Freund oder Feind?

Meinung
Ausgabe Nr. 20
  • Meinung
Autor:
Maja Schanovsky (60) ist Missionsleiterin in der Akademie für ­Dialog und Evangelisation.
Maja Schanovsky (60) ist Missionsleiterin in der Akademie für ­Dialog und Evangelisation. ©Privat

Maja Schanovsky (60), Missionsleiterin in der Akademie für ­Dialog und Evangelisation, über die Haltung von Christinnen und Christen zu aktuellen gesellschaftlichen Spannungen.

Am 4. Mai fand im Figlhaus ein „Mission Possible“-Abend mit einer Einführung von Pater Simon de Keukelaere zum Denken des Philosophen und Anthropologen René Girard und einem Impuls von Otto Neubauer mit Gedanken aus dem Buch „Das Herz der Welt“ des Theologen Hans Urs von Balthasar statt. Welche Antworten, welche Haltungen haben wir als Christinnen und Christen in Bezug auf Polarisierung und gesellschaftliche Spannungen? Unter diesem Aspekt diskutierte das Publikum zum Zitat von Charles de Foucauld: „Nichtchristen können Feinde eines Christen sein, ein Christ ist immer ein liebevoller Freund eines jeden Menschen.“

Werbung

Kein Denken in Freund-Feind-Schema

Ich habe niemals im Freund-Feind-Schema gedacht. Ich hätte nie gesagt, dass ich persönlich Feinde hätte, oder dass wir als Christinnen und Christen einer feindlichen Welt gegenüberstehen. Aber eine Einteilung in unterschiedliche Welten, die letztlich Grundlage für ein Lagerdenken ist, ist mir vertraut. Wir leben doch alle in unseren Bubbles, aus denen herauszukommen einer echten Anstrengung bedarf.

Jesus als Freund

Ich habe in meinem Leben sehr konkret erfahren, dass Jesus mir seine Freundschaft anbietet. Und dass dies in gleicher Weise jedem Menschen gilt. Wenn ich Jesus nachfolgen will, bedeutet dies, dass auch ich jedem Menschen meine Freundschaft anbieten darf und soll. Ich habe erkannt, dass es keine verschiedenen Welten gibt. Gott hat eine Welt für alle erschaffen und selbst die mir am fremdesten erscheinenden Realitäten gehören zu „meiner Welt“. 

"Ein menschliches Herz. Ein schutzloses Herz, das zum anderen überläuft.“ 

Ich bin weit davon entfernt, die Begegnung mit Menschen, die konträrer Meinung sind, einfach zu finden. Dialog mit Andersdenkenden fällt mir nicht leicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass das unsere Berufung ist: ein inneres Verständnis für das Denken der anderen aufzubringen. Die Waffen abzulegen, dem anderen schutzlos entgegenzutreten, das Verbindende zu suchen, nicht den Gegensatz. Wie Gott, der laut Hans Urs von Balthasar in Jesus „sein Herz erschuf und es in die Mitte der Welt stellte. Ein menschliches Herz. Ein schutzloses Herz, das zum anderen überläuft.“ Oder wie Thomas Glavinic es in „Das größere Wunder“ sagt: „Liebe ist: den leuchtenden Punkt der Seele des anderen zu erkennen und anzunehmen und in die Arme zu schließen, vielleicht gar über sich selbst hinaus.“ Ich denke, wir sollten diejenigen sein, die die leuchtenden Punkte der anderen solange suchen, bis wir sie gefunden haben. 

Der Kommentar drückt ihre persönliche Meinung aus!

Autor:
  • Maja Schanovsky
Werbung

Neueste Beiträge

| Heiligenschein
Die Krone als ­Namensgeberin

Wöchentliche Heilige, vorgestellt von Bernadette Spitzer.

| Wien und Niederösterreich
Interreligiöser Pavillon

Der interreligiöse Pavillon im ESC-Village am Wiener Rathausplatz ist ein Novum. Hier sollen die Besucher des Events mit verschiedenen Religionen in Berührung kommen.

| Kunst und Kultur
Neu im Kino

Ein gefährlicher Charmeur auf der Anklagebank, ein Psychiater im Zwiespalt und ein Prozess, der Geschichte schrieb: „Nürnberg“ blickt auf die Nachwehen des Zweiten Weltkriegs – spannend, irritierend und mit Fragen, die keine einfachen Antworten zulassen.