Gewalt gegen Frauen als neuer Hexenwahn

Hexenwahn
Ausgabe Nr. 3
  • Weltkirche
Autor:
Hexenwahn heute: Schwester Lorena hält Teno, eine Frau aus Papua-Neuguinea im Arm. Sie starb an den schweren Verletzungen, die ihr bei einem sogenannten Hexenprozess zugefügt wurden.
Hexenwahn heute: Schwester Lorena hält Teno, eine Frau aus Papua-Neuguinea im Arm. Sie starb an den schweren Verletzungen, die ihr bei einem sogenannten Hexenprozess zugefügt wurden. ©Bettina Flitner
 Yolande, Natascha und Michael sind jetzt eine kleine Familie.
Yolande, Natascha und Michael sind jetzt eine kleine Familie. ©Bettina Flitner
Christina Pakuma (hier mit gemeinsam mit Schwester Lorena zu sehen) wurde in ihrem Dorf in Papua-Neuguinea als Hexe verfolgt und an Pfählen festgebunden.
Christina Pakuma (hier mit gemeinsam mit Schwester Lorena zu sehen) wurde in ihrem Dorf in Papua-Neuguinea als Hexe verfolgt und an Pfählen festgebunden. ©Bettina Flitner

Missio dokumentiert Gewalt im Zusammenhang mit sogenanntem Hexenwahn in 47 Ländern weltweit, darunter in Regionen in Afrika, Asien, Ozeanien, dem Nahen Osten sowie Mittel- und Südamerika. Himmel & Erde hat dazu mit missio-Pressesprecher Jörg Nowak gesprochen.

Am 27. September 1583 wurde Elisabeth Plainacher als einzige „Hexe“ auf der Wiener „Gänseweide“ verbrannt. Im Jahr 2026 gibt es keine Hexenverbrennungen mehr – zumindest in Europa. Laut missio Aachen werden weltweit in 47 Ländern vor allem Frauen als Hexen verfolgt und getötet. Himmel & Erde hat dazu mit missio-Pressesprecher Jörg Nowak gesprochen. Er erzählt unter anderem, wie eine mutige Frau ihren Peinigern entkam und damit den 10. August als internationalen Tag gegen Hexenverfolgung schuf.

Werbung
©missio Aachen

Hexenwahn heute

Was kann man sich unter Hexenverfolgung oder Hexenwahn heute vorstellen?

Jörg Nowak: Das, was wir als Hexenverfolgung bezeichnen und was historisch in der frühen Neuzeit einzuordnen ist, existiert bis heute. Im August haben wir unsere neue Weltkarte präsentiert. Wir haben Hinweise, dass in 47 Ländern der Welt Menschen in Gefahr sind, aufgrund des Vorwurfs der Hexerei diskriminiert, verfolgt oder getötet zu werden. Der Historiker Werner Schacher hat aufgezeigt, dass diese Kontinuität nie aufgehört hat, auch wenn wir wissen, dass das in Ländern wie Deutschland ausgeklungen ist – es also ein Ende gab. Gleichzeitig müssen wir feststellen, dass das in vielen anderen Ländern immer wieder aufkeimt. Doktor Schacher hat im letzten Jahr eine kleine Recherche gemacht, aus der hervorgeht, dass seit den Sechzigerjahren mehr Menschen Opfer von dieser sogenannten Hexenverfolgung geworden sind als in diesen historischen etwa drei Jahrhunderten. Das ist erschreckend und lenkt unsere Aufmerksamkeit darauf, dass es weiterhin Situationen gibt, in denen Menschen verteufelt werden und als Hexen bezeichnet werden. Es ist eine aktuelle Bedrohung und bleibt eine Menschenrechtsverletzung. Ganz besonders trifft es Frauen.

Der Fall Christina

Ein Fall sticht dabei besonders heraus: Am 10. August 2012 entkam Christina in Papua-Neuguinea ihren Peinigern. Es war das erste Mal, dass Schwester Lorena Jenal dort von Hexenverfolgung gehört hatte. Ist das ein neueres Phänomen in den Ländern im Süden oder ist es kulturell verankert?

Schwester Lorena lebt seit de 1970er-Jahren in Papua-Neuguinea.  Wie sie sagte, ist sie erst 2012 auf diesen Fall konkret von Christina aufmerksam geworden. Sie hat sich nach Christinas Rettung psychologisch um sie gekümmert. Aber es gibt Hinweise, dass es diese Gewaltverbrechen bereits seit den 70er-Jahren gibt. Traditionell gab es immer den Glauben an übersinnliche Mächte. Wir haben den Eindruck, dass diese Gewaltexzesse gegen Frauen in den letzten zehn bis zwanzig Jahren noch einmal eine extreme Ausbreitung in Papua-Neuguinea erfahren haben. Diese brutale Gewalt gegen Frauen hat Aufmerksamkeit erzeugt, so dass missio in Deutschland, aber auch andere Organisationen diese neue Form von Menschenrechtsverletzungen in den Blick genommen haben.

Hexenwahn heute: Schwester Lorena hält Teno, eine Frau aus Papua-Neuguinea im Arm. Sie starb an den schweren Verletzungen, die ihr bei einem sogenannten Hexenprozess zugefügt wurden.
Hexenwahn heute: Schwester Lorena hält Teno, eine Frau aus Papua-Neuguinea im Arm. Sie starb an den schweren Verletzungen, die ihr bei einem sogenannten Hexenprozess zugefügt wurden. ©Bettina Flitner

Tenos grausamer Tod


Teno kam aus einem Dorf in der Nähe von Mendi in Papua- Neuguinea. Nach stundenlanger Folter bei einem sogenannten Hexenprozess wurde Teno in ein Haus eingesperrt ohne Wasser und Medizin. Als Schwester Lorena ihr zu Hilfe kam, war es zu spät. Teno verstarb wenig später am Abend an ihren Verletzungen.

Aberglaube und Hexenwahn

Welche Rolle spielt Aberglaube bei Hexenverfolgungen heute?

Der Aberglaube spielt eine Rolle, aber ich habe den Eindruck, dass ganz andere Motive dominieren. Vor allen Dingen auch, wie Schwester Lorena sagt, eine ganz stark ausgeprägte Form von Frauenhass und die Suche nach einem Sündenbock. 2017 war ich mit der Fotografin Bettina Flitner und Schwester Lorena in Papua- Neuguinea unterwegs. Wir sind dort mitten in einen Hexenprozess geraten. Eine Frau wurde schwer verletzt. In einem ersten Schritt haben wir es geschafft, sie aus den Fängen ihrer Folterer zu befreien. Noch in dieser dramatischen Situation stand ich einem dieser Anführer gegenüber und stellte ihm nur kurz die Frage: „Was ist denn mit dieser Frau?“ Und er sagte mir: „Sie ist eine Hexe, sie ist ein Dracula, sie ist ein Vampir.“ Sämtliche Stereotype, die es gibt, um einen Menschen zu verteufeln, werden zusammengebracht. Insofern spielt Aberglaube eine Rolle, es ist aber auch eine Suche nach Sündenböcken.

„Sie ist eine Hexe, sie ist ein Dracula, sie ist ein Vampir. Sämtliche Stereotype, die einen Menschen verteufeln, werden zusammengebracht.“

Es gibt auch Fälle, wo es darum geht, dass Menschen eigene Vorteile suchen. In einem anderen Fall starb eine Frau bei der 13. Schwangerschaft. So viele Schwangerschaften sind belastend für den Körper. In seiner Trauer hat ihr Mann einen Sündenbock gesucht. Die Nachbarsfrau, die noch am Vortag, als seine Frau noch lebte, in das Haus kam und mit seiner Frau gesprochen hat, war ein willkommenes Ventil. Daher habe ich den Eindruck, es sind oft ganz niedrige Instinkte. Es geht um Habgier, es geht um Sündenböcke, es geht darum, jemanden verantwortlich zu machen. Und letztendlich ist es eine der brutalsten Formen des sozialen Mobbings. Der Vorwurf der sogenannten Hexerei ist nichts anderes als Fake News.

Hexenwahn als Ausrede für Gewalt gegen Frauen

Dieser moderne Hexenwahn ist also eine Ausrede für Gewalt gegen Frauen?

Es gibt eine Täter-Opfer-Umkehr. Das heißt, es gibt zumeist Männer oder eine Dorfgemeinschaft, die beschuldigen eine Frau, sie wäre eine Hexe. So. Es gibt aber keine Hexen. Punkt. Und diese Täter nehmen sich dann die Freiheit, zu sagen, wir müssen sie bestrafen, wir müssen sie quälen. Das heißt, diejenigen, die ein Verbrechen begehen, indem sie Menschen diskriminieren, verfolgen und quälen, behaupten, die andere Person ist schuldig.

Und das ist noch mal besonders brisant. missio hat auch eine Menschenrechtsstudie herausgegeben, bei der es um die Dimension der sexuellen Gewalt geht. Dabei wurde festgestellt, dass zumindest in zehn Provinzen, in denen eine empirische Untersuchung durchgeführt wurde, sexuelle Gewalt eine große Bedeutung hat. Dabei geht es um Menschenrechtsverletzungen, wie das Quälen von Frauen durch Männer oder Vergewaltigungen. Man bekommt den Eindruck, dass das alles (Anm. der Redaktion: die Hexenverfolgungen) als Vorwand benutzt wird, um Frauen in eine wehrlose Situation zu bringen.

 Yolande, Natascha und Michael sind jetzt eine kleine Familie.
Yolande, Natascha und Michael sind jetzt eine kleine Familie. ©Bettina Flitner

Ein kleines Happy-End


Yolande Zecle aus Benin konnte keine leiblichen Kinder bekommen. Deshalb verließ ihr Mann sie. Sie traf Pater Pére Bio Sanou, der in einem von missio geförderten Projekt sogenannte „Hexenkinder“ schützt. Er suchte eine Person, die gerettete Kinder aufnehmen konnte. Yolande, Natascha und Michael sind jetzt eine kleine Familie.

Hexenwahn gestern und heute

Wie unterscheidet sich der Hexenwahn von heute von dem historischen Hexenwahn im Mittelalter oder der frühen Neuzeit in Europa?

Der Hexenhammer von dem deutschen Dominikaner und angeblichen Christen Heinrich Kramer (siehe Seite 24) war die Vorlage für die weitere Hexenverfolgung in Europa. In dem Buch trieft es nur so von Frauenhass und auch von sexueller Gewalt. Dieses Phänomen scheint immer wieder aufzutauchen. Während es in Märchenbüchern in Österreich und Deutschland dieses Klischee von der sogenannten Hexe als eine alte, bucklige Frau mit einer Warze auf der Nase und kratzigen, schmutzigen Kleidern gibt, gab es aber auch andere Bilder. Wenn wir uns die Kunstgeschichte anschauen, dann gibt es viele Bilder bei denen die sexuelle Dimension eine große Rolle spielt.

„Aberglaube spielt eine Rolle, aber auch Frauenhass und die Suche nach einem Sündenbock.“

Zum Beispiel malte Albrecht Dürer nackte Frauen, die als Hexen bezeichnet werden. Es geht dabei auch ganz stark um das Phänomen der Diskriminierung von Frauen, um sie in eine wehrlose Situation zu bringen und Gewalt – auch sexualisierte Gewalt – gegen sie auszuüben. Das ist zumindest für Papua-Neuguinea, so sagt diese Studie, in verschiedenen Provinzen zutreffend. Wir kennen das auch aus der Demokratischen Republik Kongo. In Benin, wo ich auch vor einiger Zeit war, sind die Opfer eher Kleinkinder und Babys. Das ist ein ganz anderes Phänomen. Das Phänomen der Nacktheit spielt bei den sogenannten Hexenprozessen in Papua-Neuguinea eine Rolle. In den meisten Fällen – in nahezu neun von zehn Fällen, die jetzt in diesen Provinzen untersucht wurden – wurden Frauen gewaltsam entkleidet. Und das ist sozusagen erst der Beginn von sexueller Übergriffigkeit und schon sexuelle Gewalt. Das Gemälde „Folterung einer Hexe“ von Ferdinand Piloty zeigt eine Verhörsituation und einen sehr dominanten, muskulösen Mann, der einer wehrlosen Frau gerade die Kleider vom Leibe reißt. Ich habe starke Parallelen dazu gesehen, als wir versucht haben, diese Frau namens Teno in Papua-Neuguinea aus den Fängen der Folterer zu befreien, weil ich auch in der Situation entdecken konnte, dass ihre Kleider zerrissen waren. Man hatte sie auch mit glühenden Buschmessern an den Brüsten verletzt.

Zunahme von Hexenwahn und Gewalt gegen Frauen

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum dieser Hexenwahn und vor allem diese Gewalt gegen Frauen zugenommen hat?

Es gibt Untersuchungen in Papua- Neuguinea, wie hoch der Anteil von häuslicher Gewalt ist. Ungefähr zwei Drittel der Frauen erleben häusliche Gewalt. Ich glaube, dass das schon mal eine erste Voraussetzung ist, dass ein Klima herrscht, in dem es eine hohe Gewaltbereitschaft gibt. Verschiedene Experten, wie Professor Marinda Forsy, die auch an unserer Studie mitgewirkt hat, und auch Schwester Lorena sagen, dieser Umbruch in Papua-Neuguinea ist wesentlich, wo die Menschen von ganz traditionellen Lebensformen jetzt in die Moderne katapultiert wurden mit Handys, mit Internet. Dass sorgt für Verstörung und Umbrüche. Und das wird auch noch mal als Erklärung mit hinzugenommen. Wobei ich als Mann gerne noch mal sagen würde, ja, das kann alles passieren, dass sich Gesellschaften verändern, aber diese sadistischen Taten, das ist ja noch mal eine ganz, ganz andere Dimension und wahrscheinlich ist es so, dass es so ein Grundphänomen gibt, welches immer wieder auftaucht, das Problem von sexueller Gewalt in verschiedenen Ländern und Kulturen, und dass es wahrscheinlich von diesen Tätern immer eine Tendenz gibt, Möglichkeiten zu suchen, Frauen zu Opfern zu machen und ihre Gewalttaten auszuüben. Also von daher ist es missio in Deutschland wichtig, auf dieses Thema auch noch mal ganz speziell unter dem Aspekt, dass hauptsächlich Frauen darunter leiden, aufmerksam zu machen.

Christina Pakuma (hier mit gemeinsam mit Schwester Lorena zu sehen) wurde in ihrem Dorf in Papua-Neuguinea als Hexe verfolgt und an Pfählen festgebunden.
Christina Pakuma (hier mit gemeinsam mit Schwester Lorena zu sehen) wurde in ihrem Dorf in Papua-Neuguinea als Hexe verfolgt und an Pfählen festgebunden. ©Bettina Flitner

Christina überlebte durch eine List


Christina Pakuma wurde in ihrem Dorf in Papua-Neuguinea als Hexe verfolgt und an Pfählen festgebunden. Ihre Augen wurden ihr mit einem blauen Tuch verbunden. Dann stachen Männer mit glühend heißen Macheten auf sie ein. Als Regen aufkam, legten die Folterer eine Pause ein. Sie schleppten Christina in eine Hütte und legten ihren nackten Körper auf kalten Stein. Christina kam eine Idee: Sie schob sich einen Stein zwischen die Beine und rief: „Schnell, kommt her. Die Hexe, sie ist in mir. Befreit mich. Holt sie raus.“ Die Männer betasteten und begrabschten Christinas Körper und fingerten schließlich einen von Lehm und Blut verschmierten Stein hervor. Die Szene rettete Christina das Leben. Sie suchte einige Zeit eine Bleibe, bis sie im „Haus der Hoffnung“ von missio und von Schwester Lorena Jenal einen Platz fand. Dort erlag sie im Juli 2021 einem Krebsleiden.

Kennen Sie noch eine Geschichte einer Frau oder eines Kindes, wo Sie sagen, das hat Sie besonders berührt? 

Bei meiner Reise im Jahr 2017 gab es, wie gesagt, diesen tragischen Fall von Teno. Ich bin auch mit Schwester Lorena zur Polizei gegangen. Wir haben diesen Mord angeklagt, aber wir sind bei der Polizei nicht weitergekommen. Und ich habe dann noch eine Frau namens Christina Pakuma getroffen. Sie hat mich total beeindruckt. Erstens war sie supercool und hat dann ihre Geschichte erzählt, wie sie die Täter ausgetrickst hat. Sie war in der Dorfmitte gefesselt. 600 Dorfbewohner standen herum und sie hat es geschafft, in einem günstigen Moment zu fliehen. Sie hat dann Unterstützung von Schwester Lorena bekommen. missio hat damals gesagt: „Wir rufen jetzt den Internationalen Tag gegen Hexenwahn ins Leben.“ Und als wir mit Schwester Lorena bei Papst Franziskus waren, haben wir diese Geschichte erzählt und hatten das Bild von Christina und Schwester Lorena dabei. Wir haben ihm dieses Foto gezeigt und haben ihm erzählt, wie clever diese Frau ist und dass sie die Folterer überlistet hat. Er hat dieses Bild signiert und ich glaube, Schwester Lorena und Christina sind auch bei Papst Franziskus stark in Erinnerung geblieben. Ich würde behaupten, Christina ist unsterblich geworden, und der 10. August ist jetzt ihr gewidmet.

©missio Aachen

Zur Person


Jörg Nowak ist stellvertretender Pressesprecher von missio Aachen und arbeitet seit vielen Jahren in der Aktion Schutzengel mit.

Autor:
  • Cornelia Grotte
Werbung

Neueste Beiträge

| Politik
Dialog und Mission in unruhiger Zeit

Im Zeitalter der einfachen und schnellen Antworten und des wiedererwachten Lagerdenkens braucht es noch mehr Dialog und Reflexion. Michaela Quast-Neulinger plädiert dabei für Herz und Hirn.

| Heiligenschein
Die Stimme der Indigenen

Wöchentliche Heilige, vorgestellt von Bernadette Spitzer.

| Chronik
Sehenswert

Was war los in Wien und Niederösterreich?