Nürnberg: Die Frage nach Versöhnung

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Ausgabe Nr. 20
  • Kunst und Kultur
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Chefankläger Robert Jackson besucht in einer Film-Szene in "Nürnberg" Papst Pius XII.
Chefankläger Robert Jackson besucht in einer Film-Szene in "Nürnberg" Papst Pius XII.
©Polyfilm/Sony Pictures Classics

Ein gefährlicher Charmeur auf der Anklagebank, ein Psychiater im Zwiespalt und ein Prozess, der Geschichte schrieb: „Nürnberg“ blickt auf die Nachwehen des Zweiten Weltkriegs – spannend, irritierend und mit Fragen, die keine einfachen Antworten zulassen.

Die Welt liegt in Trümmern. Im ersten Kriegsverbrecherprozess der Geschichte soll 1945 die NS-Elite zur Rechenschaft gezogen werden. Regisseur James Vanderbilt wagt sich an einen entscheidenden Moment des 20. Jahrhunderts – und wählt dafür einen überraschenden Zugang: nicht primär den großen Gerichtssaal, nicht die donnernden Anklageschriften, sondern eine Gefängniszelle und zwei Männer in einem psychologischen Duell.

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Nürnberg: Starke Momente und moralische Grauzonen

Auf der einen Seite: Douglas M. Kelley (Rami Malek), amerikanischer Militärpsychiater; auf der anderen: Hermann Göring (Russell Crowe) – Reichsmarschall, Kriegsverbrecher und noch immer gefährlich. Göring kämpft nicht mehr mit Waffen. Er kämpft mit Worten, mit Charme, mit Intelligenz. Crowe spielt ihn nicht als brüllenden Fanatiker, sondern als jemanden, der lächelt, während er manipuliert – charismatisch, geistreich, berechnend. Und genau darin liegt das Erschreckende.

„Nürnberg“ entfaltet seine stärksten Momente dort, wo er moralische Grauzonen aushält und keine einfachen Antworten liefert. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Kelley und Göring entwickelt einen spannenden Sog. Kritisch anzumerken bleibt, dass der Film stellenweise zu glatt erzählt: Die historische Tiefe der Prozesse wird nur angedeutet, Nebenfiguren bleiben blass.

Pius XII. und die Nürnberger Prozesse

Ein Moment des Films, der die Rolle der Kirche zum Thema macht, ist fast eine Randnotiz – und doch brisant: US-Chefankläger Robert H. Jackson (Michael Shannon) besucht Papst Pius XII. im Vatikan, um dessen Unterstützung für die Tribunale zu gewinnen. Der Papst und weite Teile der Kirchenführung standen den Nürnberger Prozessen allerdings reserviert bis ablehnend gegenüber – aus Sorge vor „Siegerjustiz“, aus Ablehnung einer deutschen Kollektivschuld und dem Wunsch nach rascher Versöhnung. Eine angebliche Erpressung des Papstes durch Jackson, wie im Film angedeutet, ist historisch nicht belegt.

Nürnberg und die Gnadengesuche von Kriegsverbrechern

Bekannt ist heute, dass sich kirchliche Kreise für Gnadengesuche selbst schwer belasteter Kriegsverbrecher einsetzten – aus pastoraler Sorge um die „Rettung der Seelen“, aber auch aus Angst vor dem Kommunismus als neuem Hauptfeind. Diese Haltung war nicht identisch mit Billigung der Verbrechen, blieb aber moralisch ambivalent und hinterlässt bis heute offene Fragen. Sich diesen durch weitere historische Forschung und Aufarbreitung zu stellen, regt der Streifen auf jeden Fall an.

Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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