Am interreligiösen Würstelstand
Hirtenhund
Demut und Bescheidenheit sind eine Zier, heißt es bekanntlich. Und wem, wenn nicht uns Christgläubigen steht sie gut zu Gesicht? Schließlich sind wir dabei, uns in gesellschaftlichen Fragen in die Irrelevanz zu verabschieden. Wenn Kirche fehlt, fehlt vielen Menschen offenbar nicht mehr viel. Das mögen wir bedauern, auch mit einer gewissen Demut zur Kenntnis nehmen. Wenn Bescheidenheit jedoch zur aktiven Selbstbescheidung und -beschneidung wird, hört der Spaß auf. Wie etwa beim Eurovision Song Contest, bei dem eigentlich der Spaß ja erst so richtig losgehen sollte …
Interreligiöser Pavillon am Eurovision Song Contest
Beim ESC, genauer gesagt: im „ESC Village“ am Wiener Rathausplatz, soll nämlich ein „Interreligiöser Pavillon“ die Besucher … naja, was eigentlich? Ansprechen? Einladen? Wenn ja, zu was? Es soll „der interkulturelle und interreligiöse Austausch“ gefördert und „ein klares Zeichen für Vielfalt, Dialog und ein friedliches Miteinander“ gesetzt werden, lese ich. Im „Interfaith Pavilion“ könne man sich „einfach unterhalten, offene Fragen stellen“. Mich „einfach unterhalten“ und „offene Fragen stellen“ kann ich auch und vielleicht noch besser an jedem Würstelstand.
"Gespräche über eh ois"
Ich stelle mir also konkret einen ECS-Besucher vor. Sagen wir mal einen Besucher aus unserem nördlichen Lieblingsland. Der kommt frustriert an den „Interfaith Pavilion“, weil es aus Österreich wieder mal hieß: „Germany zero points“. Was erwartet ihn dann in diesem One-Stop-Shop? Flyer aus allen religiösen Ecken, die zu Gebeten oder Worship einladen? Ein gemeinsames Kerze-Entzünden für mehr ESC-Gerechtigkeit? Wird er sich dann – mit „Glückskeksen mit Friedensbotschaften“ gestärkt – einem „Achtsamkeitsworkshop“ hingeben, wie es der Pavillon im Angebot hat? Bitte mich nicht falsch zu verstehen: Interreligiöse Aktivitäten können sehr bereichern und zu einem gegenseitigen (Kennen-)Lernen beitragen. Und auch das gemeinsame Bekenntnis zum Frieden ist wichtig. Dazu gibt es Foren und bewährte Kanäle. Gespräche über eh ois (oder auch nix) und „Glückskekse mit Friedensbotschaften“ gehören allerdings eher nicht dazu.
Eurovision Song Contest am 12. Mai
Vielleicht gibt es am Donauinselfest wieder mehr seelsorglich-konkrete Präsenz in Form der Festivalseelsorge. Die ist ökumenisch, verfolgt aber ein klareres seelsorgliches Konzept. Ob sie jedoch dem tragischen Fall der deutschen 0-Punkte-Existenz hätte helfen können, steht auf einem anderen Blatt. Oder um es mit dem Österreich-ESC-Beitrag von 1963 zu sagen bzw. singen: „Vielleicht geschieht ein Wunder …“ und ich werde eines Besseren belehrt. Darum gehe ich ab 12. Mai garantiert eine Gassirunde auf den Rathausplatz, wenn man mich ins ESC-Village reinlässt.