Was uns die Geschichte der Medizin heute lehrt

Schau in der Nationalbibliothek
Ausgabe Nr. 6
  • Kunst und Kultur
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Vogelschau auf das Alte Allgemeine Krankenhaus Wien im Jahr 1823 – ein Blick in die Anfänge moderner medizinischer Versorgung der Stadt.
Vogelschau auf das Alte Allgemeine Krankenhaus Wien im Jahr 1823 – ein Blick in die Anfänge moderner medizinischer Versorgung der Stadt. ©Österreichische Nationalbibliothek
Bianca Bienenfeld, die erste Gynäkologin Wiens.
Bianca Bienenfeld, die erste Gynäkologin Wiens. ©Österreichische Nationalbibliothek
Einer Kranken wird Gerstenschleim serviert – Illustration aus Ibn Butlans Tacuinum sanitatis, Oberitalien, Ende 14. Jahrhundert.
Einer Kranken wird Gerstenschleim serviert – Illustration aus Ibn Butlans Tacuinum sanitatis, Oberitalien, Ende 14. Jahrhundert. ©Österreichische Nationalbibliothek

Anlässlich des katholischen Welttages der Kranken am 11. Februar blicken wir auf das Thema Medizin einst und jetzt: Die aktuelle Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek „Medizin im Wandel der Zeit“ spannt einen Bogen von der Klostermedizin bis zu frühen Reformen des Gesundheitswesens.

Heute sind Ordensspitäler eine wichtige Säule der heimischen Gesundheitsversorgung und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, der Österreich Milliarden bringt. Wer heute im Buchhandel nach Gesundheitsratgebern greift, steht in einer jahrhundertealten Tradition. Das zeigt die aktuelle Ausstellung „Medizin im Wandel der Zeit – Von der Antike zur Moderne“ im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Schau lädt bis 1. März 2026 zu einem spannenden Streifzug durch zwei Jahrtausende Medizingeschichte.

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Verknüpfung zwischen der Geschichte der Medizin und des Glaubens

Dass die Geschichte der Medizin nicht ohne die Geschichte des Glaubens zu erzählen ist, zeigt die Ausstellung anhand zahlreicher Exponate. Viele Wurzeln der europäischen Heilkunst liegen in der Klostermedizin des Mittelalters. Benediktiner‑ und später auch Franziskaner‑ und Dominikanerklöster kultivierten Kräutergärten, verfassten Heilkräuterbücher und betrieben Hospitäler – Orte, an denen körperliche Pflege und seelischer Beistand zusammengehörten.

Anfänge der Medizin: Mönche bewahrten heilkundliches Wissen und gaben es weiter

Die Ausstellung erinnert daran, dass Mönche über Jahrhunderte Wissen bewahrten und weitergaben, etwa in Form medizinischer Handschriften und frühester pharmazeutischer Notizen. Auch die karitative Krankenpflege, wie sie später in Orden wie den Barmherzigen Brüdern oder den Elisabethinen zur tragenden Säule des Gesundheitswesens wurde, führt diese Tradition weiter.­­

Ein Glanzlicht der Ausstellung bildet ein spätmittelalterlicher Gesundheitsleitfaden, das „Tacuinum sanitatis“. Die um 1400 entstandene Handschrift ist eine reich bebilderte Fassung einer Gesundheitslehre, die ursprünglich im 11. Jahrhundert vom Arzt Ibn Butlan verfasst wurde. Grundlage des Werks ist die antike Säftelehre, die davon ausgeht, dass Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim im richtigen Verhältnis stehen müssen, damit der Mensch gesund bleibt. Der Ratgeber beschreibt, wie verschiedene Nahrungsmittel tierischer und pflanzlicher Herkunft, die Jahreszeiten, Kleidung und alltägliche Lebensgewohnheiten dieses empfindliche Gleichgewicht beeinflussen können.
 

Wiener Blick auf die Geschichte der Medizin

Reizvoll ist der spezifisch wienerische Blick der Ausstellung. Mehr als 100 Objekte zeichnen nach, wie die Stadt im Laufe der Geschichte auf gesundheitliche Herausforderungen reagierte: Pestepidemien, Cholera, mittelalterliche Enge und Armut – all das formte nicht nur hygienische, sondern auch spirituelle Landschaften. Ein sprechendes Beispiel dafür ist die berühmte Pestsäule am Graben, deren Darstellung aus dem Jahr 1680 in der Schau zu sehen ist. Das barocke Monument ist eines der deutlichsten Zeugnisse katholischer Frömmigkeit in Wien: ein öffentliches Gelübde, errichtet als Dank für das Ende der Seuche – und bis heute ein Zeichen für die enge Verbindung zwischen Glaube und Bewältigung von Krisen. 
 

Medizin und die Bewältigung von Krisen

Der Rundgang führt von Hippokrates  über die medizinischen Hochschulen des Mittelalters bis hin zur Reformära Maria Theresias. Eine zentrale Figur ist Gerard van Swieten, Leibarzt der Kaiserin und selbst tief im katholischen Bildungs- und Reformmilieu verwurzelt. Sein Wirken steht exemplarisch für eine Zeit, in der Wissenschaft und staatlich‑kirchliche Strukturen eng kooperierten, um das Gesundheitswesen zu verbessern. Kaiser Joseph II., der das Allgemeine Krankenhaus gründete und die medizinische Versorgung modernisierte, wird hervorgehoben. Eine chirurgische Instrumentenkassette aus seiner Zeit veranschaulicht, wie rasant sich das Wissen um den menschlichen Körper weiterentwickelte. Mit seinen tiefgreifenden Reformen  legte Joseph II. Grundlagen für ein modernes, öffentlich zugängliches Gesundheitswesen in Wien, das lange Zeit Maßstäbe setzte.

Einen besonderen Akzent legt die Ausstellung auf die Bewältigung von Krisen. Seuchen ­– von der Pest bis zur Cholera – lösten in Wien Angst und gesellschaftliche Spannungen aus. Gleichzeitig stieß der Umgang mit Katastrophen immer wieder neue Reformen und Verbesserungen an wie etwa den Bau der Wiener Hochquellwasserleitungen, die die Stadt bis heute mit einwandfreiem Trinkwasser versorgen.
 

Medizin im Wandel der Zeit

„Medizin im Wandel der Zeit“ widmet sich auch den ersten Ärztinnen Wiens, deren Weg in die medizinische Praxis trotz großer Widerstände bahnbrechend war. Unter ihnen sticht Bianca Bienenfeld, die erste praktizierende Gynäkologin der Stadt, hervor. Um 1920 wirkte sie in einem Wien, das sich zwischen Tradition und Moderne neu formierte, und setzte sich für die medizinische Versorgung von Frauen ein.

Die Schau zeigt, dass viele Herausforderungen unserer Gegenwart keineswegs neu sind. Krankheiten, Seuchen und gesellschaftliche Krisen begleiten die Menschheit seit Jahrhunderten und rufen ähnliche Reaktionen hervor: Angst, Verunsicherung, soziale Spannungen – aber auch Reformen, Innovationen und solidarisches Handeln. Zugleich erinnert die Ausstellung daran, dass Fortschritt immer ein Zusammenspiel von Wissenschaft, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und menschlicher Verantwortung ist. Und sie zeigt: Gesundheit ist ein medizinisches, aber auch ein zutiefst menschliches und den Glauben berührendes Thema. 

Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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