Neue Wege im Religionsunterricht
Von klein auf im Gespräch
Eine Volksschulklasse in Wien: Religionslehrerin Elisabeth Lederer arbeitet heute mit den Kindern im Rahmen des Projektes „diaRU – dialogisch-interreligiöser authentischer Religionsunterricht“. Das Thema für die Unterrichtseinheit ist „Trauer und Freude“. Vom Bildmotiv der Farben wird die Klasse in das Thema eintauchen. „Wir lesen gemeinsam eine Geschichte, in der ein Kind traurig ist und alles, was es sieht, ist deshalb grau“, erzählt Elisabeth Lederer. „Aber im Laufe der Geschichte kommt die Sonne hinter den grauen Wolken hervor, es bildet sich ein Regenbogen und das Kind kann wieder aufatmen. Mit der Geschichte möchte ich den Kindern vermitteln, dass, auch wenn im Leben nicht immer alles bunt und fröhlich ist, doch ganz bestimmt auch wieder etwas Gutes kommt.“
Interreligiöser Religionsunterricht: Was sind die Gemeinsamkeiten?
Ganz wichtig ist Elisabeth Lederer hier die Botschaft: Alle Gefühle dürfen sein, ganz egal welche. „Sie machen einen wichtigen Teil von uns aus. Und das ganz unabhängig von Religion und Glauben – Gefühle kennen wir alle“, sagt sie. Der heutigen Unterrichtseinheit wird eine weitere folgen, in der das Thema „Trauer und Freude“ dann auch von religiöser Seite her beleuchtet wird. Wie trauern die Religionen? Wie feiern sie? Was sind die Unterschiede, aber vor allem auch: Was sind die Gemeinsamkeiten? Gemeinsamkeiten?
Kennen lernen, vertraut machen
Seit zwei Jahren läuft das Projekt „diaRu – dialogisch-interreligiöser authentischer Religionsunterricht“ nun schon. Expertinnen und Experten aus fünf Religionsgemeinschaften haben in Zusammenarbeit mit der KPH Wien und Niederösterreich das innovative Unterrichtsmodell entwickelt, das verschiedene religiöse und weltanschauliche Perspektiven in einen Dialog bringt. „Wir leben in einer zunehmend pluralen Gesellschaft und wenn die für alle lebenswert funktionieren soll, müssen wir Brücken zueinander bauen,“ sagt Gertrud Theil, Fachinspektorin für allgemeinbildende Pflichtschulen im Erzbischöflichen Amt für Schule und Bildung. „Dieses Projekt will dazu einen ganz konkreten Beitrag leisten.“ Im Grunde gehe es darum, einander kennen zu lernen und sich miteinander vertraut zu machen. „Wir sind überzeugt, dass das eine gute Grundlage für alles schafft, was später im Leben kommt. Auch Dialog muss man lernen. Fremdes ist einem unangenehm, meistens. Erst wenn man etwas kennt, sieht man das Schöne.“
„Mit diaRu wollten wir die Zusammenarbeit auf eine breitere Basis stellen“
Gertrud Theil
Dialogisch konfessioneller Religionsunterricht
Zwischen den fünf verschiedenen christlichen Konfessionen, die es in der Erzdiözese Wien gibt – katholisch, evangelisch, altkatholisch, orthodox und die Freikirchen – gab es in den vergangenen Jahren schon immer wieder im Rahmen des dk:RU, des dialogisch konfessionellen Religionsunterrichtes, eine gute und enge Zusammenarbeit. „Mit diaRu wollten wir die Zusammenarbeit auf eine breitere Basis stellen“, sagt Gertrud Theil. „Wir wollten alle Religionsgemeinschaften einbinden und sind deshalb an das islamische und alevitische Schulamt herangetreten und haben miteinander über eine Zusammenarbeit nachgedacht.“
Religionsunterricht: Mit Kindern philosophieren
Begonnen hat man dann im ersten Jahr von „diaRu“ mit drei Volksschulen und einer Sonderschule, später sind zwei Gymnasien dazugekommen. Derzeit sind für das Projekt sechs Stunden vorgesehen. „Das ist eigentlich viel zu kurz“, sagt Elisabeth Lederer. „Kinder lieben es zu philosophieren und unsere Themen, im Speziellen im Religionsunterricht, laden zum Philosophieren geradezu ein. Wenn die Kinder erstmal Feuer fangen, kann man immer tiefer gehen – zum Vorteil für alle Beteiligten.“ Die Eltern bekommen klare Informationen, bevor das Projekt startet – für eine größtmögliche Klarheit und Transparenz. „Das hat sich auch bewährt. Die Eltern vertrauen uns, lassen uns mit ihren Kindern arbeiten“, so Elisabeth Lederer.
„Wir arbeiten dabei mit verschiedenen Elementen – mit Spielen, mit Stilleübungen, mit verschiedenen Stationen."
Elisabeth Lederer
Brauchtum und Tradition
Und wie funktioniert „diaRu“ nun konkret? „Wir haben in einem ersten Schritt Themenkomplexe entwickelt, die für alle relevant sind: Raum und Zeit, Trauer und Freude, Angst und Vertrauen, Gerechtigkeit und Verantwortung und Gemeinschaft und Menschenwürde“, sagt Elisabeth Lederer. Die Idee war dann, diese Themenkomplexe von zwei Perspektiven aus gemeinsam mit den Kindern zu betrachten: Aus einer anthropologischen Sicht – also einem Blickpunkt, der das Wesen, die Entwicklung, das Verhalten und die Kultur des Menschen betrifft – und dann aus einer religiösen. „Das machen wir zuerst innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft und zum Schluss kommen wir alle zu einem Austausch zusammen“, so Elisabeth Lederer. Da gehe es dann sehr viel um Brauchtum, um Traditionen und wie sie gelebt werden – länderspezifisch, aber eben auch religionsspezifisch. „Wir arbeiten dabei mit verschiedenen Elementen – mit Spielen, mit Stilleübungen, mit verschiedenen Stationen. Für mich ist immer wieder spannend, wie sehr man selbst in die Themenwelten eintaucht.“
Religionsunterricht: Wahrhaftig und glaubwürdig
Alle Themen, die behandelt werden, finden sich in den Lehrplänen der mitarbeitenden Konfessionen und Religionen. „Wir machen es uns nicht einfach, lassen auch nichts weg – die Gewichtung der Themen liegt aber in der Verantwortung der Lehrerinnen“, sagt Gertrud Theil. Der Lern- und Lehrauftrag sei es natürlich, religionssensibel mit den Themen umzugehen. „So ein Projekt kann nur funktionieren, wenn die Authentizität gewahrt bleibt und die Kinder den Überblick bewahren können“, betont Gertrud Theil. „Das Projekt trägt zu einer Öffnung bei, wir sehen den anderen in seiner Einzigartigkeit – und wir lassen den anderen und das andere auch anders sein. Am Ende müssen wir nicht alle gleich sein und es muss auch nicht jeder das Gleiche aus der Stunde mitnehmen“, ergänzt Elisabeth Lederer. Die Kinder seien auf alle Fälle begeistert. „Sie machen eifrig mit und arbeiten auch gerne miteinander.“
Religion in der Schule
„Ich halte es für enorm wichtig, in dieser Form schon in ganz jungen Jahren ins Gespräch zu kommen“, sagt Gertrud Theil. „Das klingt vielleicht banal, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man auch die banalsten Dinge immer wieder sagen muss und immer wieder tun muss. Und ja, klar kann es dann passieren, dass man Grenzen ziehen muss in so einem Gespräch, dass man sagen muss, wenn etwas weh tut oder nicht geht, aber dass das Gespräch stattgefunden hat, bleibt ja trotzdem. Und einem Gespräch werden wahrscheinlich weitere folgen.“
Interview mit Mag. Andrea Pinz
Welchen Stellenwert hat der Religionsunterricht in Österreich derzeit und welche Aufgaben kommen ihm zu?
Andrea Pinz: Der konfessionelle Religionsunterricht ist in Österreich gesetzlich verankert, daran wird nicht gerüttelt. Sein demographischer Kontext muss aber ernst genommen werden, damit er weiterhin seinem Auftrag nachkommen kann: religiöses Grund- und Orientierungswissen zu vermitteln, die jungen Menschen in ihren großen Lebensfragen auf dem Weg zu verantwortungsbewussten Erwachsenen zu begleiten, Antworten aus dem Glauben anzubieten sowie ethische und soziale Kompetenzen zu schulen.
Warum ist ein Projekt wie der dialogisch-interreligiöse authentische Religionsunterricht wichtig?
Eine Flexibilisierung der Organisationsformen ist das Gebot der Stunde, um auch in Zukunft lebensrelevant und lebenswirksam Religionsunterricht anzubieten. Man muss bedenken: Der Kontext des Religionsunterrichts, der Schule überhaupt, ist vielfältig – von sehr homogenen Klassen in manchen ländlichen Regionen, wo der auf eine einzige Glaubensrichtung bezogene Religionsunterricht ein wichtiger Teil des schulischen Lebens ist, bis zu hoher religiöser, kultureller und ethnischer Diversität im großstädtischen Bereich, aber nicht nur dort. Darauf müssen wir reagieren, um so Begegnungsräume, die das Gemeinsame in den Mittelpunkt stellen und Differenzen nicht leugnen, zu öffnen.
Wie kommen Projekte wie der dialogisch-interreligiöse authentische Religionsunterricht im Schulalltag an?
Was wir sagen können, ist, dass kooperative Formen wie bei diesem Projekt eine hohe Akzeptanz genießen – bei Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern beziehungsweise Erziehungsberechtigten. Besonders wichtig ist mir die durchgängige wissenschaftliche und forschungsbasierte Begleitung der Modelle, die primär durch die Kirchliche Pädagogische Hochschule (KPH) Wien/Niederösterreich geleistet wird.