Was Gerechtigkeit mit Liebe zu tun hat
Diskussion bei den katholischen Publizisten
Bei der von Udo Bachmair geleiteten Diskussion des Verbandes der Katholischen Publizistinnen und Publizisten Österreichs am 8. April in Wien ließ Helmut Schüller, der frühere Caritas-Präsident und Generalvikar der Erzdiözese Wien sowie Gründer der Pfarrer-Initiative, mit einem in diesem Zusammenhang nicht erwarteten Zitat aufhorchen. „Gerechtigkeit ist die politische Seite der Liebe“, zitierte Schüller aus der ersten Enzyklika „Deus caritas est“ („Gott ist die Liebe“) von Papst Benedikt XVI. „Gerechtigkeit und Menschenrechte sind ein biblischer Auftrag“, ergänzte Schüller. Je konkreter die kirchlichen Wortmeldungen zu Gerechtigkeitsthemen gewesen waren, desto mehr Widerspruch gab es, erinnerte sich Schüller an seine Zeit als Caritas-Präsident. Aufgabe der Kirchen sei es, „Brücken zu schlagen und Versöhnungsarbeit zu unterstützen“.
Gegen Armut, für Gerechtigkeit und Frieden seien alle
„Kirche ist politisch aufgrund des Evangeliums, sie ist aber kein tagespolitischer Player und sie ist mehr als eine Nichtregierungsorganisation“, erläuterte Rudolf Mitlöhner, Leitender Redakteur des „Kurier“. Bezüglich der sich heuer häufenden Osterwünsche der Politikerinnen und Politiker auf Social-Media-Kanälen wie Facebook meinte Mitlöhner, dass er „nicht wüsste, wo die Instrumentalisierung von Religion beginnt und wer das entscheidet“. „Wer entscheidet, was legitim ist und was nicht?“ Konkret: „Wenn Herbert Kickl ,Gesegnete Ostern‘ wünscht, ist es böse, bei Alexander Van der Bellen ist es ein Zeichen von Menschenfreundlichkeit.“ Gegen Armut, für Gerechtigkeit und Frieden seien alle, das könne „nicht das Kriterium sein“, unterstrich Mitlöhner: „Die Unterschiede liegen in den Antworten auf die Frage, wie das jeweils zu erreichen ist.“ Ganz anders beurteilt das Doris Helmberger-Fleckl. Die Chefredakteurin der „Furche“ stellte eine zunehmende Instrumentalisierung des Religiösen durch die Politik fest. Sie erinnerte an das „Mariazeller Manifest“ aus dem Jahr 1952, in dem die katholische Kirche den Grundsatz einer „freien Kirche in einem freien Staat“ formulierte. Die Journalistin sieht auch einen stärker werdenden „politischen Messianismus“, der sich mit „der Sehnsucht nach einem Heilsbringer, nach Heilsgestalten“ verbinde.
„Eine freie Kirche in einem freien Staat“
Doris Helmberger-Fleckl
„Wie politisch kann, darf und muss Kirche sein?“
Das Thema der Diskussion – „Wie politisch kann, darf und muss Kirche sein?“ – ist für die evangelische Theologin und Psychotherapeutin Rotraud Perner „keine Frage des Dürfens oder des Könnens, sondern des Müssens“. Sie beklagte die allgegenwärtige „Sehnsucht nach Verurteilung und nach Bewertung“: „Jesus aber hat nicht verurteilt.“ Es brauche auch „klare Gegenpositionen zum Hass“, so Perner.
Lauter sprechen beim Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit
„Kirchen haben einen demokratischen Mehrwert. Hier geht es darum, verschiedene Meinungen unter einem Dach auszuhalten“, unterstrich der Pfarrer der lutherischen Stadtkirche in Wien, Johannes Modeß. Bisweilen sei „Zurückhaltung auch positiv“, um dann „ein fundiertes Urteil“ abgeben zu können. Jesus habe „eine Haltung vorgelegt, die Leid und Unrecht benennt“. „Spirituelles und Politisches gehören zusammen. Die Kirchen sollen daher lauter sprechen beim Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit“, betonte der evangelisch-reformierte Pfarrer und frühere Landessuperintendent Thomas Hennefeld. Hinsichtlich der Frage der Gerechtigkeit betonte Hennefeld: „Das Sozialwort der christlichen Kirchen“ handle viel von „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“.