„Christlich ist weder rechts noch links“
Dialog und Mission in unruhiger Zeit
Gegenüber dem SONNTAG beleuchtet Michaela Quast-Neulinger den Zusammenhang von Mission und Dialog und die zunehmende Radikalisierung. Die Innsbrucker Theologin diskutierte am 16. Oktober bei einem Talk im Wiener Figlhaus über: „Welche Mission braucht unsere Gesellschaft?“
Eine Mission für unsere Gesellschaft
Welche Mission braucht gegenwärtig unsere Gesellschaft?
MICHAELA QUAST-NEULINGER: Wir brauchen Dialog und Mission, beides gehört zusammen. Dialog ist die Mission der Kirche, die aufrichtige und aufrichtende Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Das ist es, was uns heute vielleicht am dringendsten fehlt. Im Anderen begegnet mir ein Mensch mit unveräußerlicher Würde, geschaffen und berufen wie ich auch. Wie Gott den Menschen aufrichtet, immer wieder zum Neuanfang einlädt, so sollen auch wir einander aufrichten und einen Neuanfang wagen. Phil Gorski nennt das Prophetische – und damit das universale Eintreten für das Leben aller, aus Verantwortung vor Gott – das wesentliche Merkmal einer mit Demokratie versöhnten, kritischen Religion. Dieses prophetische Moment gilt es zu stärken und in die Gesellschaft missionarisch einzuspielen.
Welche Orientierung das Christentum bietet
Welche Orientierung bietet das Christentum für den Menschen von heute?
Der christliche Glaube ist eine Quelle der begründeten Hoffnung, dass Gott seine Schöpfung nicht aufgibt. Wir leben in einer Zeit der Angst, die auch bewusst geschürt wird von religiösen und politischen Akteuren, die auf Macht und Unterwerfung abzielen. Je mehr Angst, umso mehr Kontrolle. „Fürchtet euch nicht!“, ist der Satz des Auferstandenen. Christlicher Glaube setzt auf die Neugeburt der Welt und hilft uns zu unterscheiden. Welche Kräfte wollen tatsächlich mitarbeiten an einem Leben in Freiheit, Würde, Gerechtigkeit und Frieden für alle? Wer lädt ein zu einem gemeinsamen Handeln aller? Und wer verkündet permanent ein Pseudo-Evangelium („Lügen-Evangelium“) der Feindschaft, der Todesangst, der Vernichtung?.
„Wer verkündet permanent ein Pseudo-Evangelium der Feindschaft?“
Verlust der Stille als Krise
Einfache und schnelle Antworten sind sehr beliebt. Bleibt noch Zeit für die Reflexion?
In seinem Buch über Simone Weil schreibt der Philosoph Byung-Chul Han: „Die Stille ist die Hebamme des Neuen. So führt der Verlust der Stille nicht nur zur Krise der Religion, sondern auch zur Krise des Geistes, das heißt zur Krise des Denkens und des Dichtens.“ Es boomt die laute Event-Religion, das Schreien auf den Bühnen und in den Medien. Jesus zog sich immer wieder zurück vom Lärm der Welt. Er hatte keine einfachen Antworten, sondern er hat die Jüngerinnen und Jünger auf einen Weg eingeladen, mit ihnen diskutiert. „Reflexion“ ist ein großes Wort; es geht einfach darum, einmal innezuhalten, im Garten zu graben, langsam zu essen und zu gehen. Das Gespräch mit Gott und der Welt suchen. Und zu erwarten, was mir in diesem Moment aufgeht und gegeben wird – Offenbarung geschehen lassen.
„Die Stille ist die Hebamme des Neuen."
Philosoph Byung-Chul Han
Mission von Christinnen und Christen
Die Neigung zur Ideologisierung ist allgegenwärtig. Wie gehen Christen mit dieser Versuchung um?
Leider werden viele Christinnen und Christen in Versuchung geführt. Wir haben nicht „die Wahrheit“. Jesus sagt selbst: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Wir vergessen gerne auf Weg und Leben und hören lieber nur „Wahrheit“ und glauben gerne, sie sei unser Besitz. Mission heißt, Zeugnis abzulegen in Gedanken, Worten und Werken, wofür Christus gelebt hat, gestorben und auferstanden ist. Wir sind in der Kirche leider oft sehr naiv und glauben, wo „Christus“ reklamiert wird, ist „christlich“ drin. Wir brauchen dringend wieder den Geist der Unterscheidung, mit Herz und Hirn. Das gilt besonders für die Themenbereiche Familie, Sexualität, Lebensanfang/Lebensende. Lassen wir uns nicht ausspielen zwischen den Extremen. Leisten wir Widerstand gegen die importierten „Culture Wars“ und schauen wir genau hin, wo wir Netzwerke des Guten bauen können, die sensibel sind für die Zerbrechlichkeit, Komplexität und oftmalige Verzweiflung des Lebens.
„Lassen wir uns nicht ausspielen zwischen den Extremen.“
Christlich ist weder rechts noch links noch „woke“
Beliebt scheint auch das wiedererwachte Lager-Denken. Sind hier die Christen als Brückenbauer zwischen diesen oft unversöhnlichen Lagern gefragt?
Christlich ist weder rechts noch links noch „woke“ („aufgewacht“) noch sonst etwas. Christinnen und Christen sollten die Tugend der Liebe pflegen. „Eine Kirche, die der Liebe keine Grenzen setzt, die keine zu bekämpfenden Feinde kennt, sondern nur Männer und Frauen, die es zu lieben gilt, das ist die Kirche, die die Welt heute braucht“, so Leo XIV. in „Dilexi te“. Das heißt, dass ich den Nächsten als Menschen anerkenne, dass ich alles dafür tue, dass Leben möglich ist, und ich klar Widerspruch einlege, wo Lügen, Gewalt, Hass verbreitet werden. Den Menschen lieben, aber die Worte und Werke kritisch betrachten – wie auch mich selbst.
Zur Person
Michaela Quast-Neulinger lehrt Systematische Theologie in Innsbruck.