Wie halten wir es mit Religion und Ethik?

Religion in der Schule
Ausgabe Nr. 40
  • Bildung
Autor:
Miteinander ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben – Religionsunterricht und Ethikunterricht vermitteln unter anderem, wie das gelingt und warum es wichtig ist.
Miteinander ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben – Religionsunterricht und Ethikunterricht vermitteln unter anderem, wie das gelingt und warum es wichtig ist. ©stock.com/JackF

Was soll in Schulen unterrichtet werden: Religion oder Ethik? Oder beides zusammen? Im Gespräch mit Religionswissenschaftler Robert Wurzrainer und Gertrud Theil, Fachinspektorin für katholischen Religionsunterricht in der Erzdiözese Wien für die Pflichtschulen, erfahren wir, was Religions- und Ethikunterricht vermitteln sollen.

Während der Religionsunterricht in Österreich seit Jahrzehnten fest im Schulsystem verankert ist, ist der Ethikunterricht erst seit wenigen Jahren als Alternative etabliert. Beide Fächer beschäftigen sich mit grundlegenden Fragen des Zusammenlebens, der Werteorientierung und der persönlichen Entwicklung, setzen dabei jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.

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Der Religionsunterricht in Österreich

Wie ist der Religionsunterricht derzeit in Österreich geregelt?

Gertrud Theil: Religionsunterricht ist in Österreich ein Pflichtgegenstand von der ersten bis zur 13. Schulstufe. In der Oberstufe für die 15- bis 18- oder 19-Jährigen gibt es die Möglichkeit, sich zu entscheiden. All jene Schülerinnen und Schüler, die den Religionsunterricht nicht besuchen haben die Verpflichtung, den Ethikunterricht zu besuchen. Die Schülerinnen, die ohne religiöses Bekenntnis sind, haben die freie Wahl. Sie können entweder den Religionsunterricht irgendeiner der anerkannten Religionsgemeinschaften besuchen oder den Ethikunterricht. In den Volksschulen und bei den 10- bis 14-Jährigen haben wir ausschließlich den Religionsunterricht. Wenn Schülerinnen und Schüler diesen Unterricht abwählen, was sie können, dann gibt es für sie eine Freistunde. Was aber meiner Ansicht nach wirklich fatal ist: Sie bekommen keine ethische Bildung. 
 

Religionsunterricht als "persönlichkeitsbildender Gegenstand"

Womit beschäftigen sich Kinder und Jugendliche heute inhaltlich in Religion?

Gertrud Theil: Der Religionsunterricht ist auf der einen Seite ein persönlichkeitsbildender Gegenstand. Da geht es um das biographische Lernen, dass Schülerinnen und Schüler sich mit ihrer eigenen Biographie und auch mit anderen Biographien auseinandersetzen und dadurch auch im gemeinsamen Gespräch miteinander ihre Persönlichkeit stärken und in einen guten Austausch kommen – über sich selbst, aber auch über andere Menschen. 

„Was ich am Religionsunterricht im Gegensatz zum Ethikunterricht sehr schätze, ist, dass die Lehrerinnen und Lehrer aus ihrer eigenen Religion sprechen, aus ihrer eigenen Konfession. Sie positionieren sich.“

Gertrud Theil

Auf der anderen Seite geht es darum, die eigene Religion gut kennenzulernen, also die Grundlagen und Leitmotive des christlichen Glaubens zu kennen und für das eigene Leben deuten zu können. Und dann geht es um religiöse und weltanschauliche Vielfalt in einer Gesellschaft und Kultur, den Dialog mit den anderen Religionen und um die Beschäftigung mit allen ethischen Fragen, die in unserer Gesellschaft immer wieder Thema sind. Diese Schwerpunkte werden in allen Schuljahren gesetzt und sind auch im Lehrplan verankert.

Ethik als Pflichtgegenstand

Ethik ist erst seit einigen Jahren ein Pflichtgegenstand. 

Robert Wurzrainer: Die Entwicklung des Ethikunterrichts hat sich in Österreich über eine relativ lange Zeit hingezogen. Mehrere Jahrzehnte lang fand der Ethikunterricht nur als Schulversuch an gewissen Schulen statt. Im Schuljahr 2021/2022 wurde er dann als alternativer Pflichtgegenstand zum Religionsunterricht eingeführt. Bedauerlicherweise erst ab der neunten Schulstufe. Das bedeutet: Den Religionsunterricht gibt es ab der ersten Klasse Volksschule, den Ethikunterricht erst ab der neunten Schulstufe. Das heißt, es sind dann doch einige Schuljahre, in denen Schülerinnen und Schüler aus dem Bereich der religiösen und ethischen Bildung im schulischen Kontext wenig mitnehmen können, weil es einfach kein Unterrichtsfach für sie gibt.
 

Was soll im Ethikunterricht vermittelt werden?

Robert Wurzrainer: Im Grunde ist es so, dass im Ethikunterricht die praktische Philosophie die Grundlagendisziplin ist. Also Ethik als praktische Philosophie: Wie kann man ein gutes Leben führen? Was ist Gerechtigkeit? Was ist Gemeinschaft? Was ist Individualität? Und was ist kollektives Denken? Abgesehen von diesen eher philosophischen Themen sind es auch ganz praktische Felder der angewandten Ethik, beispielsweise Umweltethik, Tierethik. Und es werden natürlich auch die großen religiösen Traditionen der Welt im Ethikunterricht vermittelt. 

Gertrud Theil: Inhaltlich gibt es tatsächlich oft große Parallelen. Allerdings: Im christlichen Religionsunterricht werden die Themen auch aus einer christlichen Perspektive heraus beleuchtet – natürlich ohne die Kinder und Jugendlichen zu beeinflussen. Aber das, was ich am Religionsunterricht im Gegensatz zum Ethikunterricht dann sehr schätze, ist, dass die Lehrerinnen und Lehrer aus ihrer eigenen Religion sprechen, aus ihrer eigenen Konfession. Sie positionieren sich.
 

Vorzüge des Ethik- oder Religionsunterrichts

Wo sehen Sie die Vorzüge des Ethik- beziehungsweise des Religionsunterrichts und wo sagen Sie, das wäre noch ausbaufähig?

Robert Wurzrainer: Ganz grundsätzlich finde ich es notwendig, dass es eine Alternative gibt zum Religionsunterricht. Der Ethikunterricht ist dabei die Variante, die in Österreich gewählt wurde. Das ist meiner Meinung nach eine gute Lösung, weil es einerseits Menschen bedient, die sich als religiös bezeichnen, aber auch jene, die vielleicht ohne religiöses Bekenntnis sind oder die sich bewusst dagegen entschieden haben, einen Religionsunterricht zu besuchen. Die können dann den Ethik- unterricht besuchen. 
 

„Ganz grundsätzlich finde ich es notwendig, dass es eine Alternative gibt zum Religionsunterricht.“

Robert Wurzrainer

Religionen spielen auch im Ethikunterricht eine große Rolle

Es ist also prinzipiell ein Modell, das funktioniert. Sehen Sie trotzdem Verbesserungsbedarf?

Robert Wurzrainer: Wenn man sich den Lehrplan für den Ethikunterricht anschaut, spielen Religionen eine relativ große Rolle. Circa ein Fünftel des Lehrstoffs für den Ethikunterricht besteht aus religionsbezogenen Themen. Das Manko sehe ich hier in der Ausbildung der Lehrpersonen. Wenn man sich nämlich momentan das Curriculum für das Lehramtsstudium Ethik anschaut, dann ist es so, dass zukünftige Lehrpersonen ein bis zwei Lehrveranstaltungen zum Thema Religion, Religionen besuchen. Das halte ich für zu wenig. Oftmals wird ja davon ausgegangen, dass im Ethikunterricht nur nicht-religiöse Schülerinnen und Schüler sitzen, und das ist eben nicht der Fall. Es gibt Schülerinnen und Schüler, die im Ethikunterricht sitzen, weil ihnen ihr Religionsunterricht zu offen und zu liberal ist. Das sind Jugendliche, die sich in ihrer Tradition wirklich auskennen. Und wenn die dann mit einer Lehrperson konfrontiert sind, die die Basics einer religiösen Tradition nicht kennt, dann stellt sich für mich die Frage, inwieweit da ein Dialog und eine Diskussion auf Augenhöhe stattfinden können. Ich würde mir also wünschen, dass mehr Religion in der Ausbildung für Ethik­lehrerinnen vorkommt.
 

W.I.R.“-Unterricht

Seit 2019 gibt es ein Unterrichtsmodell mit dem Namen „W.I.R. – Werte, interkulturelles Lernen und Religionen“ bei dem alle Kinder einer Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Wie funktioniert das?

Gertrud Theil: Das Modell ist eine Möglichkeit, den 10- bis 14-Jährigen eine ethisch-religiöse Bildung mitzugeben – auch wenn sie nicht im Religionsunterricht sind. Ziel ist, dass Schülerinnen und Schüler miteinander ins Gespräch kommen. Konkret werden bei „W.I.R.“ religiös-ethisch-philosophische Themen unterrichtet. Es geht um ein Erlernen von Urteilsfähigkeit, von Konfliktbewältigung und natürlich geht es auch um religiöse Themen. Der konfessionelle Religionsunterricht bleibt davon unberührt. Es gibt trotzdem eine Religionsstunde in der Woche, aber die zweite Stunde ist dann eben „W.I.R.“-Unterricht. Das Schöne ist, dass es hier zu einem nicht trennenden Unterricht kommt, dass der Unterricht begegnungsorientiert ist.   
 

Wie sind die Rückmeldungen zu diesem Unterrichtsmodell?

Gertrud Theil: Die Lehrerinnen und Lehrer erleben „W.I.R.“ als sehr herausfordernd, aber auch als sehr positiv. Oft höre ich, dass Konfliktsituationen besser nachgegangen werden kann, wenn es in einer Klasse „W.I.R.“ gibt. Dazu muss man sagen, dass Konflikte oft aus religiös-ethischen Situationen heraus kommen. Eine Direktorin hat mir gesagt, dass es in den Klassen, in denen sie „W.I.R.“-Unterricht haben, merklich weniger Konflikte gibt. Die Schülerinnen und Schüler lernen, miteinander ins Gespräch zu kommen, sie lernen, gut miteinander umzugehen und Konflikte gut zu bewältigen. In unserer Gesellschaft ist es enorm wichtig, das zu können.

Robert Wurzrainer: Mit diesem Modell gibt es für religiöse und für nicht-religiöse Schülerinnen und Schüler Bildung in diesem Bereich. Und das ohne die Trennung der verschiedenen Religionen, hin zu einem gemeinsamen Austausch. Ich denke, es ist ganz zentral in unserer Gesellschaft, in unserer Zeit, dass Menschen wieder mehr ins Gespräch kommen, dass man sich davon wegbewegt, über andere zu reden, sondern eher wieder mit anderen redet.

©David Kassl

Radio-Tipp: Perspektiven


„Religion oder Ethik“ Das Gespräch von Monika Fischer mit Gertrud Theil und Robert Wurzrainer können Sie im radio klassik Stephansdom Podcast in der Rubrik Perspektiven nachhören. ▶ radioklassik.at

Autor:
  • Portraitfoto von Andrea Harringer
    Andrea Harringer
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