Der Heilige Geist macht Müde munter
Pfingsten in der ApostelgeschichteWas war damals passiert? Die Jünger und Jüngerinnen Jesu waren in Jerusalem versammelt, sie hatten weder ausgetüftelte Missionsstrategien noch kluge Pastoralpläne, aber sie beteten um das Kommen des von Jesus verheißenen Heiligen Geistes. Und dann geschah laut Apostelgeschichte (Kapitel 2) Folgendes: „Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“
Pfingsten und der Heilige Geist: Mehr als das Sprachenwunder
Es ist allerdings irritierend, dass das sogenannte Pfingstereignis am Pfingstsonntag selbst nur verkürzt im Gottesdienst der Kirche vorgetragen wird. Denn die Verse 1 bis 11 aus dem zweiten Kapitel der Apostelgeschichte handeln nur vom pfingstlichen Sprachenwunder. Die Jüngerinnen und Jünger werden befähigt, „in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“. Das pfingstliche Sprachenwunder ist der Gegensatz zum Modell von Babel: Während in Babel laut Genesis (Kapitel 11, Verse 1 bis 9) nur noch an eine Sprache für alle gedacht war, sprechen die Apostel in allen Sprachen. Am Ende des Turmbaus zu Babel steht die Sprachenverwirrung, zu Pfingsten findet sich hingegen das Sprachenwunder.
Pfingsten: „Etwa 3.000“ ließen sich taufen
Dass in der Apostelgeschichte unmittelbar darauf (Kapitel 2, Verse 14 bis 41) die erste große Missionspredigt des Petrus folgt, hören die Gottesdienstmitfeiernden am Pfingstsonntag nicht (mehr). Und auch nicht, dass sich daraufhin „etwa 3.000“ Menschen taufen ließen, wie Lukas schreibt. Pfingsten also als eine Art Tauftag. Vers 42 schließlich fasst das Leben der Urkirche in einem „Summarium“ zusammen, eine Art Spiegel auch für uns heute: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.“
Wirken des Heiligen Geistes in Sturm und Feuerzungen
Viele vermissen heute Feuer und Flamme, das Wirken des Heiligen Geistes in Sturm und Feuerzungen. Mancherorts ist fast Karsamstagstimmung angesagt, denn der Glaube verdunstet und die Zahlen werden nicht besser. „Wir müssen die Botschaft von Pfingsten neu ernst nehmen und auf die Wirklichkeit und Wirksamkeit des Heiligen Geistes bauen“, sagte Kardinal Walter Kasper in einer seiner Predigten: „Wir brauchen also eine geistliche Erneuerung.“ Nicht in erster Linie äußere und strukturelle Reformen, sondern Erneuerung von innen. Auch Gottesfreundschaft genannt: Freude am Gebet, am Lesen der Heiligen Schrift, an der Mitfeier des Gottesdienstes und der Sakramente. „Die Beter sind das Herz der Kirche“, ist Kasper überzeugt. Denn auch in der Gegenwart gibt es vielfältige geistliche Aufbrüche. Und man müsse auch bereit sein, im Glauben „immer wieder umzudenken und neu zu denken“, so Kasper. Der Heilige Geist bringe kein neues und kein anderes Evangelium, kein neues Christentum, er erinnere an Jesu Botschaft, und er erschließe auch die ewige Neuheit der Botschaft Jesu. Die noch lange nicht ausgeschöpft ist.
Weder Unruhestifter noch Aufrührer
Der Heilige Geist ist kein Unruhestifter, kein Aufrührer, aber er macht müde Christinnen und Christen munter. Gott sei Dank gab und gibt es auch immer wieder eine Art explosive Geistesgegenwart in der Kirchengeschichte, Geisterfahrungen genannt. Bis heute. Der Heilige Geist muss also nicht „der große Unbekannte“ bleiben, wie manche spöttisch meinen. In der Apostelgeschichte, dem ersten Werk der Kirchengeschichte des frühen Christentums, spielt wie auch im Evangelium des Lukas der Heilige Geist eine hervorragende Rolle. Sein Wirken gilt es immer wieder neu zu entdecken – nicht nur, aber auch zu Pfingsten.