Was uns die Geschichte der Medizin heute lehrt
Schau in der NationalbibliothekHeute sind Ordensspitäler eine wichtige Säule der heimischen Gesundheitsversorgung und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, der Österreich Milliarden bringt. Wer heute im Buchhandel nach Gesundheitsratgebern greift, steht in einer jahrhundertealten Tradition. Das zeigt die aktuelle Ausstellung „Medizin im Wandel der Zeit – Von der Antike zur Moderne“ im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Schau lädt bis 1. März 2026 zu einem spannenden Streifzug durch zwei Jahrtausende Medizingeschichte.
Verknüpfung zwischen der Geschichte der Medizin und des Glaubens
Dass die Geschichte der Medizin nicht ohne die Geschichte des Glaubens zu erzählen ist, zeigt die Ausstellung anhand zahlreicher Exponate. Viele Wurzeln der europäischen Heilkunst liegen in der Klostermedizin des Mittelalters. Benediktiner‑ und später auch Franziskaner‑ und Dominikanerklöster kultivierten Kräutergärten, verfassten Heilkräuterbücher und betrieben Hospitäler – Orte, an denen körperliche Pflege und seelischer Beistand zusammengehörten.
Anfänge der Medizin: Mönche bewahrten heilkundliches Wissen und gaben es weiter
Die Ausstellung erinnert daran, dass Mönche über Jahrhunderte Wissen bewahrten und weitergaben, etwa in Form medizinischer Handschriften und frühester pharmazeutischer Notizen. Auch die karitative Krankenpflege, wie sie später in Orden wie den Barmherzigen Brüdern oder den Elisabethinen zur tragenden Säule des Gesundheitswesens wurde, führt diese Tradition weiter.
Ein Glanzlicht der Ausstellung bildet ein spätmittelalterlicher Gesundheitsleitfaden, das „Tacuinum sanitatis“. Die um 1400 entstandene Handschrift ist eine reich bebilderte Fassung einer Gesundheitslehre, die ursprünglich im 11. Jahrhundert vom Arzt Ibn Butlan verfasst wurde. Grundlage des Werks ist die antike Säftelehre, die davon ausgeht, dass Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim im richtigen Verhältnis stehen müssen, damit der Mensch gesund bleibt. Der Ratgeber beschreibt, wie verschiedene Nahrungsmittel tierischer und pflanzlicher Herkunft, die Jahreszeiten, Kleidung und alltägliche Lebensgewohnheiten dieses empfindliche Gleichgewicht beeinflussen können.
Wiener Blick auf die Geschichte der Medizin
Reizvoll ist der spezifisch wienerische Blick der Ausstellung. Mehr als 100 Objekte zeichnen nach, wie die Stadt im Laufe der Geschichte auf gesundheitliche Herausforderungen reagierte: Pestepidemien, Cholera, mittelalterliche Enge und Armut – all das formte nicht nur hygienische, sondern auch spirituelle Landschaften. Ein sprechendes Beispiel dafür ist die berühmte Pestsäule am Graben, deren Darstellung aus dem Jahr 1680 in der Schau zu sehen ist. Das barocke Monument ist eines der deutlichsten Zeugnisse katholischer Frömmigkeit in Wien: ein öffentliches Gelübde, errichtet als Dank für das Ende der Seuche – und bis heute ein Zeichen für die enge Verbindung zwischen Glaube und Bewältigung von Krisen.
Medizin und die Bewältigung von Krisen
Der Rundgang führt von Hippokrates über die medizinischen Hochschulen des Mittelalters bis hin zur Reformära Maria Theresias. Eine zentrale Figur ist Gerard van Swieten, Leibarzt der Kaiserin und selbst tief im katholischen Bildungs- und Reformmilieu verwurzelt. Sein Wirken steht exemplarisch für eine Zeit, in der Wissenschaft und staatlich‑kirchliche Strukturen eng kooperierten, um das Gesundheitswesen zu verbessern. Kaiser Joseph II., der das Allgemeine Krankenhaus gründete und die medizinische Versorgung modernisierte, wird hervorgehoben. Eine chirurgische Instrumentenkassette aus seiner Zeit veranschaulicht, wie rasant sich das Wissen um den menschlichen Körper weiterentwickelte. Mit seinen tiefgreifenden Reformen legte Joseph II. Grundlagen für ein modernes, öffentlich zugängliches Gesundheitswesen in Wien, das lange Zeit Maßstäbe setzte.
Einen besonderen Akzent legt die Ausstellung auf die Bewältigung von Krisen. Seuchen – von der Pest bis zur Cholera – lösten in Wien Angst und gesellschaftliche Spannungen aus. Gleichzeitig stieß der Umgang mit Katastrophen immer wieder neue Reformen und Verbesserungen an wie etwa den Bau der Wiener Hochquellwasserleitungen, die die Stadt bis heute mit einwandfreiem Trinkwasser versorgen.
Medizin im Wandel der Zeit
„Medizin im Wandel der Zeit“ widmet sich auch den ersten Ärztinnen Wiens, deren Weg in die medizinische Praxis trotz großer Widerstände bahnbrechend war. Unter ihnen sticht Bianca Bienenfeld, die erste praktizierende Gynäkologin der Stadt, hervor. Um 1920 wirkte sie in einem Wien, das sich zwischen Tradition und Moderne neu formierte, und setzte sich für die medizinische Versorgung von Frauen ein.
Die Schau zeigt, dass viele Herausforderungen unserer Gegenwart keineswegs neu sind. Krankheiten, Seuchen und gesellschaftliche Krisen begleiten die Menschheit seit Jahrhunderten und rufen ähnliche Reaktionen hervor: Angst, Verunsicherung, soziale Spannungen – aber auch Reformen, Innovationen und solidarisches Handeln. Zugleich erinnert die Ausstellung daran, dass Fortschritt immer ein Zusammenspiel von Wissenschaft, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und menschlicher Verantwortung ist. Und sie zeigt: Gesundheit ist ein medizinisches, aber auch ein zutiefst menschliches und den Glauben berührendes Thema.
Wirtschaftskraft aus christlicher Tradition
Die 23 Ordensspitäler Österreichs sind eine tragende Säule der Gesundheitsversorgung und zugleich ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Das zeigt eine neue Studie der Forschungsgesellschaft Johanneum Research, präsentiert von der Arbeitsgemeinschaft der Ordensspitäler. Demnach generieren die Häuser rund vier Milliarden Euro Wertschöpfung – jeder 111. Euro des österreichischen BIP geht direkt oder indirekt auf sie zurück. Für Peter Ausweger, Gesamtleiter der Barmherzigen Brüder, bestätigen die Ergebnisse das umfassende Engagement der Einrichtungen. Mit vier Milliarden Euro Wertschöpfung, über 41.000 Arbeitsplätzen und rund 1,5 Milliarden Euro Rückflüssen an den Staat übernähmen die Ordensspitäler erhebliche wirtschaftliche Verantwortung. Direkt beschäftigen sie rund 20.000 Mitarbeitende, insgesamt sichern sie etwa jeden 92. Arbeitsplatz im Land, wie Studienautor Michael Scholz erläuterte.
Verdoppelung der Wertschöpfung
Die stärksten wirtschaftlichen Effekte zeigen sich in Oberösterreich sowie in Wien. Auch Bundesländer ohne Ordensspital profitieren indirekt – etwa Niederösterreich mit 101 Millionen Euro. Laut Studie leisten die Ordensspitäler zudem einen erheblichen fiskalischen Beitrag: 2024 flossen rund 1,5 Milliarden Euro an Sozialversicherungen und Steuern zurück; von jedem erwirtschafteten Euro gehen etwa 37 Cent an Staat und Sozialversicherung. Auffällig ist eine Verdoppelung der Wertschöpfung von 2018 bis 2024 sowie ein deutlicher Anstieg ihres Anteils an der direkten Bruttowertschöpfung des Gesundheitswesens (von 5,0 auf 7,6 Prozent). Gründe dafür seien Investitionen, effiziente Prozesse und hochwertige medizinische Leistungen, so Ausweger.
Die 23 Ordensspitäler betreuen jährlich rund zwei Millionen Patientinnen und Patienten, betreiben etwa 7.100 Betten und führen über 200.000 Operationen im Jahr durch. Bundesweit steht jedes fünfte Spitalsbett in einem Ordenskrankenhaus. Rund 230 Seelsorgerinnen und Seelsorger wirken in den Einrichtungen.
Die vollständige Studie sowie ein Podcast: ▸ ordensspitaeler.at