„Der Heilige Geist – ein Unruhefaktor“
Frischer Wind für das Christentum
Zu Pfingsten hat der Heilige Geist innerkirchlich sozusagen „Hochsaison“. Das übrige Jahr hindurch könnte man hingegen fast versucht sein, hierzulande von einer Geistvergessenheit der christlichen Kirchen zu sprechen. Gegenüber dem SONNTAG erläutert Universitätsprofessor Jörg Lauster, er lehrt Dogmatik, Religionsphilosophie und Ökumene an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München, die ungebrochene Strahlkraft des Heiligen Geistes, der als eine Art „frischer Wind“ immer wieder in der Geschichte des Christentums für Überraschungen und Erneuerung gesorgt hat – und auch bis heute sorgt.
Über das "Rauschen" der Welt
Wie können wir Menschen in dem „Rauschen“ der Welt ahnen, dass mit dieser Welt „etwas gewollt und gemeint ist“, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?
JÖRG LAUSTER: Das „Rauschen der Welt“ sind die Spuren, dass die Welt eine Herkunft jenseits ihrer selbst hat, einen Grund, der sie trägt und auch führt. „Etwas gewollt und gemeint“, das heißt, wir sind Teil eines größeren Ganzen, das es gut mit uns meint.
Das Christentum hat die Geistesgegenwart ganz auf die Person Jesus Christus konzentriert. Warum?
In Christus ist dieses Rauschen am lautesten, in ihm erkennen wir das Gesicht des Weltgrundes, das es gut mit uns meint.
„Der Heilige Geist ist der Motor, der die Geschichte des Christentums antreibt.“
Heiliger Geist als Vermittlung der Gegenwart Christi
Das Christentum hat die Geistesgegenwart ganz auf die Person Jesus Christus konzentriert. Warum?
In Christus ist dieses Rauschen am lautesten, in ihm erkennen wir das Gesicht des Weltgrundes, das es gut mit uns meint.
Sprechen wir deshalb von „Spiritualität“ und nicht von „Christualität“?
Die Gegenwart Christi können wir nie direkt, sondern immer nur vermittelt über den Geist erfassen, darum Spiritualität.
Der Heilige Geist als Motor
Inwiefern erzählen Sie ein Stück weit auch die Geschichte des Christentums als eine „Geschichte der Wirkungen des Geistes Christi“?
Der Heilige Geist ist der Motor, der die Geschichte des Christentums antreibt und bewegt, in ihm wird die göttliche Gegenwart, auf die sich das Christentum beruft, sichtbar.
Wie zeigt sich der Geist in Menschen und wie zeigt er sich in der Geschichte?
Die Kraft des Geistes inspiriert Menschen. Glaube, Liebe und Hoffnung sind die berühmtesten „Früchte“ des Geistes, er zeigt sich aber auch überall dort, wo Menschen über sich hinaus auf das Gute hin ausgerichtet werden. Mit dieser Kraft lässt er immer wieder Personen auftreten, die in der Geschichte überraschend und verwandelnd wirken. Der Philosoph Hegel (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1770–1831, einer der wirkmächtigsten deutschen Philosophen) wählte dafür die uns heute kurios anmutende Bezeichnung „Geschäftsführer des Weltgeistes“.
Lehrbücher zum Heiligen Geist
Warum haben Sie kein dogmatisches Lehrbuch über den Heiligen Geist, sondern, wie Sie es nennen, eine „historische Kulturpneumatologie“ geschrieben? Also keine „Pneumatologie“ als systematisches Nachdenken über den Geist („Pneuma“)?
Dogmatische Lehrbücher zum Heiligen Geist gibt es viele, einige davon sind auch sehr gut. Eine Kulturpneumatologie gab es noch nicht.
Bei einem Gang durch die Geschichte des Geistes taucht immer wieder die Gefahr der Selbstüberhebung bis hin zum Fanatismus auf – bis heute. Warum?
Menschen neigen dazu, die Kraft des Geistes sich selbst zuzusprechen und vergessen dadurch, dass mit dem Geist in ihnen etwas wirkt, das größer ist als sie selbst.
Die Protestbewegungen des Heiligen Geistes
Weshalb sind die Protestbewegungen des Geistes, die es immer gab, auch lehrreich?
In ihnen ist meist immer auch ein Fünkchen Wahrheit zu finden, das die etablierten Kirchen vor Erstarrung und Geistvergessenheit bewahren kann.
Warum war die Kehrseite der Berufung auf den Geist oft auch ein Grund für Spaltung(en)? Ist der Geist auch ein Unruhefaktor?
Gewiss ist der Geist, der biblisch oft mit dem Wind und dem Sturm verglichen wird, ein Unruhefaktor. Es ist für Menschen mit ihren begrenzten Möglichkeiten nicht immer leicht zu unterscheiden, was menschlicher und was göttlicher Geist ist.
Sie verweisen in Ihrem Buch oft auf Augustinus. Welche Bedeutung hat die Vision in Ostia nahe Rom, die Augustinus und seine Mutter Monica „erlebten“?
Sie ist eine der großartigsten Schilderungen einer Geisterfahrung. Das Über-die-Welt-Hinausgehoben-Werden ist die Geburtsstunde der abendländischen Mystik.
Warum hat der Heilige Geist „nie frischere Luft geatmet als in der Renaissance und in der Romantik“?
Die Renaissance und die Romantik haben je den Mut gehabt, zuzulassen, dass der Geist Vorhandenes auch sprengen kann.
„In den Protestbewegungen ist meist auch ein Fünkchen Wahrheit zu finden.“
Frische Luft für den Heiligen Geist
Warum hat der Heilige Geist „nie frischere Luft geatmet als in der Renaissance und in der Romantik“?
Die Renaissance und die Romantik haben je den Mut gehabt, zuzulassen, dass der Geist Vorhandenes auch sprengen kann.
Sie erklären auch das schwierige Jesus-Wort von der „Sünde wider den Heiligen Geist“ (Matthäusevangelium, Kapitel 12,
Verse 31–32). Was ist damit gemeint?
Wider den Heiligen Geist sündigt, wer nicht mehr damit rechnet, dass er wirken kann, sei es zum Trost, sei es zur Verwandlung. In dieser Form der radikalen Verzweiflung setzt sich der Mensch eigenmächtig über die Hoffnung.
Warum kehren die außergewöhnlichen und ergreifenden Erlebnisse der Geistesgegenwart des frühen Christentums seit gut 100 Jahren im Pfingstchristentum wieder?
Das Pfingstchristentum ist ein interessanter Ansatz, die frühchristliche Geistbegeisterung wiederzubeleben. Skeptisch muss einen daran stimmen, dass wir das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen können. Anerkennen muss man, dass in dem Universum des Pfingstchristentums, dem heute in etwa eine halbe Milliarde Menschen angehört, auch viel Gutes gewirkt wird.
Zur Person
Dr. Jörg Lauster ist Lehrstuhlinhaber für den Lehrstuhl für Dogmatik, Religionsphilosophie und Ökumene an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Biographie des heiligen Geistes
In seiner „Biographie“ über den Heiligen Geist nennt der evangelische Theologe Jörg Lauster vier Stadien, die die Vielfalt der Wirkungen des Geistes zeigen. So ist erstens der Vergleich des Geistes mit dem Wind in der Schöpfungsgeschichte der Genesis „eines der stärksten und folgenreichsten Bilder des Alten Testaments“; das Christentum hat die Geistesgegenwart „ganz auf die Person Jesus Christus konzentriert“. Dann wird zweitens im Laufe der Christentumsgeschichte der Geist „zum Gegenstand persönlicher Erfahrung“, am intensivsten bei den mittelalterlichen Mystikerinnen und Mystikern. Drittens schreibt der Geist Geschichte, auch in Form von Utopien, mit der Hoffnung auf Frieden und mit dem Traum vom Fortschritt inklusive der Desillusionierungen des 20. Jahrhunderts. Viertens nennt Lauster die universale Dimension. In den Geisterfahrungen des Menschen erhebt sich eine Stimme, „die das Universum durchwaltet“. Dieses anregende Buch sei all jenen empfohlen, die sich für die Geistesgeschichte des Abendlandes interessieren.
Termintipp
Universitätsprofessor Jörg Lauster spricht am 25. März bei den „Theologischen Kursen“ von 16:00 bis 17:30 Uhr zum Thema „Geronnene Lava. Was hat das Christentum der Welt gebracht?“ und von 18:00 bis 19:30 Uhr zum Thema „Der Heilige Geist. Eine Biographie“.