Einfach Zeit haben – und das regelmäßig
Ehrenamt im KrankenhausSilvia Vogl, 70 Jahre alt, arbeitete bis 2014 als Krankenschwester im Göttlichen Heiland. Seitdem ist sie ehrenamtlich auf der Palliativstation tätig. „Nachdem ich hauptberuflich die Station schon seit vielen Jahren kannte, war es mein Bedürfnis, in der Pension auch für die Patienten weiter da zu sein“, erzählt sie. „Es ist einfach sehr bereichernd, man bekommt so viel zurück von den Patienten. Man kriegt mehr zurück, als man, so glaube ich, geben kann.“ Vogl spürt dieses Vertrauen seitens der Patienten. „Oft erfahre ich mehr als die Angehörigen“, sagt sie. „Wenn der Kontakt passt, dann ist das so wunderbar. Da kommen so tiefe Gespräche. Wenn Patienten von ihrer Jugend erzählen, aber auch von dem, was sie im Leben versäumt haben oder was sie hätten besser machen wollen oder können. Wir sprechen über Ängste, aber auch über schöne Erfahrungen.“
Ehrenamtliche bei Jüngeren auf der Palliativstation
„Sehr schwer ist es, wenn jüngere Patienten bei uns auf der Palliativstation sind. Wenn noch Kinder da sind oder auch die Mutter, der Vater noch leben und die dann sagen: Mein Gott, die Tochter oder der Sohn muss gehen und ich bin schon so alt und ich darf noch da sein. Das ist sehr belastend“, betont Vogl. Oft haben Patienten Angst, weil sie nicht wissen, wie es auf einer Palliativstation ist. „Oft werden die aus dem Leben gerissen, sie hören plötzlich die Diagnose Krebs und sind nicht darauf vorbereitet. Und wenn man dann merkt, dass sie Vertrauen haben, dass sie sich wohlfühlen, natürlich den Umständen entsprechend, dann ist das berührend.“ Wie etwa die Geschichte jener älteren Dame, die Furchtbares im Krieg erlebt hat, die nie geschätzt wurde in ihrem Leben. Hier hat sie Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen. „Und dann sagte sie mir, dass das die schönste Zeit ihres Lebens hier bei uns war. Obwohl sie wusste, dass sie sterben wird“, betont Vogl: „Da bemerkt man, dass man etwas richtig oder gut gemacht hat.“
Ist der Dienst auf einer Palliativstation besonders schwer?
Ob dieser Dienst auf einer Palliativstation nicht besonders schwer ist? „Nein, eigentlich nicht. Die eigene Einstellung zum Tod macht sehr viel aus“, unterstreicht die langjährige Krankenschwester: „Ich hatte selbst eine Krebserkrankung und kämpfe immer noch ein bisschen damit. Nachdem ich mit einem Herzfehler zur Welt gekommen bin, war mir die Endlichkeit meines Lebens schon in sehr jungen Jahren bewusst. Und diese Einstellung hilft mir, sodass ich sage: Leben und Sterben sind miteinander verbunden.“ Ihr Fazit: „Wenn man zur Welt kommt, ist die Zeit begrenzt auf Erden, die man geschenkt bekommt. Ich sage, man soll sie so gut wie möglich nützen. Dass man am Schluss sagen kann: Ich glaube, ich habe mein Bestes gegeben oder: Ich hoffe, ich habe es gut gemacht und konnte auch für andere da sein.“
Ehrenamtliche in der Geburten- oder Hospizabteilung
Für Silvia Vogl sind immer nur zwei Abteilungen in Frage gekommen, wo sie als Krankenschwester tätig sein wollte. „Das wäre die Geburtsabteilung gewesen oder eben die Hospiz- und Palliativbegleitung. Das ist so konträr. Da ist das Leben des jungen Menschen und da ist der bevorstehende Tod“, erzählt sie: „Ich sagte mir: Da ist nicht viel Unterschied. Man wird geboren und kommt doch in ein ungewisses Leben. Und wenn man stirbt, an die Schwelle des Todes kommt, weiß man auch nicht, wohin man geht und wie das aussehen wird. Also: Entweder begleite ich jemanden ins Leben oder ich begleite ihn zum Abschied an die Schwelle des Todes.“
Selbst zwei Mal schwer erkrankt
Ulrike Kreiner-Ledl, 59 Jahre alt, hauptberuflich im Landwirtschaftsministerium als Ministerialrätin im internationalen Bereich tätig, kommt immer am Montagnachmittag ins Krankenhaus. Ihr ehrenamtliches Engagement hat viel mit ihrer Lebensgeschichte zu tun. „Ich war, als ich ganz jung war, eigentlich unheilbar krank. Ich hatte eine schwere Diagnose, man sagte mir: Erstens überlebst du es nicht und zweitens kannst du auch keine Kinder kriegen. Ich habe das damals überlebt. Ich habe zwei gesunde, erwachsene Söhne und habe ein super Leben.“ Jahre später, 2016, wurde bei ihr ein Lymphom – eine Erkrankung des Lymphsystems – diagnostiziert. Der Befund lautete: Krebs. „Und dann, wie ein Wunder. Zwei Wochen später war der genaue histologische Befund gutartig. Daraufhin habe ich mir gedacht: Jetzt möchte ich gern was zurückgeben, weil ich immer noch so leben darf und so gut leben darf, und ich habe mir gedacht, eigentlich passt das sehr gut zu mir, wenn ich in die Seelsorge gehe“, erzählt Kreiner-Ledl. Sie machte dafür die notwendige Ausbildung, den „Lehrgang für ehrenamtliche Krankenhaus- und Pflegeheimseelsorge“ der Erzdiözese Wien, und besuchte dazu auch den „Theologischen Kurs“, um im Glauben auskunftsfähig zu werden.
„Man bekommt da so viel zurück“
Ihr macht Freude, wenn Kreiner-Ledl auf den Stationen bemerkt, „dass die Patienten einen gerne sehen und dass sie sich gerne mit einem austauschen“. Sie ist oft bei Patientinnen und Patienten, die über drei Wochen und länger im Krankenhaus sind. „Ich sehe sie dann mehrmals und dann hat man schon eine Verbindung“, betont sie. „Es macht mich glücklich, wenn die Patienten sagen: Ja, das Gespräch hat mir jetzt gutgetan. Weil ich dann sehe, dass sie sich irgendwie gestärkt fühlen.“ Diese Begegnungen von Mensch zu Mensch wirken fast kleine Wunder. Kreiner-Ledl: „Ich denke mir oft: Eigentlich will ich helfen oder hilfreich sein und dann bekomme ich oft so viel zurück.“ In all der Hektik eines Krankenhauses und in all der professionellen Betreuung und Begleitung gibt das Ehrenamt auch Kraft. „Ich habe so weise Patientinnen und Patienten oder auch solche, die so dankbar sind in ihrem Leben, die am Ende des Weges sind und nichts mehr tun als im Bett zu liegen“, erzählt sie. Wenn Kreiner-Ledl dann abends vom Seelsorgedienst nach Hause geht, ist sie „eigentlich wieder so glücklich im Leben und so geerdet – und auch so sehr dankbar dafür.“
Ehrenamtsarbeit ist ein Plus
Gedanken von Barbara Lehner, Göttlicher Heiland:
„Die Arbeit der Freiwilligen hatte immer schon und hat immer mehr einen ganz besonders hohen Stellenwert“, sagt Barbara Lehner, Leiterin des Wertemanagements und der Seelsorge im Krankenhaus Göttlicher Heiland (Wien 17). Der Grund, so Lehner: „Ehrenamtsarbeit ist bei uns ein Plus, das vor allem den Patienten und Patientinnen zugutekommt, weil die Ehrenamtlichen das haben, was viele Hauptamtliche wenig haben, nämlich Zeit.“ Zeit zum Zuhören, zum Nachfragen, zum Begleiten, auch um sich eine Geschichte, durchaus manchmal auch eine Lebensbeichte anzuhören und respektvoll und wertschätzend auch nachzufragen.
„Wir sind sehr dankbar, wir haben etwa 45 Ehrenamtliche bei uns im Haus, die in drei Bereichen tätig sind“, zählt Lehner auf: „Das ist einmal der Besuchsdienst, der vor allem im Bereich der Akutgeriatrie tätig ist. Da sind Patienten länger da. Im zweiten Bereich sind Ehrenamtliche seit über 30 Jahren auf der Palliativstation tätig. Und der dritte Bereich sind Ehrenamtliche in der Seelsorge, hier auch schon über 20 Jahre in der Begleitung von Patienten und Patientinnen.“
Lehners Resümee: „Wir sind der Meinung, dass es eine gute Sterbekultur nicht nur auf einer Palliativstation geben sollte, sondern dass das auch im ganzen Haus etwas Wertvolles und Wichtiges ist – in unserer gesamten Gesellschaft. Wenn wir uns mit der Gewissheit des Todes auseinandersetzen, können wir bewusst unser Leben gestalten, dann leben wir zwar mit der Grenze, aber das Leben innerhalb der Grenze ist einfach gestaltbar. Ehrenamtliche erinnern uns daran, darüber nachzudenken: Was möchte ich im Leben, was ist mir wirklich wichtig, wo möchte ich meine Zeit investieren?“