„Das dritte Vatikanum sehe ich nicht am Horizont“
Konziliengeschichtsforschung
Zusätzlich zu den großen 21 ökumenischen Konzilien gab es „eine Fülle von bedeutenden lokalkirchlichen Synoden – vom Beginn des Christentums bis in die neueste Zeit“, sagt der Wiener Kirchenhistoriker Thomas Prügl: „Man darf – ohne zu übertreiben – sagen, dass die wichtigen Ereignisse der Kirchengeschichte auf diesen kleineren Partikularkonzilien stattgefunden haben. Die großen Konzilien sind wie Eisberge, deren Spitzen herausragen. Aber die großen Zusammenhänge, derer sich die Kirchen in den Ortskirchen immer besinnen, die fanden auf den Partikularsynoden statt.“ Prügl: „Bevor beispielsweise 325 das Konzil von Nizäa, das wir heute als erstes ökumenisches Konzil feiern, zusammentrat, gab es eine Fülle von Synoden im christlichen Osten, die wichtige Angelegenheiten geregelt haben, weil es die Institution des Reichskonzils noch nicht gab. Da wurden wichtige dogmatische Themen behandelt, etwa in Antiochien, wo es Beschlüsse zu trinitarischen Fragen gab. Im zweiten Jahrhundert setzten sich Synoden mit dem Osterdatum auseinander, weil man eine abweichende Praxis in Ost und West festgestellt hatte.“
Konzil 1858: das Provinzialkonzil in Wien
Viele betonen, dass Synoden zum Wesen der Kirche gehören. „Ich gehe nicht so weit, zu sagen, dass der Herr Jesus Christus, der die Kirche gestiftet hat, gesagt hat: Ihr müsst regelmäßig Synoden feiern. Aber schon die Apostel in der Apostelgeschichte haben sich regelmäßig beraten und Entscheidungen getroffen. Diese wurden niemals sozusagen im Hinterzimmer ausverhandelt, sondern das geschah kollegial und mit Versammlungen, die auch später als solche dargestellt worden sind. Was auf dem Wiener Provinzialkonzil von 1858 behandelt oder gar beschlossen wurde? „Das 19. Jahrhundert wird in der Kirchengeschichte gerne als das Jahrhundert des Ultramontanismus verstanden. Also als eine Haltung der katholischen Kirche, die sich gegenüber dem liberalen, modernen Staat abgrenzt, zur Wehr setzt und diese Behauptung des ursprünglich Katholischen hat man letztlich dem Papst und der Autorität des Papstes anvertraut und man schart sich hinter dem Papst“, betont Prügl.
„Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in vielen Ländern Provinzialkonzilien gefeiert.“
„Faktum ist, dass um die Mitte des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern wieder nach einer langen Zeit der Pause Provinzialkonzilien gefeiert worden sind. Der Anlass dafür war die Revolution von 1848.“ Dazu kam, dass das Konzil von Trient (1545–1563) den Bischöfen aufgetragen hatte, regelmäßig in jeder Diözese Diözesansynoden und in jeder Kirchenprovinz Provinzialkonzilien zu feiern. „In Wien kam hinzu, dass 1855 ein Konkordat abgeschlossen worden ist zwischen dem Kaiserreich Österreich und dem Apostolischen Stuhl“, erläutert Prügl: „Der damalige Fürsterzbischof von Wien, Kardinal Joseph Othmar von Rauscher, hat dieses Konkordat zum Anlass genommen, um die neue Rolle der Kirche, die Freiheiten, die sich durch diese Regelungen des Konkordats ergeben haben, innerkirchlich zu sanktionieren.“ Das Wiener Diözesankonzil von 1858 habe eine Reihe von Beschlüssen getroffen, „im Wortlaut gehen sie weithin auf Kardinal Rauscher zurück“, sagt Prügl. Einen großen Teil nehmen etwa Bestimmungen zum Eherecht ein, weil durch das Konkordat von 1855 geregelt worden ist, dass auch die weltlichen Eheangelegenheiten im Sinne des kanonischen Rechts, also der katholischen Kirche, geführt werden dürfen. „Sehr zum Leidwesen und zum Unwillen der liberalen, nicht katholischen Bevölkerung“, wie Prügl weiß: „Daneben sind Bestimmungen getroffen worden zur regelmäßigen Abhaltung von Synoden, zum Sakramentenempfang, wie der Klerus leben und sich kleiden oder wie man den Sonntag feiern soll.“
Ob ein drittes Vatikanisches Konzil notwendig ist?
Ob ein drittes Vatikanisches Konzil notwendig ist? „Das dritte Vatikanum sehe ich nicht am Horizont“, sagt Prügl: „Weil die Erwartungen, die mit dem dritten Vatikanum verbunden sind, sehr stark von einer modernen europäischen Kirche getragen sind und in vielen anderen Teilen der Welt als nicht so dringend gesehen werden. Umgekehrt nehmen wir Europäer in unserer Kirchenkrise nicht wahr, was die Realität der Kirche etwa in afrikanischen Ländern ist oder welche die Probleme der Kirche in südamerikanischen Ländern sind.“ Das Zweite Vatikanische Konzil habe „theologisch so viel mitgegeben, dass die Kirche in der Aneignung desselben noch sehr gut beschäftigt ist und davon noch sehr stark zehren könnte“. Es brauche also nach wie vor „eine intensive Beschäftigung mit den Texten des Vatikanum II“, betont der Kirchenhistoriker.