Weltuntergang: Wann wird ER kommen?
Endzeitliche Wiederkunft Christi
Der Blick auf mögliche apokalyptische Gefahren der Gegenwart wie auch der Zukunft erzeugt bei manchen Menschen das Gefühl, dass der Weltuntergang bevorstehen könnte. Ein Atomkrieg, der wieder möglich ist, der Klimawandel, die aus den Fugen geratene Biotechnologie und die potentielle Bedrohung durch künstliche Intelligenz können so verstanden werden. Gegenüber dem SONNTAG erklärt der Innsbrucker Universitätsprofessor für Dogmatik Willibald Sandler das oft vergessene Thema der Wiederkunft Christi, die Teil des Glaubensbekenntnisses der Kirche ist. Und warum wir uns nicht fürchten müssen.
Weltuntergang: Hoffen auf die Wiederkunft Christi
Der vorletzte Vers des letzten Buches des Neuen Testaments lautet nach der Offenbarung (22,20): „Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. – Amen. Komm, Herr Jesus!“ Hoffen wir noch auf die Wiederkunft Christi?
WILLIBALD SANDLER: Dieser vorletzte Satz der Bibel spiegelt die apokalyptische Naherwartung, wie sie bereits im Alten Testament im zweiten Jahrhundert vor Christus (Daniel 7,13) artikuliert wurde und die Johannes der Täufer nach dem Zeugnis der Evangelien auf Jesus bezog. Im Neuen Testament ist diese Zukunftshoffnung verbunden mit der Gegenwartserfahrung, dass der Herr schon gekommen ist. Das sehen wir auch am Schluss der Johannesoffenbarung und der ganzen Heiligen Schrift, wenn wir diesen vorletzten mit dem letzten Satz zusammen lesen: „Die Gnade des Herrn sei mit allen!“ – als gegenwärtig erfahrbare Heilswirklichkeit.
Christen, die mit beiden Füßen in dieser Welt stehen
Ist dieses „Komm, Herr Jesus“ die Antwort der Christen auf die Krisenszenarien und zunehmenden Ängste, die das baldige Ende der Welt erwarten?
Nicht nur. Es kann auch eine Antwort von Christen sein, die mit beiden Füßen in dieser Welt stehen und sich engagieren. Diese Erwartung des kommenden Herrn ist nur dann keine billige Vertröstung, wenn sie mit erfahrenen Zeichen seiner Gegenwart zusammengeht. Solche Zeichen hat Jesus mit seinen Heilungs- und Befreiungstaten gesetzt (vergleiche Matthäus 12,28) und als Samenkörner des Gottesreichs erklärt (vergleiche Matthäus 13). Das heißt, an kleinen Ausschnitten der Wirklichkeit leuchtet das verheißene Gottesreich bereits als gegenwärtig auf. Für die Zeit der Kirche bis in unsere Gegenwart geschieht dies durch wenige große, aber zahllose kleine und kleinste Lichtblicke des aufbrechenden Himmels inmitten von Krisen und Katastrophen. Christen schreiben sie dem Heiligen Geist zu, den der auferstandene Christus ausgesandt hat. Es ist unsere Aufgabe als Christen, solche Lichtblicke nicht nur zu behaupten, sondern als Spurensucher mitten in dieser Welt zu finden, sie prophetisch zu benennen und auch in uns zu tragen. Solches gibt es auch im weiten Horizont gesellschaftlicher und geschichtlicher Entwicklungen: als Zeichen der Zeit, die es gilt, unterscheidend wahrzunehmen.
„Christen müssen Lichtblicke nicht nur behaupten, sondern in dieser Welt auch finden.“
Willibald Sandler
Gegen den Weltuntergang: Was dürfen wir hoffen?
Bescheiden gefragt in einer Welt, die von Gewalt geprägt ist: Was dürfen wir hoffen?
Dass Gewalttäter, wenn sie von ihrer Gewalt nicht ablassen, sich selbst zu Fall bringen und die Liebe siegt. Immer wieder geschieht das spurenweise, und zwar nicht nur individuell, sondern zum Beispiel durch beeindruckend wirksame Initiativen von gewaltfreiem Widerstand. Solches gibt der christlichen Hoffnung einen Grund.
Wie sollen wir leben im Hinblick auf die Vollendung?
Christen sind berufen, in der Nachfolge Christi nicht nur auf die Vollendung hin, sondern von der Vollendung her zu leben. Das geschieht in der Wahrnehmung gegenwärtiger Wahrzeichen (theologisch: Realsymbole und Realverheißungen) der künftigen Vollendung. Dabei spielt es keine Rolle, dass es meist nur kleine und kleinste Zeichen sind. Es sind Samenkörner, die die ausgewachsene Frucht bereits in sich tragen.
Endzeitliche Wiederkunft Christi und der Weltuntergang
Ist die Parusie, die endzeitliche Wiederkunft Christi, wieder ein Thema der Theologie geworden?
In der katholischen Theologie liegt das Thema ziemlich am Rand. Das hängt mit der katholischen Lehre zusammen, dass die Wiederkunft Christi eine so radikale Transformation der Welt voraussetzt, dass sie in ihrer Endgestalt erst nach dem Tod erfahrbar ist. Ganz anders wird es in evangelikal-neocharismatischen Strömungen gesehen. Hier wird Christi Wiederkunft als innergeschichtliche Wirklichkeit für demnächst erwartet. Das kann starke Hoffnungen mobilisieren, aber auch Enttäuschungen, wenn zum Beispiel Prophetien von gewaltigen endzeitlichen Erweckungen nicht eintreten. Hier braucht es eine ökumenische Theologie, die weise unterscheidet, wo wir voneinander lernen können – und wo klärende Warnungen nötig sind.
Messianische Juden und evangelikale Christen hoffen auf die baldige Wiederkunft Christi. Warum?
Sie nehmen biblische Verheißungen von großen Bekehrungen sehr ernst, die auch Juden betreffen (Römer 11), die Christen werden, ohne deshalb ihr Judentum aufzugeben. Damit nehmen sie die diesseitig-geschichtliche Dimension von Hoffnung ernst. Das ist grundsätzlich positiv, bedarf aber einer genauen theologischen Unterscheidung.
„Gottes Gerichtsfeuer schmilzt uns um, sodass wir himmelsfähig werden.“
Willibald Sandler
Das Kommen des Gottesreichs nach dem Weltuntergang
Hat sich Jesus geirrt, als er das Kommen des Gottesreichs ins Hier und Jetzt ansagte?
Nein, denn es gibt verschiedene Formen von Ankunft oder Parusie. Als Jesus seinen Jüngern verhieß, dass einige von ihnen das Kommen des Gottesreichs in Macht noch erleben werden (Markus 9,1), heißt es gleich anschließend, dass nur sechs beziehungsweise acht Tage später drei von Jesu Jüngern seine Verklärung miterlebten (Markus 9,2; Matthäus 17,1; Lukas 9,28). Das ist eine weitergehende Verwirklichung der Parusie, die zugleich auf noch ausstehende Dimensionen seines Kommens vorausweist: in der Auferstehung Jesu und seit Pfingsten im Wirken des von ihm gesandten Heiligen Geistes. Zukünftiges Kommen und erfahrene Gegenwart des Gottesreichs sind immer wieder miteinander verbunden und geben so der christlichen Hoffnung einen Grund.
Weltuntergang: Gericht über die Lebenden und die Toten?
Im Glaubensbekenntnis beten wir: „(...) von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“. Was bekennen wir da eigentlich? Wie verstehen wir das richtig?
Auch dieses richtende Kommen ist erfahrene Gegenwart und erwartete Zukunft zugleich. Und in dieser Weise hat es eine diesseitige und eine jenseitige Dimension. Das ultimative Weltgericht können wir uns (in Weiterführung von Matthäus 25) als Begegnung mit Christus vorstellen, der ganz Liebe ist und uns gerade so auch richtet. Denn unser ganzes Leben wird uns im Angesicht Jesu aufleuchten. Wie in seinem irdischen Wirken wird Jesus zuerst alles in Liebe Geglückte in uns wachrufen und uns so auf-richten. Und in diesem Licht werden wir ihn erkennen, der sich mit allen und allem identifiziert, dem wir lieblos und verletzend begegnet sind, und so werden wir mit der ganzen Wahrheit unseres Lebens konfrontiert. So wird im Angesicht Christi die Wärme unserer gelebten Liebe zum Gerichtsfeuer einer Liebesreue, das uns umschmilzt, bis wir ganz himmelsfähig geworden sind.
Zur Person
Univ.-Prof. Dr. Willibald Sandler Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Innsbruck.
Termintipp
Universitätsprofessor Dr. Willibald Sandler (Universität Innsbruck) spricht am 20. Februar bei den „Theologischen Kursen“ von 16:00 bis 18:00 Uhr zum Thema „Leben von der Vollendung her. Der Glaube an die Wiederkunft Christi in bedrohlichen Zeiten“.