen: „Komm auf den Teppich“. Das wird dann eine Einladung sein von jüdisch-muslimischer Seite, um auf den Teppich zu kommen, idealerweise einen Dialog zu starten und mehr über die Religionen zu erfahren.
Fotos vom interreligiösen Pavillon (zum Vergrößern anklicken)
ESC: Interreligiöse Zusammenarbeit
Wie läuft die Zusammenarbeit mit Ihren Kolleginnen aus anderen Religionsgemeinschaften?
Die Zusammenarbeit läuft ausgezeichnet. Es ist unglaublich bereichernd. Wir sind gemeinsam auf dem Weg und dieser Weg, wie bei einer gemeinsamen Wanderung mit Freunden, ist bereits ein Lernprozess. Es macht Spaß und die Erwartungen sind völlig offen. Wir sind alle sehr zuversichtlich und freuen uns auf diese kommenden Tage.
Wie viele Vertreterinnen und Vertreter von verschiedenen Religionsgemeinschaften sind insgesamt über all die Tage hier beim interreligiösen Pavillon vor Ort?
Das Team umfasst insgesamt zirka 40 bis 45 Personen. Wir werden die Tage aber entsprechend aufteilen, sodass idealerweise pro Tag zirka drei Personen pro Religionsgemeinschaft anwesend sind. Man muss auch betonen, dass das ganze Engagement ehrenamtlich ist. Und Ehrenamt, wie viele wissen, ist neben Familie, neben Beruf immer eine besondere Herausforderung. Daher schätzen wir das sehr, dass sich die Personen diese Zeit auch freigenommen haben, und es werden im Schnitt täglich hoffentlich an die fünfzehn Personen da sein als Ansprechpartnerinnen.
„Living Library“ als persönlicher Zugang zum Glauben
Es war auch das Gespräch von einer „Living Library“. Was kann man sich darunter vorstellen?
Unter „Living Library“ kann man sich vorstellen, dass jede Person, die hier anwesend ist, für sich Auskunft geben kann. Ich würde es mir nicht anmaßen, für das Christentum zu stehen, aber ich kann sagen, ich als Elisabeth, als katholische Christin, lebe meinen Glauben folgenderweise. Natürlich gibt es Dogmen, die in jeder Glaubens- oder Religionsgemeinschaft gelten, und es gibt auch immer den ganz persönlichen Zugang, um Pauschalisierungen oder Generalisierungen zu vermeiden. Daher ist die Besonderheit an diesem Pavillon, dass man tatsächlich ein persönliches Gespräch führen kann. Und das ist gemeint mit „Living Library“. Ich kann Auskunft geben über die Art und Weise, wie ich meinen Glauben lebe, wie er eingebettet ist ins große Ganze.
„Durch das Kennenlernen verliert man hoffentlich die Scheu vor dem Unbekannten“
Was sind Ihre persönlichen Erwartungen für diese Tage?
Ich freue mich auf jeden Moment eines guten Gespräches. Wenn man mit einem Fragezeichen kommt und mit noch mehr Fragen geht, ist das natürlich nicht immer ideal. Aber man nimmt das Gefühl mit, dass in diesem Gespräch etwas stattgefunden hat, dass sich Menschen begegnen, denn durch das Miteinander-Reden lernt man einander ein bisschen besser kennen und durch das Kennenlernen verliert man hoffentlich die Scheu vor dem Unbekannten. Das ist mein Wunsch oder der große Gedanke, der hinter diesen Begegnungen steht, dass man Menschen zusammenführt, die sonst nicht die Möglichkeit dazu hätten. Und ich lege das ganz zuversichtlich in größere Hände und freue mich auf die kommenden Tage.
Interview mit Pfarrer Gregor Jansen
Sie sind sozusagen hier Ansprechpartner als Seelsorger beim interreligiösen Pavillon. Wie kann man sich das vorstellen? Haben Sie schon Erfahrungen mit Begegnungen?
Gregor Jansen: Die Menschen von den verschiedenen Religionsgemeinschaften, die hier sind, sind das Gesprächsangebot. Wir bieten natürlich auch ein paar thematische Workshops an, aber es geht eigentlich wirklich darum, als Vertreterin oder Vertreter verschiedener Glaubensgemeinschaften gemeinsam hier zu sein, gemeinsam eine Botschaft zu bringen. Wir sind „United by Humanity“. Da haben wir das Song-Contest-Motto ein bisschen abgeändert. Wir sind hier, um ein Zeugnis dafür zu geben, dass nicht nur die Musik vereint, sondern eben auch Religionen das können. Dass sie nicht nur Teil des Problems sind, sondern vor allem Teil der Lösung sein können, wenn sie in gegenseitigem Respekt miteinander auftreten und einander in aller Bereitschaft, aber vor allem auch mit dem Willen zum Frieden hier begegnen und für die Menschen da sind.
Etwas abseits des Hauptrummels
Der interreligiöse Pavillon liegt hier am Wiener Rathausplatz am Standort 4 etwas abseits. Wie sollen die Menschen zu euch kommen?
Wir sind strategisch sehr günstig zwischen der Partyzone und den WCs. Das ist schon mal was ... [lacht] Nein, das Gute ist, wir sind ein bissl vom Hauptrummel weg. Also wir sind nicht direkt vor der Bühne. Wir hören und sehen sie zwar, aber sind da ein bisschen weg vom Schuss. Neben uns ist eine Ruhezone und das passt ja auch ganz gut. Wir wollen auch das Angebot bieten, kurz durchzuschnaufen. Man kann ins Gespräch kommen. Man kann sich, wenn es ein paar Grad wärmer ist, auch in Liegestühlen in die Sonne setzen und ein wenig durchschnaufen, ein paar Friedenskekse essen, am Glücksrad drehen und eben mit uns sprechen.
Erinnerungen an den ESC
Welche Erinnerungen haben Sie an die vergangenen Eurovision Song Contests?
Nachdem ich ja Deutscher bin, ist tatsächlich eine der ersten Erinnerungen, die ich als Kind hatte, das Lied von Nicole „Ein bisschen Frieden“. So alt bin ich schon und das passt ja irgendwie auch in den Kontext hier, dass wir Friedensbotschaften bringen wollen als Religionen. Und dann natürlich die großen Ereignisse. Als Conchita Wurst gewonnen hat, war ich mit Freunden beisammen und wir haben es nicht glauben können. Und vor einem Jahr habe ich das Ganze auch mit lieben Freunden gefeiert. Es macht ja auch viel mehr Spaß, wenn einfach ein paar Leute zusammen sind und man lästert ein wenig über die verschiedenen Antretenden und wundert sich über die Outfits und die Bühnen-Show. Das ist ein großer Spaß. Ich finde es gut, dass man hier einfach miteinander Freude haben kann und es nicht zu sehr ideologisch auflädt.
Es gibt beim Eurovision Song Contest die Gewohnheit, dass Österreich den Deutschen vielleicht einen Punkt gibt, aber die Deutschen den Österreichern oft keinen gegeben haben. Wie können wir denn das wieder ausgleichen?
[lacht] Also wenn ich mich richtig erinnere, hat Deutschland Conchita schon zwölf Punkte gegeben und letztes Jahr, glaube ich, haben wir auch relativ viele Punkte gegeben. Das ist gar nicht so gegenseitig. Das ist ziemlich einseitig, dass Österreich Deutschland in der Regel keinen Punkt gibt. Was allerdings auch daran liegt, dass die deutschen Titel meistens wirklich grottenschlecht sind. Also insofern ist das eher verdient. Ich sehe mich ja auch als Wiener mit rheinischem Migrationshintergrund, immerhin lebe ich seit dreißig Jahren in Wien. Ich habe aber auch noch nie für Deutschland angerufen in Österreich, muss ich dazu sagen. [lacht]
Das Kuriose war doch letztes Jahr, dass ein österreichisches Geschwisterpaar für Deutschland antreten musste.
Genau, das war dann der letzte Versuch, die österreichischen Stimmen irgendwie zu holen. Hat offensichtlich total super funktioniert. [lacht]
Favorit beim ESC
Wer ist denn Ihr Favorit beim diesjährigen ESC?
Ich bin heuer so was von komplett ahnungslos. Ich weiß es wirklich noch nicht. Ich habe so gut wie keinen Titel gehört, außer dem österreichischen. Den deutschen finde ich wiederum nicht sehr überzeugend und ich bin im Moment wirklich nicht im Thema drin, leider.
Haben Sie einen Tanzschein?
Ich habe einen Taufschein. Den tanze ich aber nicht. [lacht]
Weitere Informationen
Der Pavillon ist von 12. bis 16. Mai 2026 jeweils von 16:00 bis 19:00 Uhr geöffnet und befindet sich im ESC Village am Wiener Rathausplatz am Standort 4, nahe des barrierefreien Eingangs. Während der gesamten Veranstaltungsdauer lädt er zum Verweilen, Mitdenken und Mitreden ein. Ziel ist es, die verbindende Kraft der Musik aufzugreifen und für den interkulturellen und interreligiösen Dialog fruchtbar zu machen. Initiiert wurde das Projekt von Mitarbeiterinnen des Pastoralamtes der Erzdiözese Wien, Elisabeth Palugyay und Edina Kiss, und gemeinsam mit engagierten Vertreterinnen und Vertretern des interreligiösen Dialogs in Kooperation mit der Stadt Wien und „Denk Dich Neu“ umgesetzt. Ein zentraler Partner ist der Bereich „Kirche im Dialog“ (Pastoralamt, Erzdiözese Wien), der seit vielen Jahren entsprechende Initiativen in Wien begleitet und gestaltet.