„Ein Zankapfel zwischen Ost und West“
111. Gedenktag des Genozids in ArmenienPater Vahan Hovagimian zeigt auf das Modell einer runden Kirche, welche im Jahr 691 in Armenien erbaut wurde. „Das ist jetzt eine Ruine, da es so viele Erdbeben und Invasionen gab“, erzählt er bei einer Führung durch das Klostermuseum der Mechitaristen. Armenien sei „ein Zankapfel zwischen Ost und West“, so Pater Vahan Hovagimian. „Jeder, der zum Meer wollte, musste durch Armenien.“ Aufgrund der vielen Konflikte im Heimatland ist die armenische Diaspora heute auf die ganze Welt verteilt.
Armenien: 6.000 bis 7.000 Armenier in Österreich
Laut der armenischen Botschaft schwankt die Zahl der in Österreich lebenden Armenier zwischen 6.000 und 7.000 Personen. Die überwiegende Mehrheit davon lebt in Wien und Umgebung. Eine kleine Anzahl von Armeniern wohnt in Graz, Salzburg, Linz, Klagenfurt und Innsbruck.
Zwei armenische Kirchen in Wien
In Wien gibt es zwei armenische Kirchen: Die Armenisch-Apostolische Kirche in Österreich untersteht dem Katholikat von St. Etchmiadzin (St. Etschmiadsin) und zählt gemeinsam mit der Koptischen, Syrischen und Äthiopischen Kirche zu den altorientalischen Kirchen. Das Oberhaupt der Armenisch-Apostolischen Kirche ist Karekin II., Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier. Neben den armenisch-apostolischen Gläubigen gibt es in Österreich auch rund 500 Gläubige, die der Armenisch-Katholischen Kirche angehören. Diese ist mit Rom uniert – das heißt, sie erkennt den Papst in Rom als Oberhaupt an.
Von Armenien nach Wien
Die armenisch-katholischen Gläubigen haben eine kleine Kirchengemeinde in Wien und sind eng mit dem Mechitaristenorden verbunden. Die armenisch-katholische Pfarrgemeinde in Wien umfasst rund 300 bis 400 Familien. Der Orden ist in Österreich mit einer Niederlassung in Wien-Neubau vertreten. Die im Kloster bei der Mechitaristenkirche „Maria Schutz“ lebenden Priester betreuen die armenisch-katholische Gemeinde, zudem ist der Orden auch als wichtiger Förderer des Studiums und der Kenntnis orientalischer Sprachen bekannt. Seine Wiener Niederlassung gilt als ein bedeutendes Zentrum armenischer Kultur in Mitteleuropa.
Der Unterschied zwischen den armenischen Kirchen
Der Unterschied: Die Armenisch-Apostolische Kirche ist die autokephale (selbstverwaltende) Mutterkirche und orthodox, während die Armenisch-Katholische Kirche eine eigenständige unierte Kirche innerhalb der römisch-katholischen Hierarchie ist. Die Armenisch-Katholische Kirche behält dabei aber die armenischen Riten und Traditionen bei.
Die Geschichte der Armenier in Wien
Die Geschichte der Armenier in Wien beginnt im 17. Jahrhundert. Damals waren es vor allem Kaufleute aus Armenien, die in die Donaumetropole kamen. Einige Armenier bekleideten aber auch Posten am k.u.k. Hof, wie Hofdolmetscher oder Hofkaplan. Zur Zeit der 2. Türkenbelagerung Wiens (1683) bildeten mehrere armenische Familien eine kleine Gemeinde in Wien.
Auch die frühesten Kaffeesieder in Wien waren Armenier: Einer davon war Johannes Diodato (Hovhannes Asvadsadourian aus Konstantinopel), der als erster Kaffeesieder in Wien – er erhielt am 17. Januar 1685 das Verkaufsrecht für orientalische Getränke wie Kaffee, Tee und Scherbet – sein Geschäft eröffnete.
Das älteste christliche Staatsvolk
Die Armenier behaupten von sich, das älteste christliche Staatsvolk der Welt zu sein. 301 erhob der armenische König Trdat III. das Christentum zur Staatsreligion. Ein besonderes Ereignis im Jahr 1811 könnte viele Armenierinnen und Armenier nach Wien gebracht haben: Damals übersiedelte die Mechitaristen-Kongregation in die Reichshauptstadt. „Die Kontinuität des christlichen Glaubens ist durch den Bruch während des Kommunismus in Armenien nicht immer gegeben. Aber verbunden mit Familie und Tradition hat der christliche Glaube noch heute Bestand“, so Pater Vahan Hovagimian. Er lebt mit drei weiteren Geistlichen im Mechitaristen-Kloster in Wien-Neubau. Geboren ist der Mönch im syrischen Qamischli. Als seine Eltern in den 1960er-Jahren nach Armenien wollten, endete ihre Reise im Libanon, wo Pater Vahan Hovagimian die Schule der Mechitaristen besuchte. Mit 13 Jahren kam er als Seminarist nach Wien. Er weiß gut über die Geschichte der Mechitaristen Bescheid und führt Interessierte gerne durch das Kloster und das Museum.
Die Gründung der Mechitaristen in Armenien
Die Mechitaristen wurden 1701 von Mechitar von Sebaste (* 7. Februar 1676 Sebaste, † 27. April 1749 San Lazzaro) in Konstantinopel gegründet. Der Orden erhielt 1711 die päpstliche Bestätigung und nahm 1713 die Benediktinerregel an. Der Sitz der Kongregation befand sich von 1703 bis 1714 in Modon und ab 1717 in Venedig. Der Orden spaltete sich im Jahr 1773, was den Austritt mehrerer Mitglieder zur Folge hatte. Diese ließen sich in Triest nieder. 1775 gewährte Kaiserin Maria Theresia den Mönchen das Recht, sich in den Gebieten der Habsburger-Monarchie niederzulassen. Als französische Truppen 1805 Triest besetzten, gerieten die dort ansässigen Mechitaristen als Untertanen des Habsburgerreiches finanziell unter Druck, weshalb sie im Dezember 1810 Triest verlassen und im kaiserlichen Wien um Asyl ansuchen mussten. Die Kongregation übersiedelte dann 1811 nach Wien. Das gerade aufgelassene Kapuzinerkloster „Am Platzl“ in der Vorstadt Sankt Ulrich (7, Mechitaristengasse 2, Neustiftgasse 4; Kauf 1814) wurde zur neuen Heimat der Mechitaristen.
Die Mechitaristen in Wien
1837 begann der Neubau des Wiener Klosters, 1871 der Neubau der Mechitaristenkirche. Das Kloster der Mechitaristen wurde nach Plänen des bekannten österreichischen Architekten Joseph Kornhäusl umgebaut; im Jahr 1874 kamen zwei Quertrakte hinzu. Von größter Bedeutung ist die von den Mechitaristen betriebene Druckerei, welche 1811 gegründet wurde und Bücher und Zeitschriften nicht nur in armenischer Sprache, sondern auch in rund 50 anderen orientalischen Sprachen druckt. Der Orden fördert auch heute noch das Studium orientalischer Sprachen. Die Bibliothek im Mechitaristen-Kloster bietet einen Einblick in die Geschichte Armeniens, des Osmanischen Reiches und der Habsburger Monarchie. Sie enthält eine unschätzbare Sammlung von über 2.600 armenischen Manuskripten, 150.000 Büchern und der weltweit größten Sammlung armenischer Zeitungen und Zeitschriften.
Im Jahr 2000, anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Gründung und nach 227-jähriger Trennung, vereinigten sich die Mechitaristen von Wien und Venedig wieder zu einem einzigen Orden. Architektonisch sind sowohl das Gebäude des Klosters – welches nach Plänen des bekannten Architekten Joseph Kornhäusel errichtet wurde – wie auch die Innenausstattung interessant. Von den zahlreichen Kunstwerken sei der Seitenaltar des heiligen Gregors des Erleuchters herausgegriffen, ein Entwurf von Theophil von Hansen, dem Architekten des Österreichischen Parlaments in Wien. Die gesamte Kirche Maria Schutz wurde zuletzt 2011 restauriert. In dem Jahr wurde auch das Jubiläum „200 Jahre Mechitaristen in Wien“ gefeiert. 2026 feiert das Kloster sein 215-jähriges Bestehen in Wien.
Ausstellung von armenischer Kultur
Im Kloster gibt es einiges zu sehen: Neben einem Museum, in dem unter anderem mit Goldfäden bestickte Kirchengewänder, Monstranzen und Kelche ausgestellt sind, beherbergt das Kloster auch eine Ausstellung zur armenischen Kultur und eine Sammlung armenischer Teppiche.
Kräuterlikör „Mechitharine“
Eine weitere Besonderheit im Mechitaristenkloster ist der sogenannte „Mechitharine“, ein von den Mönchen selbst gebrauter Kräuterlikör. Das ursprüngliche Likörrezept stammt aus dem 17. Jahrhundert. Das Rezept soll Ordensgründer Mechitar damals selbst von Konstantinopel nach Venedig gebracht haben. 2017 wäre es aber fast in Vergessenheit geraten, denn nur zwei Mönche kannten noch das Rezept. Als der eine verstarb, hütete der andere es allein. Er konnte das Likörrezept allerdings keinem anderen Pater mehr anvertrauen, bevor er 2017 an Demenz erkrankte.
Im Sommer 2020 konnten die verbliebenen Mönche des Klosters das Originalrezept der „Mechitharine“ rekonstruieren. Seitdem gibt es den Kräuterlikör dort wieder zu kaufen. Wie es in Zukunft mit dem Kloster, der Bibliothek und dem Museum ohne Mönche weitergeht, ist ungewiss. „Das Nachwuchsproblem ist so groß bei uns, dass es uns beinahe unmöglich ist, alle Aufgaben zu erfüllen“, sagt Pater Vahan Hovagimian zum Schluss. „Besser wäre es, diese Frage mit einem Schlückchen Likör an einem anderen Tag zu überdenken“, scherzt der Mönch.
Führungen durch das Kloster
Führungen sind auf Anfrage von Montag bis Freitag von 11:00 bis 17:00 Uhr (Pause von 12:30 bis 15:30 Uhr) möglich.
- Voranmeldung unter: mechitaristen.wien@gmail.com
- oder vahanhov58@hotmail.com oder telefonisch unter: +43 (0) 1 523 64 17 DW 112
Termintipp
Infos zu Gedenkveranstaltungen:
24. April 2026 – JAZZ IM DOM
- Wann: 20:30 Uhr
- Adresse: Stephansdom, Stephansplatz 3, 1010 Wien
Die Jazz-Messe „Prayer Wheel“ von Karén Asatrián, gemeinsam mit dem Philharmonia Chor Wien und dem Musischen Gymnasium Salzburg.
26. April 2026 - Heilige Liturgie und Kranzniederlegung
- Wann: 13:00 Uhr
- Adresse: Kolonitzgasse 11, 1030 Wien
Im Anschluss an die Heilige Liturgie wird eine besondere Zeremonie zum Gedenken an die Opfer des Völkermordes abgehalten sowie die Kranzniederlegung am Genozid-Mahnmal.